Mit seiner Stiftung »Gesunde Erde-Gesunde Menschen« verbindet der Arzt, TV-Moderator, Wissenschaftsjournalist und Bestsellerautor Dr. Eckart von Hirschhausen die Gesundheit unseres Planeten mit dem individuellen Wohlbefinden. Mit einem Team von 20 Mitarbeitenden setzt er innovative Kampagnen wie »Echte Leistungsträger« zum Wert der Natur um. Im Interview verrät er seine eigenen Gesundheitsrezepte für Mensch und Mutter Erde.
Herr von Hirschhausen, wie geht es Ihnen?
Danke, gut! Körperlich geht es mir besser als früher. Dank Intervallfasten habe ich mein Bauchfett reduziert und damit auch mein Risiko für alle Erkrankungen, die mit den chronischen Entzündungen einhergehen, von Herzinfarkt bis Demenz. Sie erwischen mich gerade in den Vorbereitungen für die Weltklimakonferenz, auf der ich mit meiner Stiftung Gesunde Erde-Gesunde Menschen inzwischen offiziellen Beobachterstatus habe. Daher weiß ich gerade nicht, wo mir der Kopf steht. Aber ich werde von Ihnen grüßen, sobald ich meinen Verstand wiedergefunden habe (lacht).
Und wie geht es unserer Erde?
Als Arzt würde ich sagen: Mutter Erde gehört auf die Intensivstation, denn sie hat steigendes Fieber und krankt an vielen lebenswichtigen Organen gleichzeitig. Die letzten wissenschaftlichen Studien zeigen, dass wir sieben der neun planetaren Grenzen überschritten haben, konkret: Überhitzung, rapide Vernichtung des Artenreichtums, Verlust an fruchtbaren Böden, an Trinkwasser und seit diesem Jahr auch die Übersäuerung der Meere mit vielen Konsequenzen für Korallen, Wale und alle Menschen, die vom Meer leben. Wir sind ja nicht am Spielfeldrand und beobachten das von außen – wir Menschen sind mittendrin. Als Leidtragende und Verursacher. Das Gute an dem Desaster: Es ist menschengemacht. Deshalb können wir Menschen es auch noch ändern, mildern und uns, wo nötig, anpassen. Und diese Perspektive ist mir wichtig. Wir müssen nicht »das Klima« retten. Sondern uns. Physik gilt weiter, auch wenn man es in der Schule abgewählt hat. Naturgesetze sind nicht verhandelbar.
Was bedeutet »planetare Gesundheit« für Sie?
Gesundheit beginnt nicht mit einem MRT oder einer Operation. Gesundheit beginnt mit der Luft, die wir atmen, dem Wasser zum Trinken, Pflanzen zum Essen, erträglichen Temperaturen und einem friedlichen Miteinander. Alles davon ist akut in Gefahr. Und nichts davon wird von allein besser. Niemand kann sich eine eigene Außentemperatur kaufen – noch nicht einmal Privatversicherte.
Selbstverständlich hat die eigene Gesundheit viel mit Eigenverantwortung zu tun, speziell was ich esse, wie viel ich mich bewege, ob ich etwas für mein psychisches Gleichgewicht tue. Oder lasse. Aber nicht nur. Ein krasses Beispiel aus meiner neuesten Dokumentation für die ARD »Hirschhausen und das große Vergessen«: Im Gehirn von Menschen, die an Demenz verstarben, findet sich unfassbar viel Mikroplastik. Bis zu sieben Gramm, die Menge eines ganzen Plastiklöffels. Ein Teil stammt aus Reifenabrieb. Wir alle atmen das unweigerlich ein. Was hilft? In Paris ist die Luft messbar viel besser geworden, durch mehr Bäume und Pflanzen in der Stadt, mehr Fahrradwege und weniger Autos im Stau. Das sind Städte der Zukunft.
Eine ihrer Vorbilder war die kürzlich verstorbene Schimpansenforscherin Jane Goodall. Was hat Goodall Ihnen bedeutet?
Das klingt vielleicht pathetisch – aber selten habe ich eine so charismatische und gleichzeitig bescheidene Frau getroffen wie Jane Goodall. Jane wurde 91 Jahre, sie starb bei einer Vortragsreise, denn bis zuletzt vermittelte sie die dringende Notwendigkeit, dem Verlust der Artenvielfalt entgegenzutreten. Ohne die Begegnung mit ihr wäre mein Leben anders verlaufen. Sie inspirierte mich dazu, eine neue Stiftung zu gründen, »Gesunde Erde-Gesunde Menschen«, und Artenreichtum als das zu begreifen, was er ist: als das Netz des Lebens, was uns Menschen trägt. Selbst Ameisen, Regenwürmer und Insekten sind »echte Leistungsträger« unserer Wirtschaft und unserer Gesundheit.
Was war Goodalls Botschaft an uns alle?
Jane stellte mir eine Frage, die gleichzeitig uns alle betrifft: Wie kann es sein, dass wir Menschen immer betonen, die schlauste aller Arten zu sein – und gleichzeitig zerstören wir unser eigenes Zuhause? Seit dieser Begegnung lässt mich diese Frage nicht mehr los. Sie treibt mich an, nach Antworten zu suchen. Ich gebe sie weiter, bei jedem Auftritt, in jedem Vortrag, in jeder Vorlesung, in jedem meiner Bücher von Primaten bis Pinguinen. Jane betonte: »Die größte Gefahr ist die Teilnahmslosigkeit. Was du machst, macht einen Unterschied. Und du musst entscheiden, was für einen Unterschied du machen willst.« Das war ihr Vermächtnis.
Sie engagieren sich schon über fünf Jahre mit Ihrer Stiftung dafür, lösungsorientiert, wissenschaftsbasiert und überparteilich die Themen zu verbinden. Ihre aktuelle Kampagne »Echte Leistungsträger« ist ein gutes Beispiel dafür. Welche Idee steckt dahinter?
Ein neuer Blick auf die Natur und ihren wirtschaftlichen Wert! Denn die echten Leistungsträger dieser Erde sind nicht wir Menschen. Die echten Leistungsträger sind Ameisen, Bienen, Eiben und Rotkehlchen. Haben wir den Klettverschluss erfunden? Nee, das war die Klette. Haben wir das Aspirin erfunden? Nee, das war die Weidenrinde. Und aus den Nadeln der Eibe stammt ein wichtiges Mittel gegen Krebs, Paclitaxel – mit Millionenumsätzen im Jahr. Ein Beispiel aus der Kampagne sehen Sie in der Abbildung. Mehr als die Hälfte der Antibiotika und Chemotherapien beruhen auf Natur. Mit jeder Art, die wir ausrotten, geht dieser Innovationsschatz verloren. Für immer. Vielleicht auch lebensrettende Substanzen! Und uns entgeht ein Riesengeschäft! Denn die Natur stellt uns für ihre Dienstleistungen, ihre Erfindungen und ihre Patente keine Rechnung. Dabei ist die Summe der sogenannten »Ökosystemleistungen« fast das Doppelte von dem wert, was die menschliche Wirtschaftsleistung ausmacht.
Im aktuellen World Risk Report 2025 sehen internationale Ökonom:innen und Unternehmer:innen als die drei größten Gefahren für unsere Wirtschaft Extremwetterereignisse, den Verlust der biologischen Vielfalt und kritische Veränderungen des Erdsystems. Warum, glauben Sie, ist der Erhalt unserer Wirtschaft und unserer Lebensgrundlagen zu einem so aufgeladenen Thema geworden?
Gute Frage. Eigentlich ist die »Bewahrung der Schöpfung« ja ein erzkonservatives Thema. Ich hatte das Glück, Klaus Töpfer mit einer Laudatio in der Konrad-Adenauer-Stiftung zu ehren. Er stand für eine CDU, die mit sinnvoller guter Ordnungspolitik konkret etwas gegen den sauren Regen und das Waldsterben in den 80er-Jahren getan hat. Die Reden, die 1992 in Rio gehalten wurden, könnte man heute eins zu eins wiederholen. Unsere Lebensgrundlagen zu schützen, gelingt weder einer Partei noch einer Generation allein. Wir schaffen das gemeinsam oder gar nicht. Natur ist kein Nice-to-have, sondern Infrastruktur, Asset! Unter Versicherungsmathematiker:innen gibt es keine Klimaleugner:innen.
Welche Zahlen haben Sie selbst überrascht?
Was kostet ein Glas Honig, wenn die Biene Mindestlohn bekommt? 300 000 Euro! Nichts von dem, was in einem Supermarktregal steht, ist im Supermarkt entstanden. Wir schauen gerne auf den Preis. Und ärgern uns, was alles teurer wird. 75 Prozent aller Nutzpflanzen profitieren von Bestäubern. Insekten erschaffen weltweit 500 Milliarden Dollar pro Jahr. Ein Drittel der Arten ist akut bedroht, in Deutschland fehlen in manchen Regionen bereits drei Viertel aller Insekten. Können wir das ersetzen? Mit Drohnen, KI oder Pinsel? Nein.
Welche Rolle spielt die seelische Gesundheit dabei?
Immer mehr Studien zeigen, wie eine klingende Natur und insbesondere Singvögel für unsere seelische Widerstandskraft extrem wichtig sind. Wenn man weiß, wie viele Milliarden uns die Krankschreibungen kosten, von dem Leid ganz abgesehen, nämlich ungefähr so viel wie der gesamte Umsatz der deutschen Automobilindustrie, ist auch jeder Singvogel ein Leistungsträger. Artenreichtum sichert uns bezahlbare Lebensmittel, die Landwirtschaft, die Volkswirtschaft, die körperliche und die seelische Gesundheit. Natur hat einen Wert, einen ökonomischen und einen Lebenswert. Auf diese Leistungsträger zu verzichten, können wir uns gar nicht leisten.
Gesundheitsvorsorge besteht seit jeher aus Tun und Lassen. Wie sieht denn ein »gesunder Tag« bei Ihnen aus?
Oh, da fragen Sie was! Seit wann läuft denn der Wegweiser den Weg selbst (lacht). Ich habe keine »Morgenroutine«, erst mal Kaffee und am besten gleich losschreiben, denn frühmorgens habe ich Ruhe. Mein nächstes Buch dreht sich um »Resilienz«, auf gut Deutsch: Wie wird man in Zeiten wie diesen nicht verrückt? Ich frühstücke später, damit ich 16 Stunden Essenspause habe zum letzten, frühen Abendessen. Für meine Seele fahre ich viel Rad in der Natur. Und spiele Gitarre. Ab und zu gönne ich mir noch einen Auftritt mit Piano und Cello mit dem Programm »Musik macht glücklich und rettet die Welt« beim Rheingau Musikfestival, in der Alten Oper oder zuletzt in der Elbphilharmonie. Im Kontakt mit Menschen, mit Publikum oder bei den vielen Impulsvorträgen, die ich halte, bin ich voll in meinem Element.
Was wünschen Sie sich von unseren Leserinnen und Lesern, was kann jeder Einzelne tun?
Die beste Investition in die Zukunft ist, heute die artenreichsten Gebiete auf der Erde, die Juwelen der Biodiversität, zu schützen. In Deutschland alle Moore, Streuobstwiesen und das Wattenmeer. Und die wichtigsten zusammenhängenden Gebiete rund um den Äquator. Mit dem »Legacy Landscape Fond« fördert das die KfW. Win-Win-Win. Da kann man Steuern sparen und was Sinnvolles tun. Die Erde ist der einzige Planet im Universum mit Kaffee, Sex und Schokolade. Besser wird es nirgendwo. Und vielleicht hilft es, zu wissen: Was wir hier haben, kostet etwas. Was ist es uns wert?
Über das Projekt

Maria Furtwängler ist eine von vielen prominenten Persönlichkeiten, die die Kampagne unterstützt. Warum Insekten Ertragsquoten steigern und viele weitere überraschende Fakten rund um das Thema Artenreichtum finden Sie unter:
echte-leistungsträger.de
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