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Halle Berry: «In meinem Alter steht man schnell vor der letzten Chance»

21.01.2021
von Marlène von Arx

Halle Berry ist seit über 30 Jahren als Schauspielerin erfolgreich. Jetzt, mit 54 Jahren, wagt sie erstmals den Schritt hinter die Kamera. «Bruised» heisst der Film, handelt von einer Mixed-Martial-Arts-Kämpferin und wird 2021 auf Netflix zu sehen sein. Die Oscarpreisträgerin über das Betreten von Neuland und das Überwinden der eigenen Zweifel.

Halle Berry, Sie sind seit über dreissig Jahren im Filmgeschäft. Mit 54 haben Sie nun Ihren ersten Film als Regisseurin gedreht. Wie kam es dazu?

Wie vieles in meinem Leben: Ich habe es nicht so geplant, es hat sich so ergeben. Ich habe eine Möglichkeit erkannt und bin furchtlos auf sie zugegangen.

Können Sie das etwas genauer erklären?

Das Drehbuch «Bruised» über eine MMA-Kämpferin war ursprünglich für ein 22-jähriges irisch-katholisches Mädchen geschrieben. Mir schien eine Protagonistin in meinem Alter interessanter: Wenn man mit 22 Jahren Mist baut, nimmt man halt einen zweiten Anlauf. In meinem Alter steht man hingegen schnell vor der letzten Chance. Ich wollte diese Rolle spielen und den Schauplatz in die Bronx verlegen. Die Produzenten willigten ein und beauftragten mich, einen geeigneten Regisseur zu finden.

Mir schien eine Protagonistin in meinem Alter interessanter: Wenn man mit 22 Jahren Mist baut, nimmt man halt einen zweiten Anlauf.Halle Berry

Und da kamen Sie sofort auf sich selbst?

Nein, ich habe mich mit vielen potenziellen Regisseuren und Regisseurinnen getroffen – erfahrene, junge – die ganze Bandbreite. Aber niemand sah diese Underdog-Geschichte so wie ich. Schliesslich kam dann mein Name als Regisseurin ins Spiel. Aber selbst dann hatte ich noch Zweifel.

Hatten Sie denn vor «Bruised» nie Regie-Ambitionen?

Doch schon. Ich schrieb damals auch einen Kurzfilm, den ich inszenieren wollte. Aber ein Spielfilm, in dem ich auch noch die Hauptrolle spielen würde, war mir eine Nummer zu gross.

Wie sind Sie über diese Zweifel hinweggekommen?

Meine gute Freundin Elaine Goldsmith-Thomas [Produktionspartnerin von Jennifer Lopez, Anm. d. Red] hat mich angespornt. Ich hielt es für verrückt, als Erstling so ein grosses Projekt zu verantworten. Aber sie meinte: «Natürlich kannst du das. Niemand versteht den Stoff so gut wie du. Niemand liebt das Buch so sehr wie du.» Ich habe dann eine Nacht darüber geschlafen und kam am nächsten Morgen dann auch zum Schluss: Ja, ich kann das.

Ich hielt es für verrückt, als Erstling so ein grosses Projekt zu verantworten.Halle Berry

Die Unterstützung des Umfelds ist also sehr wichtig, wenn man Neues plant?

Ja. Freunde, die einem sagen, dass man höher hinaus kann, sind wichtig. Die einem sagen, dass man an sich glauben soll und für die es selbstverständlich ist, dass man es kann. Wir reden uns manchmal selber unsere Fähigkeiten aus. Oder wir übernehmen die Ängste anderer, nicht mal unsere eigenen. Ich wusste, dass ich an der Rolle härter arbeiten würde als an jeder Rolle zuvor. Ich wollte nicht, dass die Geschichte in die Hände von jemandem fällt, dessen Visionen sich nicht mit meinen decken. Das wäre für mich ein Desaster und ein Versagen gewesen.

War die Angst des Versagens weg, als Sie hinter der Kamera standen?

Nein, natürlich hatte ich die Hosen voll! Jeder Regisseur hat Angst am Anfang. Wer etwas anderes behauptet, sagt nicht die Wahrheit. Alle Regisseure, mit denen ich gearbeitet habe, haben mir gesagt, Angst und Sorgen sind gesund, denn wer sich nicht sorgt, dem ist egal, was herauskommt und der bemüht sich auch nicht, sein Bestes zu geben. Als Schauspielerin hatte ich diese Einstellung ebenfalls. Immerhin war es hilfreich, auf über dreissig Jahre Filmset-Erfahrung zurückgreifen zu können. Das Einfachste war deshalb auch, mit den Schauspielern zu arbeiten.

Jeder Regisseur hat Angst am Anfang. Wer etwas anderes behauptet, sagt nicht die Wahrheit.Halle Berry

Sie haben unter der Regie des Schweizers Marc Forster 2002 für «Monster’s Ball» einen Oscar gewonnen. Haben Sie sich bei ihm Tipps geholt?

Ja, er ist ein Freund, auf dessen Hilfe ich zählen kann. Warren Beatty, mit dem ich «Bulworth» gedreht habe, steht auch immer zur Verfügung, wenn ich eine Frage habe. Von ihnen habe ich gelernt, wie wichtig es ist, die richtigen Leute zu engagieren, die ihre Arbeit und meine Vision verstehen und sie dann walten zu lassen. Ich habe auch gerne mit Susanne Bier gearbeitet, die die Industrie aus der weiblichen Perspektive kennt, sie überlebte und gute Ratschläge hat.

Ihre Arbeit vor der Kamera in «Bruised» ist körperlich sehr anspruchsvoll. Sie spielen eine Mixed-Martial-Arts-Kämpferin – war das mit 54 eine zusätzliche Herausforderung?

Ach diese Zahl! Ist mein Beitrag zu «John Wick 3» nicht Statement zu diesem Thema genug? Ich weiss, ich habe ein gewisses Alter erreicht. Aber es ist wirklich an der Zeit, dass wir Frauen dieser Altersdiskriminierung mal eins in die Fresse hauen. Ich bin es leid, über die Zahl in meiner Geburtsurkunde definiert zu werden.

Ich bin es leid, über die Zahl in meiner Geburtsurkunde definiert zu werden.Halle Berry

Niemand zweifelt an Ihrer Fitness…

Ich bin auch fitter als je zuvor. Aber ich musste mein Workout umstellen. Wenn früher 20 Minuten pro Tag reichten, brauche ich heute 40 Minuten für das gleiche Resultat. Ich würde indes niemandem anraten, mir auf der Strasse meine Handtasche entwenden zu wollen, denn ich hätte da sicher eine Überraschung parat. Das erste Gesetz von Martial Arts ist allerdings, dass man seine Fähigkeiten erst einsetzt, wenn es nicht mehr anders geht. Die Kämpfer, die ich für den Film kennengelernt habe, sind die sanftmütigsten und nettesten Leute.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie das Fach wechseln. Sie waren ursprünglich Model und kamen später zur Schauspielerei. Was suchten Sie in der Schauspielerei, das Sie beim Modeln nicht fanden?

Ich suchte einen Ort, an dem man meine Stimme hören würde, wo ich ausdrücken konnte, was ich zu sagen hatte. Ich wollte aber eigentlich gar nicht Schauspielerin werden, sondern Journalistin. Ich dachte, ich würde die Welt bereisen und für die Nachrichten Reportagen machen. Dann entschied das Universum anders und ich liess es auch zu – so wie jetzt mit dem Regie-Debüt. Ich folge nicht immer dem Weg, den ich mir zurecht gedacht habe, sondern manchmal folge ich einfach dem Weg, der sich vor mir auftut. Und damit bin ich in all den Jahren gar nicht schlecht gefahren.

Vor dreissig Jahren haben Sie in Spike Lees Film «Jungle Fever» dann zudem bewiesen, dass Sie mehr als ein schauspielerndes Model sind. Wie schwierig war es damals, den Übergang zu schaffen?

Ich wusste schon als Model, dass ich meine physische Hülle abstreifen musste, wenn ich als Schauspielerin ernst genommen werden wollte. Ich sollte für die Rolle der schönen Ehefrau in «Jungle Fever» vorsprechen, und ich war auch sehr geehrt, dass ich Spike Lee treffen durfte.

Aber die Rolle der Crack-Hure hatte mich mehr angesprochen, weil sie mir erlaubte, diese äussere Hülle abzustreifen, die mich damals definierte. Ich kann nicht sagen, dass Spike Lee sofort sah, was ich zu bieten hatte, aber ich bin ihm ewig dankbar, dass er mir schliesslich die Rolle gab.

Wie wegweisend war die Rolle für Ihre Karriere?

Nicht, dass ich nachher keine körper-betonten Rollen mehr gespielt hätte, aber von da an sah man in mir mehr als ein hübsches Gesicht. Trotzdem musste ich auch bei «Monster’s Ball» wieder kämpfen. Der Produzent Lee Daniels, den ich sehr gerne mag, sagte damals, ich passe nicht zur Rolle. Marc Forster hat sehr für mich gekämpft, denn wer kann schon wirklich sagen, wie jemand auszusehen hat, der leidet?

Wie erwähnt, gewannen Sie für «Monster’s Ball» den Oscar. Wie haben Sie diesen Moment in Erinnerung?

Es war eine dieser Erfahrungen, bei denen ich mich nicht mehr selber wahrnahm. Alles, was ich über diesen Moment weiss, kommt vom Anschauen des TV-Replays. Ich hatte den Golden Globe im Vorfeld nicht gewonnen, so dachte ich, es wird auch mit dem Oscar nichts. Ich hatte keine Rede vorbereitet. Mein Unterbewusstsein hat dann das Ruder übernommen.

https://www.youtube.com/watch?v=llgL7mGYVTI

Sie waren die erste schwarze Schauspielerin, die in der Kategorie «Beste Hauptdarstellerin» einen Oscar gewann. Was bedeutet Ihnen das?

Ich wusste, dass das ein bedeutungsvoller Augenblick war. Über die Jahre haben mir Menschen immer wieder gesagt, wie dieser Moment etwas in ihren Gedanken veränderte, welche Möglichkeiten es für sie gab und was sie erreichen konnten. Das Traurige ist, dass ich auch zwanzig Jahre später die einzige geblieben bin. Ich hatte wirklich gehofft, dass inzwischen weitere schwarze Schauspielerinnen in dieser Kategorie ausgezeichnet worden wären.

Gibt es im Jahr 2021 mehr Grund zur Hoffnung für schwarze Schauspielerinnen?

Die Zeiten ändern sich nun schon. Vor 20 Jahren war es ganz klar schwieriger, Rollen zu finden. Heute gibt es auch tolle Rollen fürs Fernsehen. Ich bin dieser Auszeichnung dankbar. Sie hat mein Leben auf viele Arten verändert, aber ich wollte mich nie dadurch definieren lassen.

Wie meinen Sie das?

Ich habe weiter versucht, als Schauspielerin Risiken einzugehen, so wie «Monster’s Ball» auch ein Risiko war. Meine Rollenwahl haben nicht immer alle verstanden und ich musste für sie geradestehen – was nicht immer einfach ist, wenn man mal den höchsten Preis in unserer Industrie gewonnen hat.

2011 ging der Oscar für die Beste Hauptdarstellerin an Natalie Portman. Das Interview mit dem Star aus «Black Swan» gibt es hier.

Interview Marlène von Arx
Bild HFPA

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