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8 Dezember 2019

«Ich wünschte, ich hätte meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse früher erkannt».

Mit 13 war sie bereits ein Hollywood-Star und mit 22 dann eine Harvard-Studentin, aber gewisse Lektionen lernte Natalie Portman erst später im Leben: Die Schauspielerin über unbewusste Vorurteile gegen Frauen, ihr Engagement gegen den Klimawandel und warum sie sich nicht auf Mutterrollen stürzt. 

Natalie Portman, Sie gehören zu den Schauspielerinnen in Hollywood, die konkrete Schritte unternehmen, um Frauen in einem neuen Licht zu zeigen und eine Gleichstellung hinter der Kamera zu erreichen. Was ist Ihr aktueller Stand in der «50:50 bis 2020»-Initiative?

Vor etwa einem halben Jahr wurden Schauspieler und Schauspielerinnen gebeten, in den nächsten eineinhalb Jahren mit einer Regisseurin zu arbeiten. Ich habe diese Absicht unterzeichnet. Und ich werde sie einhalten. Ganz bestimmt.

Welches sind die Hindernisse heutzutage?

Es gibt Hindernisse auf jedem Level: Es ist schwieriger für Regisseurinnen, für einen Studio-Film oder für einen unabhängigen Film engagiert zu werden. Sie haben es schwerer, in Festivals reinzukommen, sie kriegen die härteren Kritiken, weniger Marketing-Dollars und weniger Kinos, um ihre Filme zu zeigen. Vieles davon ist ein unbewusstes Vorurteil. Ich glaube nicht, dass jemand absichtlich Männer bevorzugt. Vorurteile, welcher Job für einen Mann oder eine Frau ist, haben wir alle. Dass wir jetzt darüber reden, hilft schon viel. Diesen Herbst sind bedeutend mehr Filme ins Kino von Frauen gekommen, als in vergangenen Jahren.

In Ihrem jüngsten Film «Lucy in the Sky» spielen Sie eine Astronautin – ein Bubentraum wird zum Mädchentraum?

Ich träumte als Kind jedenfalls davon, Astronautin zu werden. Meine Generation ist mit Sally Ride [erste Amerikanerin im All, Anm. d. Red] aufgewachsen. Das war die coolste Sache. Wir nahmen sie in der Schule durch. Aber Frauen im All sind immer noch eine Rarität: Unlängst hätten zwei Frauen auf einer Mission teilnehmen sollen, aber es gab nicht genügend Astronauten-Anzüge für Frauen. So konnte am Schluss nur eine gehen. Das ist Wahnsinn!

An der Rolle ist nicht nur der Beruf aussergewöhnlich, sondern auch die Figur selber, die sich nicht direkt als Heldin beschreiben lässt. Ein bewusster Schritt weg von gängigen Frauenrollen?

Genau. Das ist eine aufregende Chance. Wir sind es uns gewohnt, grummelnde Männer im Kino zu sehen, die wir trotzdem mögen. Wir kennen komplizierte Männer auf der Leinwand, die Schwierigkeiten haben und deprimiert sind. Komplexe Frauenrollen sind seltener. Diese Protagonistin ist in einer Existenz-Krise. Lucy ist nicht sonderlich sympathisch und nicht hier, damit man sie mag. Astronauten sind sehr ehrgeizig und konkurrenzieren sich. Unter Männern mag das nach Spass aussehen. Eine Frau wird sofort als arrogant betrachtet. Ich habe mich selber gefragt, ob Lucy vielleicht zu hart rüberkommt. Mir ist selber nicht ganz wohl dabei. Aber eben: Sie ist ein komplizierter Mensch und davor wollten wir uns nicht drücken. 

Sie haben Psychologie studiert. Hilft Ihnen das in Ihrer Arbeit als Schauspielerin?

Es gibt sicher Ähnlichkeiten: In der Psychologie schenkt man anderen Menschen Aufmerksamkeit und versucht, sich vorzustellen, wie ihr Leben ist und warum sie tun, was sie tun. Als Schauspieler stellen wir uns auch das Leben eines anderen Menschen vor. Dazu verbindet Schauspielerei und Psychologie eine grundsätzliche zwischenmenschliche Sympathie. Man macht sich die Mühe, sich hinzusetzen und darüber nachzudenken, wie es jemandem geht und was die Person durchmacht. Das kann sehr kompliziert sein. Wir verstehen ja uns selber oft nicht, geschweige denn einen anderen Menschen. 

Hat Ihnen Ihr Studium auch geholfen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren, als Sie bereits als Teenager weltberühmt wurden?

Ich glaube, aus seiner eigenen Blase herauszutreten und sich um andere zu sorgen, ist die Basis des Menschseins. Meine Sorgen sind nicht das Zentrum der Welt. Mein Leben ist nicht der Ursprung von allem. 

Das wird einem erst richtig bewusst, wenn man Kinder hat. Oder wie hat Sie das Muttersein verändert?

Fragen Sie Männer auch, wie sie das Vatersein verändert?

Natürlich!

Okay, dann: Natürlich hat mich das Muttersein auf bedeutende Weise verändert. Als Künstlerin bin ich aber immer noch dieselbe. Mir ist meine Arbeit wichtig und dass die Zeit, die ich getrennt von der Familie verbringe, sinnvoll eingesetzt ist. Meinem Mann geht es genau gleich. Denn Männer müssen sich ja auch überlegen, wie sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen. 

Ihr Mann ist der französische Choreograph Benjamin Millepied und leitet das L.A. Dance Project. Sprechen Sie zu Hause Französisch?

Ein bisschen. Aber mein Sohn meint dann jeweils, ich soll aufhören. Ich sei furchtbar darin. Es sind also hauptsächlich mein Mann und die Kinder, die zu Hause Französisch sprechen. Aber ich kann folgen. Ich weiss meistens, worüber gesprochen wird.

Sie hatten bereits als Kind eine Karriere. Aus der Perspektive einer 38-Jährigen: Was würden Sie rückblickend anders machen?

Ich wünschte, ich hätte früher verstanden, meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen, anstatt es immer allen recht machen zu wollen. Das habe ich etwas spät erkannt. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, wie wir Frauen sozialisiert sind: Wir denken immer zuerst daran, was andere brauchen – was durchaus auch eine positive Seite hat. Andere zu berücksichtigen, ist wichtig, aber manchmal lenkt es von den eigenen Bedürfnisses ab. Das musste ich zuerst lernen.

Das heisst, Sie sind auch selbstsicherer geworden?

Auf jeden Fall. Mit zunehmendem Alter kennt man sich besser und fühlt sich wohler in der eigenen Haut. Ich möchte um kein Geld der Welt zurück zu den Zeiten, als ich mir verloren vorkam. Aber gewisse Dinge ändern sich wohl nie. Ich habe beispielsweise nach wie vor Lampenfieber vor Auftritten in der Öffentlichkeit. 

Tatsächlich?

Oh ja. Für den Film «Vox Lux» musste ich vor Publikum singen. Immerhin: Wir filmten in einem neuen Studio, das fünf Minuten von meiner alten High School entfernt war. Die Statisten aus der Gegend waren also «mein Volk». Meine Vertrauenslehrerin von damals, mit der ich immer noch befreundet bin, kam mit ihren Kindern und Freunden. So hatte ich etwas weniger Angst, mich zum Idioten zu machen. Ich durfte einfach nicht dran denken, dass die Tänzer, mit denen ich auftrat, gerade eine Tour mit Beyoncé hinter sich oder ein Video mit Drake gedreht hatten.

Mit einem Tänzer und Choreographen als Ehemann tanzen Sie doch sicher auch zu Hause?

Ja, Tanzen gehört zu unserem Leben. Und es ist ein sehr schöner Teil meines Lebens. Die ganze Familie tanzt. Die ganze Zeit.

Anstelle des Tanzbeins schwingen Sie nächstes Jahr den Hammer als weiblicher «Thor». Worauf freuen Sie sich dabei am meisten?

Auf die Zusammenarbeit mit Regisseur Taika Waititi, Tessa Thompson und Chris Hemsworth. Das ist wirklich ein Dreamteam. Und ich finde es sehr cool, bei etwas mitzumachen, das so vielen Leuten Freude bereitet. 

Wieviel Superheldin steckt in Ihnen? Neigen Sie zu waghalsigen Abenteuern? 

Ich bin nicht sehr waghalsig. Ich würde mich als vorsichtig risikofreudig einstufen. Ich arbeite gerne mit interessanten Regisseuren, ich steige gerne in die Achterbahn. Aber ich mache nichts, was wirklich gefährlich ist.

Haben Sie sich eigentlich mal in die nordische Mythologie um Thor vertieft?

Ja, bereits als ich beim ersten «Thor» mitspielte. Es ist ja lustig, wie die Wochentage auf Englisch von den nordischen Göttern stammen: Thursday von Thor, Friday von Frigg, Wednesday von Woden. Dafür haben sich die romanischen Sprachen die Planeten unter den Nagel gerissen! 

Von den nordischen Göttern zu Ihrem jüdischen Glauben: Welchen Stellenwert hat er in Ihrem Leben?

Mein Glaube ist mir schon wichtig. Ich bin praktizierende Jüdin und erziehe meine Kinder jüdisch. Aber ich denke nicht, dass er beispielsweise Einfluss auf meine Rollenwahl hat. Ich wähle Figuren, weil sie nicht sind wie ich. Ich will nicht eine Version meiner selbst spielen. Ich will bei der Arbeit keine Mutter verkörpern, denn ich bin zu Hause ja schon eine Mutter. Ich lebe lieber mein Leben und nutze die Kunst, das zu erkunden, was ich im realen Leben nicht kenne. 

Im realen Leben setzen Sie sich auch für den Klimaschutz ein…

Ja, ich war im September am Klima-Streik Downtown. Ich finde es sehr inspirierend, dass die jungen Leute die Führung übernommen haben. Ich hoffe, die Regierungen und die Alten hören zu. 

Was müsste jetzt konkret als nächster Schritt passieren?

Wir brauchen wirklich eine radikale Veränderung, wie wir leben. Länder müssen ihre Emissions-Standards ändern. Dass man weniger fliegt oder Plastikflaschen braucht, kann und muss man ändern. Man kann auch mit dem Essverhalten eine grosse Veränderung bewirken. Weniger Tierprodukte essen hat einen grossen Effekt, denn Nutztierhaltung ist die zweitgrösste Verursacherin von Erderwärmung. Ich ernähre mich schon lange vegan und das ist wirklich eine Art, wir jeder einen Beitrag leisten kann. 

Text: Marlène von Arx,  Bild: ©HFPA

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