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Spieglein, Spieglein – Männer im Schönheitswahn

01.03.2018
von Selin Turhangil

Ob Augenlid oder Bauchdecke: Bei Männern jeglichen Alters drückt immer öfter der Schuh, wenn die Gedanken ums Aussehen kreisen. Prominente Negativbeispiele rücken dabei in weite Ferne. Doch welche Problemzonen treiben Männer in den Schönheitswahn?

Noch führen die Frauen, wenn es um ästhetische Eingriffe und Schönheitswahn geht. Aus Patientenumfragen geht jedoch hervor, dass der Männeranteil der Klienten inzwischen beinahe 20 Prozent erreicht. Von 18 bis 80 Jahren ist dabei jedes Alter vertreten. Wie könnte es auch anders sein? Die Gesellschaft befürwortet bewusst und unbewusst ästhetisch makelloses Auftreten. Auch bei Männern kennt sie kein Erbarmen; deshalb sind diese immer öfters dazu bereit, ihrer Schönheit chirurgisch auf die Sprünge zu helfen.

Schnipp, schnapp

Insbesondere der Männerbrust geht es in der Schweiz an den Kragen. Besonders junge Patienten zwischen 20 und 30 Jahren fühlen sich in der heutigen Kultur, in der Instagramkonti und Selfies unumgänglich geworden sind, enormem Druck ausgesetzt. Sind Männer eher um die 40 oder 50, empfinden sie die wachsende Brust jedoch kaum als weniger lästig: Laut dem plastischen Chirurg Roland Schaffer würden sich viele «nicht mehr männlich» fühlen, wenn die Polster an jenem Ort quellen.

Das Wachstum der Brust ist grösstenteils genetisch bedingt: Einige tendieren an dieser Stelle zu mehr Fettgewebe als andere. Der Lebensstil kann jedoch ebenfalls beträchtlichen Einfluss auf die Ausgangslage haben. Dass fehlerhafte Ernährung und wenig Bewegung dabei an der Spitze stehen, mag keinen erstaunen; doch auch Alkohol-, Drogen- und Anabolikakonsum sind mit im Bunde der Übeltäter. Dies betrifft auch Cannabiskonsumenten. Zu erwähnen sind auch Proteinshakes, bei denen es sich meist um versteckte Kalorien- und Fettbomben handelt.

Eine weitere «Problemzone» stellen die Haare dar – oder was davon noch übrigbleibt.

Gross im Kommen sind beim männlichen Geschlecht auch Lidoperationen aller Art. Tränensäcke und Schlupflider sind gar nicht gern gesehen und gehören zu den am häufigsten durchgeführten Eingriffen: Das Gesicht steht je länger, je mehr im Vordergrund. Da es sich bei Schönheitsoperationen nicht um medizinisch notwendige Eingriffe handelt, ist ein detailliertes Vorgespräch mit einem Spezialisten unumgänglich. Sind die Wünsche des Patienten unrealistisch, kann eine Behandlung sogar abgelehnt werden.

Alles Haarspalterei?

Eine weitere «Problemzone» stellen die Haare dar – oder was davon noch übrigbleibt. Viele mögen sich in Synesios von Kyrene, dem spätantiken griechischen Philosophen und Schriftsteller, wiederfinden: Auf seinem Haupt habe «der Krieg schon in der Jugend gewütet und ganze Büschel geplündert». Tatsächlich glaubten die Griechen damals, dass Haarausfall Unheil in Form von Krankheiten ankünde. Zahlreich sind die Männer, die heute Synesios’ Frust teilen würden: Laut einer Studie werden Männer mit lichtem Haupthaar durchschnittlich drei Jahre älter geschätzt.

Dass viele Frauen Glatzen laut derselben Studie unattraktiv finden, hilft dem männlichen Selbstbewusstsein kaum auf die Sprünge. Auf vielen Dating-Websites ist gar das Kriterium «Keine Glatze» ankreuzbar – was bleibt dem verunsicherten Mann da anderes übrig als sich von zahlreichen Pop-up-Fenstern und Tramwerbung in Versuchung bringen zu lassen? Totalrasur à la Prinz William, Camouflage-Technik oder Transplantation: Mann hat die Qual der Wahl. Zwei davon lassen sich gar im Handumdrehen in die Tat umsetzen: durch den Griff zum Rasierer, oder zum Telefon.

Chirurgen scheinen sich aber in einem Punkt einig zu sein: Männer seien sogar im Vorfeld von Schönheitsoperationen selbstsicherer als Frauen.

Make My Hair Great Again

Die ganze Welt ist seit dem Trump’schen Enthüllungsbuch Fire and Fury auf dem Laufenden, dass dieser seine Haare blond tönt. Seine Wahl fiel dabei auf ein Produkt, das mit der Werbebotschaft «just for men» angepriesen wird – wie könnte es auch anders sein. Selbst im Schönheitswahn muss die Männlichkeit betont werden. Der amtierende amerikanische Präsident hilft aber nicht nur bei der Farbe seiner Haare nach, sondern auch bei deren Fülle. Man mag gegen Trump sagen was man will, eines muss man ihm lassen: Die Möglichkeit, dass er eines Tages Gefahr läuft, als Glatzkopf aufzuwachen ist äusserst gering, auch wenn der Gute bereits 71 Jahre auf dem Buckel hat.

Die Referenz für Interessierte lautet Finasterid, die Wunderpille die Trump jeden Morgen schlucken soll. Wenn man bedenkt, dass ihre Wirkung bei diesem bestimmten Klienten etwas übers Ziel hinausgeschossen ist, bleibt zu hoffen, dass sich das Haarwachstum in andern Körperregionen in Schach halten lässt. Wie die Sache funktioniert? Eigentlich ganz einfach: Das im Körper vorhandene Stoffwechselprodukt Dihydrotestosteron (DHT) entsteht durch eine Umwandlung von Testosteron durch das 5-alpha-Reduktaseenzym. Es erfüllt im Grossen und Ganzen dieselbe Funktion wie Testosteron. Leider birgt es aber auch einen ärgerlichen Nebeneffekt: Es verengt die Haarfollikel die früher oder später den Geist aufgeben. Pillen wie Finasterid halten das Testosteron von der Spaltung ab. Es wird weniger Dihydrotestosteron gebildet und die Haarfollikel verengen sich nicht. Folglich bleibt das Haar an Ort und Stelle – Patienten sollen mit Minoxidil ähnlich «trumpfen». Dass ein tiefer DHTSpiegel aber Erektionsstörungen zur Folge haben kann, wird im Zusammenhang mit Donald Trump natürlich nicht erwähnt.

Der Teufel steckt im Detail

Wie immer gehen die Meinungen oft auseinander. Chirurgen scheinen sich aber in einem Punkt einig zu sein: Männer seien sogar im Vorfeld von Schönheitsoperationen selbstsicherer als Frauen. Ihre Erwartungen seien realistischer und beruhten auf intensiverer Vorrecherche im Internet. Technische Details stehen bei der Vorbesprechung eher im Vordergrund als Beratung, oder gar Entscheidungshilfe. In Anbetracht der zunehmenden männlichen Klientel drücke ich die Daumen, dass dem auch so bleibt.

Text: Selin Olivia Turhangil

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