Transformation im Krankenhaus: Warum der Arbeitsplatz über den Erfolg entscheidet
Mit dem Transformationsfonds stehen bis 2035 bis zu 50 Milliarden Euro für die Modernisierung der Krankenhäuser bereit. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Chancen für die digitale Arbeitswelt im Gesundheitswesen?

Stefan Müller: Das ist eine einmalige Gelegenheit, die Krankenhauslandschaft in Deutschland zukunftssicher zu machen: durch Spezialisierung, Digitalisierung, bessere Kooperation zwischen Kliniken, telemedizinische Netzwerke, effizientere Strukturen und damit es insgesamt bessere Versorgungsqualität.
Der Transformationsfonds belohnt erstmals strategische Gesamtkonzepte statt Einzelmaßnahmen und bietet mit einem Zeithorizont von zehn Jahren die Chance für eine nachhaltige Umsetzung. Damit rücken drei zentrale Erfolgsfaktoren in den Fokus: Erstens eine klare strategische Positionierung, insbesondere bei hausübergreifenden Transformationen. Zweitens ganzheitliche Konzepte, die Technologie und Arbeitsumgebung miteinander verzahnen. Und drittens eine kontinuierliche Transformationsbegleitung, und zwar von Anfang an.
Was bedeutet hier »ganzheitlich?«
Kathryn Sikora: Bevor wir über Technologie an sich sprechen, müssen wir verstehen, was wir eigentlich erreichen möchten. Handelt es sich um eine Tätigkeit im medizinischen oder Pflegebereich oder in der Verwaltung? Wie sehen die entsprechenden Prozesse aus? Wie sind die verschiedenen Bedarfe und Bedürfnisse?
Die IT muss sich dabei als unterstützenden Teil der Wertschöpfungskette sehen und als solcher aufgestellt werden. Ziel soll sein, die jeweiligen Arbeitsplätze so zu gestalten, dass Mitarbeitende in ihren Tätigkeiten optimal unterstützt werden. Das ist auch mein persönlicher Anspruch als jemand, der 25 Jahre auf der Seite der Leistungserbringer gearbeitet hat.
Wie können Krankenhäuser den Wirkungsgrad ihrer Digitalisierung messbar machen?
Stefan Müller: Zwischen implementierten Systemen und tatsächlicher Funktionalität klafft oft eine Lücke. Eine Fraunhofer-Studie zeigt: Pflegekräfte dokumentieren täglich rund 109 Minuten – Zeit, die ihnen bei der Patientenversorgung fehlt.
Die digitale Transformation gelingt, indem wir den digitalen Arbeitsplatz konsequent am Menschen ausrichten und nicht umgekehrt.
Digital-Employee-Experience-(DEX)-Plattformen wie ControlUp schaffen Transparenz in Echtzeit: Wo arbeiten Systeme zuverlässig und wo hakt es? Wie lange dauert ein Login? Wo gibt es Performanceprobleme? Die gewonnenen Daten ermöglichen gezielte Verbesserungen. Einige Kliniken nutzen diese Plattformen bereits für proaktive Störungsbehebung, Sicherheitsanforderungen und Trendanalysen zur Weiterentwicklung ihrer Systeme.
In Kliniken arbeiten Menschen mit sehr unterschiedlichen digitalen Kenntnissen zusammen. Wie gelingt die Transformation?
Kathryn Sikora: Die digitale Transformation gelingt, indem wir den digitalen Arbeitsplatz konsequent am Menschen ausrichten und nicht umgekehrt. Babyboomer bringen jahrzehntelange Erfahrung mit: Sie wissen, was im klinischen Alltag zählt. Diese Expertise ist Gold wert für die strategische Ausrichtung.
Digital Natives erwarten Touch-optimierte Oberflächen statt 90er-Jahre-Programmierung, sofortige Verfügbarkeit statt umständlicher Desktop-Anmeldung. Diese digitale Affinität können wir in Multiplikatoren-Programmen nutzen.
Das Ärzteblatt betont: Mitarbeitende wollen als Beteiligte wahrgenommen werden, nicht als Objekte im Veränderungsprozess. Erfolgreiche Krankenhäuser zeigen, dass Digitalisierung gelingt, wenn sowohl die IT als auch alle anderen Akteure wie Ärzt:innen, Pflege und Verwaltung von Anfang an in den Prozess mit eingebunden werden, zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen entwickeln.
Erfolgreiche Digitalisierung braucht kontinuierliche Befähigung und Entwicklung, fortlaufendes Learning mit fortlaufender Unterstützung. Die Menschen müssen verstehen, warum diese Veränderungen kommen, weshalb sie wichtig sind, wie sie davon profitieren und wo sie Hilfe bekommen. Dann entsteht Akzeptanz – generationsübergreifend.
Viele sehen in KI die Antwort auf alle Digitalisierungsprobleme. Wie können Krankenhäuser die Chancen von KI zur Entlastung nutzen, ohne die Kontrolle über sensible Patientendaten zu verlieren?
Stefan Müller: Die Potenziale von KI in Kliniken sind enorm: Voice-to-Text-Lösungen entlasten Pflegekräfte, automatische Zusammenfassungen von Patientenakten sparen Zeit, und strukturierte, KI-generierte Befundberichte unterstützen Ärzte bei der Dokumentation. Erste Kliniken nutzen bereits KI-gestützte Diagnostik, die Ärzt:innen bei komplexen Befunden unterstützt – ohne ihre Entscheidungshoheit einzuschränken.
Digitalisierung ist kein Projekt mit Enddatum, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Der Transformationsfonds gibt bewusst zehn Jahre Raum dafür.
Doch wo Chancen sind, lauern auch Risiken: Unkontrollierte KI-Nutzung ohne Datenschutzkonzept kann zu Datenverlust führen. Gleichzeitig besteht die Gefahr blinder Abhängigkeit, wenn KI-generierte Vorschläge unreflektiert übernommen werden, ohne sie gegenzulesen und mit der Realität abzugleichen.
Krankenhäuser tun also gut daran, sichere, moderne Arbeitsplätze zu schaffen und klare KI-Governance zu implementieren. Das bedeutet klare Richtlinien, welche Tools von wem unter welchen Bedingungen genutzt werden dürfen, gezielte Schulungen, die den sicheren und produktiven Einsatz von KI vermitteln, sowie technische Lösungen, die Sicherheit gewährleisten, ohne Innovation zu blockieren.
Zum Abschluss eine ganz praktische Frage: Ein Klinikvorstand liest dieses Interview und denkt: »Das macht Sinn, das will ich angehen.« Was raten Sie ihm. Und wie kann SVA beim Start unterstützen?
Stefan Müller: Wichtig ist: Nicht einzeln scheitern, sondern gemeinsam lernen. Erfolgreiche Häuser haben das verstanden. Sie tauschen Erfahrungswerte aus. Wer hat bereits erfolgreich eine digitale Patientenkurve eingeführt? Welche Stolpersteine gab es? Was funktioniert wirklich?
Um diesen Austausch zu fördern, bringen wir von SVA regelmäßig zahlreiche Krankenhäuser zusammen, sei es bei unseren Veranstaltungen, bei Branchentreffen oder etwa auf Messen wie der DMEA in Berlin. Dabei geht es um echten Erfahrungsaustausch: Welche Single-Sign-On-Technologien haben sich bewährt, wie setzt man Identity & Access Management praktisch um? – Nur um eine Auswahl zu nennen.
Gleichzeitig bringen wir unser technologisches Know-how ein: Was gibt es Neues am Markt? Welche Lösungen passen zu welchen Anforderungen? Wir agieren als Sparringspartner auf Augenhöhe – mehrwertorientiert, nicht verkaufsorientiert. Wir helfen Krankenhäusern dabei, unterschiedliche Lösungen gegeneinander abzuwägen.
Kathryn Sikora: In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass SVA mit dem Geschäftsbereich Healthcare vor Jahren schon Branchen-Know-how gebündelt hat, das in verschiedenen Situationen zum Einsatz kommt. Wir sind in den frühen Analysephasen, aber auch bei der Umsetzung involviert und agieren oftmals als Übersetzer der Branchensprache und der branchenspezifischen Herausforderungen. Wir sind also in beiden Richtungen unterwegs. Unsere Kunden berichten regelmäßig, dass sie das tiefe Verständnis für die Kundenseite als totalen Mehrwert empfinden.
Stefan Müller: Und mit dieser Expertise können wir sagen: Digitalisierung ist kein Projekt mit Enddatum, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Der Transformationsfonds gibt bewusst zehn Jahre Raum dafür. Nutzen wir ihn klug: strategisch ausrichten, voneinander lernen und Menschen befähigen. Dann wird aus der Herausforderung eine echte Chance für die Versorgungsqualität und -sicherheit in Deutschland.
Weitere Informationen unter sva.de

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