solr suffering from emotional breakdown and depression after war. symbolbild unsichtbare erkrankung
iStockPhoto/KatarzynaBialasiewicz
Gesellschaft Gesundheit

Ich habe was, das du nicht sehen kannst

31.05.2024
von Nina Schneider

Von den rund neun Millionen Einwohner:innen der Schweiz leben über zwei Millionen Menschen mit einer chronischen Krankheit. Meist sind diese unsichtbare Erkrankungen wie Diabetes, einer Herzkreislauferkrankung, Arthrose, Demenz oder psychischen Störung. Erkrankungen, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben und oft stark stigmatisiert werden. Das resultiert darin, dass Betroffene nicht darüber sprechen und öffentliche Vorurteile internalisieren.

Am stärksten stigmatisiert werden psychische Erkrankungen, obschon jeder zweite Mensch einmal im Leben an einer psychischen Fehlfunktion erkrankt. In der Hoffnung, dass das Problem bald von selbst verschwinden wird, lassen sich viele nicht auf eine Therapie ein. Betroffene versuchen, nicht aufzufallen und ihre Beschwerden zu vertuschen, damit sie in Ruhe gelassen werden. Das hängt nicht zuletzt auch mit den tief verankerten Glaubenssätzen zusammen sowie der Angst, aufgrund der Erkrankung ausgeschlossen zu werden.

Niemand möchte sich der Gruppe der «psychisch Kranken» zuordnen. Überhaupt beginnt die Stigmatisierung bereits, wenn eine Unterscheidung zwischen «psychisch Gesunden» und «psychisch Kranken» entsteht. Gefolgt vom Irrglauben, dass «die sich nur mal zusammenreissen müssen» und «psychisch Kranke faul, gefährlich oder selbst schuld sind». Doch Tatsache ist, dass psychische Erkrankungen keinerlei Rückschlüsse auf die Leistungs- und Belastungsfähigkeit oder den Charakter eines Menschen zulassen.

Eine Befragung vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium durchgeführte Befragung zeigt auf, aus welchen Gründen Menschen mit psychischen Problemen keine Hilfe suchen:

Smart
fact

Ergebnisse

Von den Personen, die angeben, in den letzten zwölf Monaten ein psychisches Problem gehabt zu haben, waren 71,4 Prozent in diesem Zeitraum nicht in Behandlung. (Obsan 2022)

Gründe:

  • 56 Prozent hatten Hoffnung, dass das Problem von selbst verschwindet
  • 30 Prozent hatten keine Zeit
  • 26 Prozent aus finanziellen Gründen
  • 20 Prozent aus Unkenntnis, wen sie kontaktieren können
  • 19 Prozent aus Überzeugung, dass eine Behandlung sowieso nicht helfen würde
  • 14 Prozent aus Angst davor, was andere Leute denken würden
  • 10 Prozent aufgrund der langen Wartelisten

Dabei schreibt die Stiftung Pro Mente Sana, dass psychische Erkrankungen gut behandelbar sind und in den meisten Fällen würde die Behandlung zu einer Genesung führen.

In unserer Gesellschaft überlegen sich Betroffene gut, wem sie von ihrer psychischen Erkrankung erzählen. Denn wenn es sich um eine längere psychische Erkrankung handelt, besteht die Gefahr, dass man den sozialen Anschluss verliert oder keine Arbeitsstelle findet. Zusätzlich zur Angst um die psychische Gesundheit belasten auch Sorgen rund um die Arbeit. Arbeitslosigkeit kann ausserdem ein Treiber für eine Depression sein, da Struktur und Stabilität im Alltag verloren gehen.

Smart
fact

Symptome psychischer Erkrankungen

Eine psychische Erkrankung kann sich durch dauerhaft ängstliche oder niedergeschlagene Stimmung zeigen, für die sich keine stringenten Ursachen finden lassen. Folgende Symptome können auf eine psychische Erkrankung hinweisen:

  • Auftreten von Angst, Panik
  • Hilflosigkeit, Verlorenheit, Ausweglosigkeit
  • Angespanntheit
  • Labilität
  • eingeengtes Denken: Handlungsalternativen werden nicht erkannt
  • Schwarz-Weiss-Sehen
  • Konzentrationsschwierigkeiten, Lern- und Leistungsprobleme
  • Flucht in eine Traumwelt
  • sprunghafte, unkoordinierte Handlungen
  • sozialer Rückzug
  • verändertes Essverhalten
  • Ersatzhandlungen, die für Aussenstehende nicht nachvollziehbar erscheinen
  • Gewalt gegen sich selbst
  • Schlafstörungen, starke Müdigkeit
  • Herzrasen, Atemnot, Zittern
  • Magen-, Darmbeschwerden
  • Kopfschmerzen, Schwindel
  • Isolation
  • Abkehr von Freund:innen, Familie und Interessen
  • Betroffene Person kann ihre Mitmenschen nicht mehr verstehen und umgekehrt
  • Sucht und Abhängigkeit

Sich bewusst zu sein, dass man vieles nicht wahrnimmt (und nicht weiss, womit sich andere auseinanderzusetzen haben), kann ein wichtiger Anfang sein, der Stigmatisierung entgegenzuwirken. So unangenehm der Gedanke auch ist: Es kann jede:n treffen und betrifft uns alle. Denn auch die Frau von nebenan, die immer freundlich grüsst, könnte eine Depression oder eine Psychose haben. Wir wissen es schlicht und einfach nicht. Das Bild der niedergeschlagenen, immer schwarz angezogenen und psychisch gestörten Person ist falsch oder beschreibt nur einen Bruchteil davon, wie sich Erkrankungen bemerkbar machen. Denn wie bereits erwähnt, passen sich Menschen mit nicht sichtbaren Erkrankungen meist an, wollen kein Unwohlsein in ihrem Gegenüber auslösen und lachen womöglich einmal mehr, um sicher nicht aufzufallen.

Migräne ist doch nur Kopfschmerzen

Die Palette der unsichtbaren Erkrankungen geht weit über die Psyche hinaus, wobei die Belastung und der Druck zu funktionieren genauso gross sein können. So kämpft auch eine von zehn Personen in der Schweiz, die von Migräne betroffen ist, mit Vorurteilen. Sprüche wie «Migräne ist, wenn Frauen keine Lust auf Sex haben». Oder: «Er kommt nicht zur Arbeit – hat mal wieder seine Migräne genommen» zeigen, welche Denkfehler in der Gesellschaft anzutreffen sind.

Das Tückische an nicht sichtbaren chronischen Erkrankungen ist, dass Betroffene darauf angewiesen sind, dass Aussenstehende ihnen glauben. Doch wenn das Leben eines Menschen von wiederholten pulsierenden Kopfschmerzen, Erbrechen und sensorischer Empfindlichkeit geprägt ist, sollte er oder sie sich nicht zusätzlich noch mit schnöden Bemerkungen auseinandersetzen müssen. Das Gleiche gilt für Menschen mit Schmerzen, Traumata, Depressionen, Autoimmunerkrankungen, Erkrankungen der inneren Organe und so weiter. Es ist auch als nicht betroffene Person wichtig, sich über die Erkrankungen zu informieren, um ein Bewusstsein zu erlangen, Vorurteile abzubauen, Missverständnissen vorzubeugen und so das Zusammenleben zu erleichtern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vorheriger Artikel Der Blick auf Behinderung: vom Defizit zu einem Teil der menschlichen Vielfalt – Eine Einladung zum Perspektivenwechsel!
Nächster Artikel Mit einem Assistenzbeitrag Wohnformen selbstbestimmter gestalten