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Pflege Gesundheit

Wie gefährlich sind Narkosen?

03.10.2022
von Julia Ischer

Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung hat Angst vor einer Narkose. Aber wie berechtigt ist diese? Wie gefährlich sind Narkosen wirklich? Sven Staender, Chefarzt Anästhesie im Spital Männedorf, klärt gegenüber «Fokus» auf.

Bis vor etwa 150 Jahren war jede noch so kleine Operation eine furchtbare Qual. Dies sollte sich 1844 aber ändern. In diesem Jahr hat der Amerikaner Horace Wells bei einem Patienten eine Lachgasnarkose durchgeführt, dadurch das Bewusstsein und Schmerzempfinden der Person vorübergehend ausgeschaltet und sie somit schmerzfrei operiert. Dies war die Geburtsstunde der Anästhesie, welche sich seit jenem Zeitpunkt stets weiterentwickelt und verbessert hat. Heutzutage ist sie im Operationssaal unverzichtbar. Dem KlinikumDo zufolge wurden ausserdem viele chirurgische Eingriffe überhaupt erst durch die Vollnarkose möglich. Nicht nur der Prozess, sondern auch die Medikamente und Mittel haben sich geändert und wurden optimiert: Während früher vor allem Lachgas, Äther und Chloroform als Mono-Narkosemittel verwendet wurden, sind es jetzt Opioide, also synthetische Morphin-Abkömmlinge, die zusammen mit einer Reihe von zusätzlichen Medikamenten verabreicht werden.

Wie sicher ist eine Narkose?

Aufgrund des modernen Forschungsstandes werden Narkosen heute als sehr sicher betrachtet. Laut dem Bundesverband für Ambulantes Operieren liegt das Risiko, während einer Vollnarkose zu sterben, bei nur 0,008  bis 0,009 Prozent. Dies kann auch Staender bestätigen: «Das Narkoserisiko bei einer kleinen bis mittleren Wahloperation bei einer sonst gesunden Person ist sehr gering». Trotzdem könne man die Frage zur Gefahr von Narkosen nicht pauschal beantworten. Ob und wie gefährlich eine Anästhesie ist, hänge von vielen Faktoren ab. Einerseits kommt es auf die Art des Eingriffs an. Eine Operation am Herzen birgt weitaus mehr Risiken als eine Blinddarm-OP. Andererseits ist es relevant, ob es ein Notfall oder ein Wahleingriff ist. Besonders ausschlaggebend sind aber die Risiken, welche die Patient:innen schon vor der Operation mit sich bringen.

Gefahren und Nebenwirkungen

Ganz allgemein gilt der Grundsatz, dass das Risiko steigt, je mehr Vorerkrankungen bestehen und je schlechter der körperliche Zustand des Patienten oder der Patientin zum Zeitpunkt der Operation ist. Trotzdem kann es immer nur im Einzelfall beurteilt werden: «Ein:e Patient:in mit nur einer Erkrankung, welche:r aber schon bei der kleinsten Anstrengung Atemnot bekommt, hat ein höheres Risiko, als Patient:innen mit mehreren Vorerkrankungen, welche aber gut kontrolliert sind und deren Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt ist», so Staender. Aus diesen Gründen gibt es nie eine hundertprozentige Gewissheit darüber, wie hoch das Risiko einer Narkose ausfallen kann.

Das Narkoserisiko bei einer sonst gesunden Person ist sehr gering.

Auch die Nebenwirkungen sind zahlreich und von Person zu Person verschieden. «Diese reichen von einer kleinen Druckstelle durch ein Lagerungsproblem während der OP bis hin zu schweren Komplikationen und dem Tod», sagt der Experte. Hier spielen ebenfalls Vorerkrankungen und der körperliche Zustand zum Zeitpunkt der Operation eine grosse Rolle.

Ängste und deren Gegner

Obwohl eine Anästhesie als sicher gilt, machen diese möglichen Gefahren und Begleiterscheinungen vielen Menschen Angst. «Respekt haben wohl die meisten Menschen vor einer Operation oder einer Anästhesie. Dies drücken viele Patienten:innen auch so aus», meint Staender.

Aus seinen Erfahrungen gibt es vor allem zwei Ängste: Zum einen diejenige, nicht mehr aus der Narkose aufzuwachen, zum anderen die des Kontrollverlustes. Man muss die Kontrolle über den Körper einem mehr oder weniger fremden Menschen übergeben. Das beunruhigt viele. Dabei geben wir in unserem Alltag sehr oft die Kontrolle über uns selbst ab. Fahren wir beispielsweise mit dem Bus oder Zug zur Arbeit, legen wir ganz selbstverständlich unser Schicksal in die Hände der Chauffeur:innen und haben dabei meist keine Bedenken oder Angst davor. Häufig sind wir uns dessen nicht einmal bewusst.

Man muss aber auch akzeptieren, dass Angst vor einem Eingriff und einer Anästhesie völlig normal ist.

In Bezug auf die Angst, nie mehr aus der Narkose aufzuwachen, betonen Staender und seine Kolleg:innen bei ihren Patient:innen die gute Ausbildung des ärztlichen und pflegerischen Personals der Anästhesie in der Schweiz. Zudem sind die Narkosemedikamente und die Technik im OP-Saal sehr modern und ausgereift. Ausserdem seien die Anästhesist:innen während der Operation meist dieselben, wie diejenigen beim Vorgespräch. Durch ein bekanntes Gesicht könne Vertrauen für die Patient:innen geschaffen werden und sie fühlen sich sofort wohler.

Alles in allem muss man aber auch akzeptieren, dass Angst vor einem Eingriff und einer damit einhergehenden Anästhesie völlig normal ist, solange sie nicht zu gross wird. Nicht alle Ängste können mit rationalen Argumenten genommen werden. Dies muss sowohl der Ärzte- und Pflegschaft, als auch den Patient:innen klar sein.

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