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Mobilität

Ticketing: Ein- und Auschecken in der City

02.09.2021
von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Grüne Verkehrskonzepte brauchen neue Plan- und Bezahlstrukturen. Ein Blick nach Amsterdam, Paris und München – wo das Ticketing des öffentlichen Nahverkehrs längst digital funktioniert oder funktionieren soll.

Auf Wiedersehen, du klobiger Fahrkartenautomat, mach’s gut. Du musst nun ganz tapfer sein. Denn in den nächsten Jahren werden Ungetüme wie du, die ganz langsam das Kleingeld fraßen und Scheine kaum mochten, dann genauso langsam die angeforderten Tickets druckten und ausspuckten – und nicht selten mit einzelnen Münzen gerieben und zerkratzt, gehauen, angeschmiert und verflucht wurden – von den Bahnhöfen und Haltestellen verschwinden. 

Auch wenn die Coronapandemie derzeit den Auto- und Wohnwagenfabrikanten mit ihren Einzelkabinen in die Hände spielt, steht die Renaissance des öffentlichen Nahverkehrs unmittelbar bevor. Wer in den letzten Wochen mit S- oder U-Bahnen unterwegs war, konnte dabei durchaus auf eine freundliche Umsicht der Mitfahrenden setzen – und so das Glück des umweltfreundlichen Miteinander-Unterwegsseins neu kennenlernen. Die Verkehrsbetriebe arbeiten folgerichtig weltweit an neuen Konzepten für all jene, die sich möglichst nachhaltig und unkompliziert eine Stadt mobil erobern wollen.

Chipkarten in Amsterdam

Die relativ junge, erst 1977 in Betrieb genommene U-Bahn Amsterdams setzt bereits seit einigen Jahren voll auf Chipkarten, die im Internet bestellt und dann nur noch an festen Punkten abgeholt werden müssen. Ganz wichtig ist dabei ein neues Denken bezüglich des Ein- und Auscheckens. Die gekaufte Chipkarte muss sowohl beim Start der Fahrt als auch bei jedem Verlassen einer U-Bahn, eines Busses oder einer Straßenbahn an ein Lesegerät gehalten werden. Passiert dieser Check-out nicht, wird der nächste Check-in nicht akzeptiert – und Sie bleiben als Fahrgast vorm Drehkreuz hängen.

Die Chipkarte hat längst auch andere Städte inspiriert, wo man auf Apps setzen möchte, die via Bankeinzug oder PayPal erst nach der Fahrt die konkret angefallenen Kosten abbuchen. Die große Herausforderung bleibt der Vorgang des Auscheckens, der nicht nur deshalb ungewohnt ist, weil an Ausgängen, leider, selten eine Person steht, um einen zu verabschieden. Da bildet der Nahverkehr, ähnlich Geschäften, Theatern und Kinos, keine Ausnahme. Entwickler weisen bereits darauf hin, dass neuere Apps auch nur dann Daten tracken, wenn sie aktiv aufgerufen werden – und ansonsten nicht. Somit könnte ein Ein- und Auschecken via App auch Datenschutzfreunden sympathisch werden.   

Aufladpässe in Paris

Weiter zu Amélie. Am guten alten »carnet de tickets«, dem berühmten Zehnerpäckchen für die legendäre Pariser Métro, wollte in der Stadt der Liebe lange niemand rütteln. Und so wie sich die Métro weiter durch ihre alten Schächte schlängelt, so gehört auch das schmale Papierticket, das nach Beendigung der Fahrt oft einfach auf dem Boden landet, zur Geschichte dieser Stadt. Doch wer Paris kennt, weiß, dass es oft im Kleinen an Neuerungen feilt – und die Nachhaltigkeitsdebatten haben auch die französische Seine-Metropole erreicht. 

Man träumt vielleicht immer noch von Louis Malles »Zazie in der Métro« oder Isabelle Adjani, die im schicken Schwarzen die »Subway«-Stufen hinuntersteigt – doch andererseits wünscht man sich eine neue Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die nach der Coronapandemie auch den öffentlichen Nahverkehr beflügeln soll. Seit 2019 gibt es deshalb den elektronischen Navigo Easy Pass, mit dem man sich die klassischen Tickets, auch das berühmte Zehner-»Carnet«, einfach virtuell aufspeichern kann. Bereits 2022 will die Métro ihre jährlich 500 Millionen Papiertickets komplett digital mit diesem Pass verkaufen. 

Ticketing Symbolbild Mobilität

Pilotprojekt in München

Währenddessen startet der Münchner Verkehrsverbund das Pilotprojekt eTarif. Der Fahrpreis soll dabei, ähnlich wie in Amsterdam, über das Ein- und Auschecken ermittelt werden. »Ziel des 24-monatigen Pilotprojektes«, so der MVV, »ist es, einen optimalen eTarif für die Nutzerinnen und Nutzer zu entwickeln.« Der Pilot sei »ausdrücklich« als Lernprojekt angelegt und solle »auch Erkenntnisse für ein bayernweit durchgängiges E-Ticket liefern«. Das »Swipe & Ride« genannte Projekt richtet sich gezielt an Gelegenheitsfahrer:innen, die »spontan ihr Auto stehen lassen« oder »häufiger im Homeoffice« arbeiten. Erstaunlicherweise fragt man also zunächst nicht nach den Wünschen und Erfahrungen der »Heavy User«, die vielleicht besser für ein solches Pilotprojekt geeignet wären – und mit ihrer jahrelangen Abo-Erfahrung oder den nervenaufreibenden Ticketpreisermittlungen über die komplizierten Zonen-Einteilungen das E-Ticketing in ganz andere Höhen bringen könnten.

Wie und wann auch immer das E-Ticketing der Zukunft funktionieren wird, eins ist sicher: Die alten Ticketautomaten sind auf dem Weg ins Museum – und die Stadtführer:innen der Zukunft werden auch in den Großstädten bald ganz neue Geschichten erzählen können. So könnte beim Verlassen der Pariser Métro eine Dame im besten Alter die junge Frau mit dem knallroten Regenschirm, die über alles Bescheid weiß, kurz fragen: »Entschuldigen Sie, sagen Sie, stimmt es, dass früher die Tickets aus Papier einfach auf die Treppen oder Straßen geworfen wurden?« »Ja, das stimmt.« »Incroyable.« 

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