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20 Juli 2019

Erfolg mit Handicap: «Geht nicht, gibt’s nicht!».

Blinde, Gehörlose, körperlich und mental beeinträchtigte Menschen generell – sie müssen sich den Platz in der Arbeitswelt hart erkämpfen. In den Köpfen der Arbeitgeber herrschen nach wie vor Barrieren. Die Geschichte von Denise Gehrig beweist, dass ein Handicap kein Hindernis sein muss.

Denise Gehrig hält ihren Kopf zentimeternah an den Bildschirm heran. Sie muss noch nach einer Email suchen, bevor wir mit dem Gespräch beginnen. Die Buchstaben auf dem Monitor sind gross aufgelöst und stark kontrastiert. Andere Hilfsmittel braucht Gehrig nicht. Sprachcomputer nerven sie. Auch «Siri» holpere beim Lesen.

Wir befinden uns in ihrem Büro in Zürich. Gehrig leitet den Bereich Beratung einer Nonprofit-Organisation im Behindertenbereich. Sie selber ist seit Geburt an sehbeeinträchtigt, hat ein Sehvermögen von drei bis fünf Prozent.

Trotz Ausbildung keine Jobchancen.

2004 wurde in der Schweiz das Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderungen eingeführt. Die Realität sieht anders aus. Unternehmen tun sich schwer, Menschen mit Handicap einzustellen. Laut Gehrig habe die besten Chancen, wer bereits vor der Behinderung im System integriert war und seine Arbeitsstelle behalten konnte – auch nach der Einschätzung des Behinderungsgrads. Wer aus dem System fliege, habe es schwer, wieder reinzukommen. Dass es für Menschen mit einer angeborenen Sinnesbehinderung umso schwerer ist, überhaupt im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, erklärt sich von selbst.

Dabei sehen die Perspektiven zu Beginn vielversprechend aus. Fast alle Jugendliche mit Behinderung fänden eine Lehrstelle, sagt Gehrig. Wieso sind die Lehrbetriebe toleranter? «Einerseits kosten Auszubildende sie nicht viel. Andererseits ist es bei Lehrlingen akzeptiert, dass sie nicht die volle Leistung bringen.» Sobald es um eine Festanstellung geht, beginnen die Probleme. Die wenigsten Unternehmen wollen den fertig Ausgebildeten eine Chance geben.

Stigmatisierung von Seiten Arbeitgeber

Menschen mit Sinnesbehinderung verursachen mehr Kosten, mehr Aufwand, mehr Probleme. Davon sind viele Arbeitgeber überzeugt. Die Ängste sind unbegründet. Bei Menschen mit Behinderung übernimmt die IV die Kosten der Arbeitsplatzgestaltung. Weitere Unterstützung erhalten Arbeitgeber von Verbänden und spezialisierten Beratungen. Die Fähigkeiten, die Belastbarkeit und die geistige Intelligenz von Menschen mit Behinderung werden vielfach unterschätzt. Dabei können
sie auf ihre individuelle Weise eine Bereicherung für das Unternehmen darstellen. «Ja, ein Mensch mit einer Sehbehinderung wird niemals gleich effizient sein wie ein Mensch ohne. Ausser in gewissen Teilbereichen. Und diesen Aspekt sollten Arbeitnehmer berücksichtigen.»

Ich wurde in Chile nie, in keinerlei Form, diskriminiert. Meine Behinderung war gar kein Thema.

Ich wurde in Chile nie, in keinerlei Form, diskriminiert. Meine Behinderung war gar kein Thema.Denise Gehrig

Am Beispiel der Kämpferin

Denise Gehrig beschreibt sich als Kämpfernatur. Wer ihre Geschichte hört, zweifelt nicht daran. Gehrig wurde 1965 in Zürich geboren und besuchte in der Innerschweiz den normalen Kindergarten. Als die Einschulung bevorstand, riet der Kanton den Eltern, die sehbehinderte Tochter in ein Internat zu schicken. «Meine Eltern wollten das nicht, also zogen wir weiter nach Zürich.» Dort konnte Gehrig eine Schule für sehbeeinträchtigte Kinder besuchen. Als es nach der Primarschule um die Einstufung ging, begann der Kampf mit den Behörden erneut: «Die Stadt Zürich meinte damals, Sehbehinderte gehörten nicht in die Sekundarschule. Das wäre eine Zumutung für die anderen Schüler. In die Realschule wollte ich aber keinesfalls.» Zusammen mit einer Gruppe von Kameraden wechselte Gehrig an die Blindenschule in Zollikofen, Bern. Ihre Klasse war der erste Jahrgang von Schülern mit Behinderung, der prüfungsfrei an ein Gymnasium übertreten durfte.

An der Kantonsschule in Oerlikon war Gehrig eine von zwei Sehbehinderten. Von einem Nachteilsausgleich war keine Rede. Einzig die Probezeit wurde auf ein halbes Jahr statt auf drei Monate gesetzt. Gleichstellung war das, was sie brauchte, meint Gehrig: «Wenn ich etwas nicht wollte, dann war es, verhätschelt zu werden. Dennoch, als es auf die Maturaprüfungen zuging, geriet ich unter Druck.» Mit der Unterstützung ihres Klassenlehrers bestand Gehrig am Ende auch diese Hürde erfolgreich.

«Ich wurde in Chile nie diskriminiert»

Dass ihre Sehbehinderung kein Hindernis ist, bewies Gehrig auch, als sie nach ihrem Abschluss für einen Sprachaufenthalt nach Chile reiste. In Südamerika fühlte sie sich wohl. «Ich wurde in Chile nie, in keinerlei Form, diskriminiert. Meine Behinderung war gar kein Thema.» Vielleicht auch deswegen entschied sich die Zürcherin gegen die Rückkehr in die Schweiz und stattdessen für das Studium in Sozialarbeit an einer chilenischen Universität. In Spanisch versteht sich. Eine alte Lupenbrille sei ihr einziges Hilfsmittel gewesen. Um bei den Vorlesungen mitzukommen, habe sie sich auf ihr Gehör und Gedächtnis oder auf die Notizen ihrer Mitstudentin verlassen. Nach dem Studium blieb Gehrig weitere sieben Jahre und arbeitete im Gesundheitswesen. Ohne Probleme, ohne Einschränkungen, ohne Vorurteile. Dass sie sehbehindert ist, habe sie in ihrer Bewerbung nie erwähnt.

Zurück in der Schweiz war alles anders. Gehrig zog Ende der 90er mit Ehemann und Kind ins Zürcher Oberland. Obwohl sie gute Qualifikationen mitbrachte, fand sie keine Stelle, wurde gar als Studienabgängerin eingeschätzt. «Eine schreckliche Zeit. Auch finanziell eine Katastrophe. Ich habe oft gedacht, das schaffe ich nicht.» Sie habe Glück gehabt, einen engagierten RAV-Berater an ihrer Seite zu haben. Er setzte sich für sie ein und machte es Gehrig möglich, in dieser Zeit Weiterbildungskurse zu besuchen. Die Fortbildung habe ihre Karriere gerettet. Nach eineinhalb Jahren erhielt sie eine Jobzusage sowie die Zulassung zu einem weiterführenden Studium.

Keine Verhätschelung

Was sich ändern muss? Arbeitgeber müssen mehr Mut beweisen und Menschen mit Handicap integrieren. Behinderte dagegen müsste man besser auf die reale, leistungsorientierte Welt vorbereiten, sagt Gehrig. Oftmals würden sie nicht ihr ganzes Potenzial ausschöpfen, weil es ihnen niemand zutraue.

Ein Leben ohne Arbeit konnte sich Denise Gehrig nie vorstellen. Sie sei glücklicherweise mit einem «wachen Geist» und einem «leistungsfähiges Hirn» ausgestattet. Bewundernswert ist aber auch ihre enorme Willenskraft. Gehrigs Devise: «Geht nicht, gibt’s nicht».

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