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Zürich
14 Juli 2020

Tobias Reichmuth setzt sich für Nachhaltigkeit ein.

Klimawandel und Nachhaltigkeit liegen ihm am Herzen. Tobias Reichmuth setzt sich seit zehn Jahren mit seinem Unternehmen «SUSI Partners» für nachhaltige Energie-Infrastrukturen ein. Der 40-jährige Basler spricht im Interview mit «Fokus Unternehmer» nicht nur über das Geschäftliche, sondern auch über seine eindrückliche Weltreise.

Tobias Reichmuth, Sie sind einer der Investoren in der TV-Sendung «Höhle der Löwen». Dort sind Sie als der zahmste Löwe bekannt. Sind Sie privat auch so zahm?

Ich kann mir als Unternehmer gut vorstellen, wie es ist, wenn man vor fünf Investoren steht und sein Start-up pitcht. Ich finde es super, wenn jemand etwas aufbauen will und muss es dem Unternehmenden ja nicht durch gespielte Aggressivität unnötig schwer machen. Mich interessieren die Fakten, und wenn ich diese habe, gebe ich Ruhe. Ich bin aber nicht sicher, ob ich in der Sendung wirklich so zahm bin – es wird bei Weitem nicht alles ausgestrahlt, was wir so fragen, und wenn es um Zahlen geht, bohre ich recht unerbittlich nach.

Ich kann mir als Unternehmer gut vorstellen, wie es ist, wenn man vor fünf Investoren steht und sein Start-up pitcht.

Wie beschreiben Sie selbst Ihre Rolle als Juror?

Ich investiere mein eigenes Geld. Da spiele ich keine Rolle, sondern bin mich selbst und überlege, ob ich es dem Gründer oder dem Gründerteam zutraue, die Sache zu stemmen. Jeder von uns fünf Löwen hat sein eigenes Profil. Wir sind einfach unterschiedliche Persönlichkeiten. Und das macht es spannend für den Zuschauer!

Verwenden Sie bereits Erfindungen, die in der «Höhle der Löwen» vorgestellt wurden?

Mein Hund Fritz spielt ab und zu mit seinem Hundespielzeug von hundespielzeug.ch und mit Freunden überlegen wir gerade, einen Campingbus auf mycamper.ch zu mieten! 

Aktuell wird in den Medien über die Löhne der Start-up-Inhaber diskutiert, da ein Deal Ihrer Jurykollegen Jürg Marquard und Bettina Hein mit einer Unternehmerin aufgrund verschiedener Lohnvorstellungen platzte. Wie definieren Sie einen angemessenen Lohn für einen Start-up-Unternehmer?

Liquidity is king! Es ist also sehr wichtig, dass ein Start-up-Unternehmer seinen Lohn möglichst tief hält, bis sein Unternehmen nachhaltige Cash-Flows erwirtschaftet. Ich selbst habe mir bei «Susi Partners» während der ersten drei Jahre 5000 Schweizer Franken brutto ausbezahlt. Da macht man keine grossen Sprünge, aber es reicht zum Leben. 

Sie raten den Jungunternehmern, der ganzen Welt zu erzählen, welche Ideen sie verfolgen. Welche Ratschläge geben Sie sonst noch mit auf den Weg?

Wie lange haben Sie Zeit? Aber im Ernst – es gibt viele Ratschläge, die man Start-ups mit auf den Weg geben kann. Diese müssen aber auf die individuelle Situation angepasst sein. Etwas, was sicher generell Gültigkeit hat, ist die «Time to Market». Viele Jungunternehmer beschäftigen sich mit Nebensächlichkeiten oder investieren viel Zeit in das Gewinnen von meist niedrig dotierten Businessplan-Wettbewerben. Diese Zeit ist besser investiert, wenn das Produkt oder die Dienstleistung möglichst schnell auf den Markt gebracht wird.

Ich führe partizipativ und delegiere, was immer möglich ist. Frühes Empowerment hilft Mitarbeitern, vorwärts zu kommen.

Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?

Ich führe partizipativ und delegiere, was immer möglich ist. Frühes Empowerment hilft Mitarbeitern, vorwärts zu kommen. Man findet heraus, was Leute wirklich können und kann sie gezielt fördern. Bei mir werden die Leute ins kalte Wasser geworfen und erhalten da Unterstützung, wo sie anstehen. Schwimmunterricht an Land bringt ja auch nichts. 

Können Sie auch mal laut werden?

Klar. Wenn jemand unfair oder falsch spielt, oder sich absichtlich querstellt. 

Wir investieren in nachhaltige Infrastruktur – also zum Beispiel in energieeffiziente Strassenbeleuchtung, Windfarmen oder Lade-Infrastrukturen für Elektroautos.

Viele Kunden von «SUSI Partners» sind im Ausland. Weshalb? 

Wir investieren in nachhaltige Infrastruktur – also zum Beispiel in energieeffiziente Strassenbeleuchtung, Windfarmen oder Lade-Infrastrukturen für Elektroautos. Unsere Kunden sind institutionelle Investoren wie beispielsweise Pensionskassen, Versicherungen, Stiftungen oder Family Offices. Als ich 2009 die Firma gegründet habe, war die Energiewende in Deutschland bereits in vollem Gange. Entsprechend waren deutsche Investoren viel näher am Thema der Energiewende und konnten leichter einen Investitionsentscheid für unsere Fonds fällen. In der Schweiz steigt das Interesse erst seit 2016. In den letzten zwölf Monaten haben wir aber eine stark zunehmende Nachfrage für nachhaltige Infrastrukturanlagen registriert.

Die Debatte über den Klimawandel brodelt zurzeit. Nachhaltigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Wie stehen Sie zu den aktuellen Demonstrationen?

Ich finde es sehr gut, dass sich Schüler mit diesem enorm wichtigen Thema auseinandersetzen. Seit 1968 hat die Jugend eigentlich kaum mehr gemeinsam für ein Thema oder Ideal gekämpft. Jetzt wird allen klar, dass der Klimawandel rasch auf uns zuschreitet und wir als Menschheit sehr dringend etwas unternehmen müssen – hier müssen wir alle zusammen an einem Strick ziehen! Es ist sicherlich nicht ideal, wenn nur ältere Menschen Entscheide über die Zukunft fällen, die vor allem die Jugend betrifft. Die Jugend muss hier eine Stimme haben – und die nimmt sie sich.

Ich finde es sehr gut, dass sich Schüler mit diesem enorm wichtigen Thema auseinandersetzen.

Wenn Sie an einer Demonstration teilnehmen würden, welche Message würde auf Ihrem Schild stehen?

«Save the climate. Invest with SUSI.»

Für Sie sind Nachhaltigkeit und der Klimawandel von grosser Bedeutung. Welche Mängel sehen Sie diesbezüglich im Schweizer Unternehmertum?

Durch die relativ tiefen Energiepreise ist in der Schweiz der Druck nicht sehr gross, um Anstrengungen zu unternehmen. Dass trotzdem viel gemacht wird, ist den Schweizer Unternehmern hoch anzurechnen – da gibt es viel Eigeninitiative. Natürlich könnte mehr gemacht werden, aber dafür braucht es gleich lange Spiesse, um im Markt bestehen zu können. 

Welches Gesetz würden Sie deshalb einführen?

Eine global gültige CO2-Steuer. 

Mit unseren Stauseen können wir zur Batterie Europas werden.

Ganz allgemein: In welchen Branchen in der Schweiz sehen Sie zukünftig am meisten Potential? Wo könnte es schwierig werden?

Ich sehe viel Potential im High-Tech-, Service- und vor allem bei Innovationen im Finanzbereich. Mit meinen Investitionen bei NEON, Crypto Finance AG oder The Singularity Group habe ich mich hier entsprechend aufgestellt. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass die Schweiz ein neues Hoch im Tourismus erleben wird – weltweit gibt es immer mehr zahlungskräftige Menschen, die Erholung und Natur bei hoher Infrastrukturqualität suchen. Im Energiebereich haben wir ebenso starke Karten: Mit unseren Stauseen können wir zur Batterie Europas werden. Ein Problem ist: Gründertalent wandert bei uns ab. Viele gute Start-ups erhalten eine Startfinanzierung, wenn es dann aber um Wachstumsfinanzierung geht, kommt das Geld aus den USA oder neu auch aus China. Dadurch wandern viele erfolgsversprechende Unternehmen ins Ausland ab. Zweitens wird die exponentielle Technologieentwicklung sehr viele Arbeitsplätze obsolet machen. Hier brauchen wir findige Unternehmer, die neue Arbeitsplätze im Inland schaffen. 

In einem Interview erzählten Sie, dass alle Unternehmenden mit den gleichen «Challenges» konfrontiert werden. Was war für Sie bis anhin die grösste Herausforderung in Ihrer Karriere?

Es ist eigentlich erstaunlich: Bei sehr vielen Teamgründungen kommt es früher oder später zum Knatsch. Zeitkonflikte zwischen Firma, Familie und Freunden sind ein Thema. Mit zunehmender Mitarbeiterzahl steigt auch die Komplexität. Zudem muss man sich ums Management seiner Shareholder kümmern. Meine allergrösste Herausforderung war, mein Auto mit Schweizer Kennzeichen für Transitnutzung aus dem japanischen Zoll herauszuholen. Das war kafkaesk und hat fünf Wochen gedauert. Wenn ich vor unternehmerischen Herausforderungen stehe, denke ich an diese japanische Problemstellung zurück und komme meistens zum Schluss, dass es doch nicht ganz so kompliziert ist. 

Von Ihrer zweijährigen Weltreise nahmen Sie vieles zum Thema Nachhaltigkeit mit. Was hat Sie am meisten geprägt und wie hilft Ihnen dies in Ihrem Unternehmen?

Man muss nur die Augen aufmachen und sieht die Auswirkungen des Klimawandels überall: In der Schweiz und Chile schmelzen die Gletscher, in Alaska und Sibirien schwindet der Permafrost und von Russland bis Afrika geisseln nie dagewesene Hitzewellen die Menschen und Tiere. Das Verständnis für die globale Wichtigkeit der Energiewende habe ich durch meine Reise gewonnen. Wirklich wertvoll war es auch, all die kulturellen Unterschiede rund um die Welt verstehen zu lernen – das hilft mir bei Verhandlungen heute noch, sei es in Japan oder Kanada. 

Das Verständnis für die globale Wichtigkeit der Energiewende habe ich durch meine Reise gewonnen.

Welche Länder haben Sie zu diesem Thema am meisten beeindruckt?

Bolivien und Island. Beide sind wunderschöne Länder. In Bolivien wird das Wasser knapp, gleichzeitig muss man bei der Lithiumgewinnung sehr gut aufpassen, dass die wertvolle Landschaft nicht zerstört wird. In Island mit seinen heissen Quellen sieht man, dass die Energieversorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie möglich ist. Das ist doch recht beeindruckend!

Ein Traum von Ihnen ist es, einmal ins All zu fliegen. Was steht sonst noch auf Ihrer Bucketlist?

Die Rally Peking-Paris. Und einmal eine glückliche Familie zu gründen.  

Thema Unpünktlichkeit. Es gab bei Ihnen zuhause schon Partys, an welchen die Gäste vor Ihnen da waren. Sind Sie in diesem Punkt kein «typischer Schweizer»?

Gar nicht. Ich bin viel unterwegs und plane eigentlich immer sehr knapp. Wenn da der Flieger verspätet ist, kann es schon sein, dass die Gäste ohne mich anstossen. 

Interview: Tina Spichtig, Bilder: Elish Daniel

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