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Zurich
8 Dezember 2019

«Der Mensch ist die grösste Schwachstelle».

Ein Blick in die Medien liesse vermuten, dass die heutige Welt ein sehr gefährlicher Ort ist. Rolf Nägeli, Präventionschef der Stadtpolizei Zürich, erklärt, welche Risiken am grössten sind und wie man sich schützen kann. 

Rolf Nägeli, in der Schweiz wird alle 13 Minuten ein Einbruch verübt. Kontrollieren Sie vor dem Schlafen nochmals das Türschloss?

Das mache ich immer, aber nicht erst, seit ich bei der Polizei bin. Ich habe mir das angewöhnt. Viele vergessen das oder halten es nicht für nötig. Einbrüche geschehen häufig tagsüber. Manchmal sitzen die Leute auf dem Balkon, sind im Keller oder in der Waschküche und bemerken nicht, dass bei ihnen gerade eingebrochen wird.

Abgesehen vom simplen Türe abschliessen: Wie schützt man sich am effektivsten?

Immer die Tür und die Fenster abzuschliessen ist wirklich das Beste. Ansonsten unterscheiden sich die Bedürfnisse stark. Es gibt eine Vielzahl von baulichen Massnahmen, die man zum Schutz vor Einbrüchen treffen kann. Schlussendlich muss das aber immer aufs Objekt bezogen angeschaut und umgesetzt werden

Welche Schwachstellen werden bei der Einbruchsprävention oft übersehen?

Aus unserer Sicht ist der Mensch die grösste Schwachstelle. Man würde zwar viele Präventionsmassnahmen kennen, aber aus Bequemlichkeit wendet man sie nicht an. Ansonsten sind es die Türen und Fenster. Wenn Türen und Fenster keinen entsprechenden Schutz bieten, kann ein Einbrecher mit der entsprechenden Erfahrung diese schnell öffnen. 

Jemand behauptet, sowieso nichts zu haben, was für einen Einbrecher von Interesse wäre. Ist das schlichtweg naiv, oder unterschätzt man, was alles gestohlen wird?

Die Umstände und das Gefühl der Unsicherheit nach einem Einbruch wiegen oft schwerer als man denkt und sind nicht zu unterschätzen. Oft stellen wir fest, dass fehlende Sachen das kleinere Übel darstellen, als das Gefühl, dass jemand in die Privatsphäre eingedrungen ist und sich die Betroffenen in den eigenen vier Wänden dadurch nicht mehr sicher fühlen. 

Es gibt zahlreiche Tools zur Einbruchsprävention zu kaufen, unter anderem Fensterschutz und Sensoren. Taugen diese Geräte etwas?

Wenn sie aus seriöser Quelle stammen und fachmännisch eingebaut werden, können sie durchaus etwas bewirken. Beispielsweise gibt es viele Tools, welche simulieren, dass jemand zu Hause ist. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, jedoch darf man sich nicht in falscher Sicherheit wägen. Profi-Einbrecher kennen diese Geräte auch. Aber wenn man sich durch ein solches Tool sicherer fühlt, ist eine Anschaffung völlig legitim. 

Die Stadtpolizei Zürich bietet Beratungsgespräche zur Einbruchsprävention an. Für wen sind diese Gespräche geeignet?

Alle Bewohner der Stadt Zürich haben ein Anrecht auf ein Beratungsgespräch. Die Beratungsgespräche sind kostenlos, uns geht es um die Sicherheit.  Wenn Sie eine Beratung möchten für einen geplanten Neubau oder nach dem Sie Opfer eines Einbruchs wurden, können Sie sich an uns wenden. Unsere Spezialisten vereinbaren dann einen Termin mit Ihnen, um sich vor Ort ein genaues Bild zu machen. Anschliessend erstellen sie einen Sicherheitsbericht, in dem aufgezeigt wird, was bezüglich der Sicherheit verbessert werden und welche Massnahmen getroffen werden könnten. Mit diesem Bericht können Sie sich anschliessend an einen Handwerker Ihrer Wahl wenden. 

Technologien entwickeln sich ständig weiter, mit neuen Smart-Home-Gadgets wird selbst das Wohnen immer digitaler. Welche neuen Gefahren bringt dies mit sich?

Bei vielen neuen Technologien und Gadgets wissen wir noch nicht, wie sicher sie wirklich sind. Mit dem Handy von der Arbeit aus dem Handwerker mit einer App die Tür zu öffnen, ist zwar praktisch, ich wäre aber sehr vorsichtig, jemandem über eine App meine Tür zu öffnen, wenn ich nicht zu Hause bin.  Bei Geräten, die mit dem Internet verbunden sind, besteht die Möglichkeit, dass sie gehackt werden. Wenn eine Tür beschädigt ist, ist rasch klar, dass hier jemand eingebrochen ist. Bei Delikten im digitalen Bereich, ist dies unter Umständen nicht sofort sichtbar, und ein Delikt nachzuweisen wird sicher schwieriger.

Mit den neuen Geräten entstehen auch neue Gefahren. Heutzutage haben der Fernseher, das Handy und der Laptop eine Kamera und ein Mikrofon. Dadurch ist es möglich, dass ich über diese Geräte überwacht werde. 

Demnach gehören sie zu den Menschen, die ihre Laptop-Kamera abkleben?

Definitiv. Ich habe einen Schieber auf der Kamera. Wenn ich sie nicht brauche, decke ich sie ab. So ist die Benutzung einfach sicherer.

Der Winter steht vor der Tür, Eis und Schnee bringen ein erhöhtes Unfallrisiko mit sich. Worin sehen Sie die grössten Unfallgefahren im Winter?

Die grössten Risiken sind erst mal die Sommerpneus. Es ist wichtig, sich frühzeitig um den Wechsel zu kümmern. Hinzu kommt, dass man sich vielleicht nicht mehr daran gewohnt ist, wie das Fahrzeug bei schneebedeckten Fahrbahnen reagiert. Ebenfalls ist es wichtig, die Scheiben und Seitenfenster sowie das Dach komplett von Schnee und Eis zu befreien. Vom Autodach herunterfallende Schneemassen oder Eisstücke können andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Zuwenig enteiste Scheiben, so dass nur ein Guckloch vorhanden ist, schränken die Sicht stark ein. Dies stellt eine so grosse Gefahr dar, dass sogar der Führerausweis entzogen werden kann. Nicht von Schnee und Eis befreite Scheinwerfer sind für andere nur sehr schwer oder gar nicht sichtbar und spenden kein Licht. 

Was raten Sie Fussgängern und Velofahrern?

Im Winter ist es morgens und abends dunkel, da ist es wichtig, für andere Verkehrsteilnehmende sichtbar zu sein. Fussgänger oder Velofahrende tragen am besten helle Kleidung, damit sie im Dunkeln gesehen werden. Weiter sorgen Reflektoren dafür, dass man gesehen wird. Dabei sollte es einem egal sein, wenn es vielleicht nicht so modisch aussieht. 

Fussgänger oder Velofahrende tragen am besten helle Kleidung, damit sie im Dunkeln gesehen werden.

Wie ist die Situation mit den E-Trottinetten?

E-Trottinette sind eine neue Herausforderung. Oftmals ist den E-Trotinett Fahrenden nicht bekannt, was erlaubt ist und was nicht. Kinder unter 14 Jahren dürfen auf öffentlichen Strassen und Plätzen beispielsweise gar nicht mit E-Trottinetten herumfahren, zwischen 14 und 16 Jahren benötigt man den Mofaausweis. Auf dem Trottoir zu fahren oder zu zweit zu fahren ist ebenfalls verboten. Detaillierte Informationen zum Thema E-Trottinett haben wir auf unserer Internetseite aufgeschaltet. 

Die Stadtpolizei betreibt eine Präventionskampagne, welche zur Zivilcourage aufruft. In der Theorie findet Zivilcourage jeder wichtig, wenn man jedoch eine brenzlige Situation beobachtet und Angst hat, sieht die Realität ganz anders aus. Wie kann man helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen?

Genau das ist der Punkt der Kampagne HEH: Hinschauen, Einschätzen, Handeln. Am Anfang kommt das Hinschauen. Bereits das ist Zivilcourage. Zivilcourage heisst nicht, bei einer Schlägerei dazwischen zugehen, das kommt in der Regel nicht gut. Aber auch den «Bystander-Effekt», dass die Leute einfach schauen und nichts tun, muss man vermeiden. Man kann Leute ganz einfach ansprechen, indem man sie fragt: «Haben Sie das auch gerade gesehen?». Wenn man dann zu zweit oder zu dritt ist, hat man schon eine andere Wirkung. Wenn niemand in der Nähe ist, denkt man vielleicht, man könne nichts tun, aber ein Handy hat heutzutage jeder dabei. Die 117 ist schnell gewählt. Dafür sind wir da. Die Polizei in der Stadt Zürich ist in der Lage, innert weniger Minuten vor Ort zu sein. Das entschärft sofort die Situation.

Gibt es Situationen, in welchen ich mich als Helfender rechtlich in Schwierigkeiten bringen kann?

Grundsätzlich nicht. Auch wenn Sie mal etwas falsch machen: Die Tatsache, dass Sie helfen, ist bereits gut. Bei der Herzmassage zum Beispiel kann es vorkommen, dass Rippen oder das Brustbein gebrochen werden. Der Patient überlebt aber dank der Hilfe. Da wird niemand versuchen, Sie wegen Körperverletzung zu belangen. Handeln ist grundsätzlich das Richtige. Noch besser ist es, wenn man andere Leute in der Situation anspricht und ihnen Aufgaben zuweist, wie zum Beispiel die Ambulanz zu rufen oder den Verkehr umzuleiten. Aber es braucht den Initialzünder. Jemand muss anfangen, dann beginnen alle zu helfen.

Ein Blick in die Medien liesse vermuten, die Welt sei gefährlicher denn je. Die Kriminalitätsrate in der Schweiz ist jedoch gesunken. Was ist Ihre Meinung zur allgemeinen Sicherheitslage in der Schweiz?

Meiner Meinung nach haben wir in der Schweiz eine komfortable Lage in Bezug auf Sicherheit.  Zürich ist eine sehr sichere Stadt, das zeigen auch die regelmässigen Bevölkerungsumfragen, die wir dazu machen. 

Wir haben festgestellt, dass vielen Männern der Mut zur Anzeige fehlt.

Wovor haben Sie Angst?

Grundsätzlich vor nichts. Angst darf man haben, das ist gut, aber man muss die Angst beherrschen. Es darf nicht umgekehrt sein. 

Die MeToo-Bewegung hat ein ganz neues Bewusstsein für sexuelle Gewalt geschaffen. Spüren Sie Veränderungen in Ihrem Berufsalltag?

Das Thema ist omnipräsent; es beschäftigt die Politik, es beschäftigt auch uns. In der HEH-Kampagne geht es um sexuelle Belästigung. Die Stadtpolizei Zürich hat sexuelle Belästigung schon immer ernst genommen. Vorkommnisse wie die Silvesternacht 15/16 in Köln haben auch bei uns dazu geführt, dass wir, insbesondere bei Grossanlässen, unser Augenmerk noch mehr auf solche Delikte richten. Wir versuchen, die Besuchenden auch mit Verhaltenstipps für das Thema zu sensibilisieren 

Wie können sich Männer vor sexueller Belästigung schützen?

Wir raten den Männern dasselbe, wie den Frauen. Wir haben aber festgestellt, dass vielen Männern der Mut zur Anzeige fehlt. Viele Männer empfinden es als peinlich, und fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Wenn ein Mann jedoch Opfer sexueller Gewalt wird, darf er sich ohne Bedenken an die Polizei wenden. 

Sie haben erwähnt, dass Sie potenzielle Opfer schützen und ihnen Verhaltenstipps geben. Aber wie sieht es dabei aus, potenzielle Täter zu informieren?

Natürlich sind das zwei Seiten: Einerseits der Opferschutz, andererseits muss man sich mit den Tätern auseinandersetzen. Beispielsweise haben wir die Fachstelle Brückenbauer. Sie ist zuständig für interkulturelle Kompetenz. Zu den Aufgaben gehören beispielsweise Schulungen mit Migranten, die aufzeigen, was in der Schweiz erlaubt ist, und was nicht. Dort wird auch erklärt, dass eine Frau in der Schweiz dieselben Rechte und Pflichten hat wie ein Mann. 

Bevor ich zur Prävention kam, war ich elf Jahre im Kinderschutz tätig. Dort versucht man in erster Linie, die Opfer zu stärken. Das ist auch gut so. Grundsätzlich ist es aber ebenso wichtig, auf Täter oder mögliche Täter zuzugehen, und ihnen aufzuzeigen, was erlaubt ist, und was nicht, und dass unerlaubtes Verhalten Konsequenzen hat. 

Interview: Fatima Di Pane

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