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29 November 2020

Fabian Cancellara ist keiner, der gerne aufgibt.

Als Radrennfahrer hat Fabian Cancellara Sportgeschichte geschrieben.
Im Interview spricht er über seine Erfolge, wie er zu seinem Spitznamen «Spartacus» steht und welche Rolle Heimat in seinem Leben spielt.

Fabian Cancellara, Sie sind zweifacher Olympiasieger, vierfacher Weltmeister im Zeitfahren und haben die Klassiker Paris-Roubaix sowie die Flandern-Rundfahrt je dreimal gewonnen. Welche Erfolge sind Ihnen am lebhaftesten in Erinnerung geblieben?

Wenn man beginnen würde, alle aufzuzählen, wäre natürlich jeder wieder sofort sehr stark präsent. Für mich stechen aber sicherlich die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 am meisten heraus. Mit diesem Rennen habe ich meine Karriere beendet. Ich könnte stundenlang von besonderen Momenten erzählen. Wenn ich zurückblicke, sind es aber weniger meine Erfolge, sondern meine gewonnene Lebenserfahrung, die mich bis heute prägt. Natürlich erzähle ich gerne davon, aber meine Siege sind nicht der ausschlaggebende Grund dafür. Das Erlebnis und die Geschichte dahinter stehen viel stärker im Fokus. Der Sport ist auf jeden Fall auch eine Lebensschule. Ich wurde nicht nur zu einem besseren Velofahrer, sondern in gewisser Weise auch zu einem besseren Menschen. Egal, welche Herausforderung ich heute zu bewältigen habe – ich gebe nicht auf. Ich bin keiner, der gerne aufgibt.

Der Sport ist auf jeden Fall auch eine Lebensschule.

Fabian Cancellara
Im Laufe Ihrer Karriere erhielten Sie den Spitznamen «Spartacus» – mögen Sie diesen oder ist er eher eine Last?

Am Anfang war ich tatsächlich etwas kritisch und fragte mich auch, ob der Spitzname tatsächlich zu mir passt. Mit den Jahren wurde mir aber deutlich, dass er gut zu mir passt – sowohl zu mir als Athlet als auch zu mir als Mensch. Wenn man Spartacus mit mir vergleicht, denke ich, dass sich durchaus auch einige Parallelen zu mir finden lassen, wenn auch eher im übertragenen Sinne. Wie er habe auch ich mich häufig um meine Mitstreiter gekümmert und sie integriert. Der Film «Gladiator» spiegelt diese Rolle ganz gut wider, wie ich finde (schmunzelt). 

Fabian Cancellara, Bild Phil Gale
Was möchten Sie jungen Sportlern mit auf den Weg geben, die noch am Anfang Ihrer Karriere stehen?

Ganz wichtig ist, dass man Spass an dem hat, was man macht. Man sollte den Sport auch nicht als seinen Beruf betrachten; die Passion sollte eher im Fokus stehen. Nichtsdestotrotz braucht es viel Wille und Biss. Von nichts kommt nichts! Niemand kommt weiter, wenn er nur sagt, er möchte der nächste Cancellara sein. Erst wenn die Basis aus Freude und Leidenschaft steht, kann man den nächsten Schritt wagen. Ist dies nicht der Fall, wird man nur sehr schwer oder kaum Erfolg haben.

«Was ist typisch Schweiz?» Unter den oft genannten Antworten auf diese Frage fällt oft auch Ihr Name. Was ist für Fabian Cancellara typisch Schweiz?

Typisch Schweiz ist für mich Qualität, Pünktlichkeit, Bodenständigkeit und Stolz. Die Schweiz ist etwas völlig Einzigartiges, beispielsweise hinsichtlich der sprachlichen Diversität. Oft heisst es auch, dass hierzulande im Allgemeinen vieles teuer ist. Das mag stimmen, aber man darf nie vergessen, dass man dafür auch mit hochstehender Qualität belohnt wird. 

Sie haben italienische Wurzeln. Verfügen Sie über Eigenschaften, die sich als typisch schweizerisch und andere als typisch italienisch einordnen lassen?

Ja, auf jeden Fall. Das Gesellige, das Zusammensitzen habe ich definitiv vom Italienischen. Geht es aber darum, dass zu einer bestimmten Zeit gegessen wird und währenddessen niemand stören sollte, gewinnt mein Schweizer Denken an Oberhand (lacht)! Es ist eine spannende Kombination, die ich nicht missen möchte. Ich bin auf alle Fälle froh, dass ich beides in mir habe und bin so oder so stolzer Schweizer (schmunzelt).

Welches ist Ihr liebstes Schweizer Produkt?

Es ist schwierig, ein bestimmtes zu nennen. Letzten Endes spielt bei allen Produkten die Schweizer Qualität und Präzision eine grosse Rolle. Das Gütesiegel «Swiss made» geniesst weltweit einen hohen Status – würden hierzulande auch Autos entwickelt, würden sich diese gewiss mit ebenso hoher Qualität wie andere Schweizer Produkte auszeichnen. 

Das Gütesiegel «Swiss made» geniesst weltweit einen hohen Status.

Fabian Cancellara
Sie leben mit Ihrer Familie unweit des Ortes, an dem Sie aufgewachsen sind.
Welchen Stellenwert nimmt Heimat in Ihrem Leben ein?

Heimat ist wichtig für mich, denn sie begleitet einen stark auf dem Lebensweg. Ich geniesse es auch immer wieder aufs Neue, nach Hause zu kommen – wo ich wohne, wo meine Familie ist. Hier kann ich mich erholen, und empfinde auch immer grosses Glück, sobald ich nach Hause komme. Es ist wie eine Oase! Egal, wo ich auf der Welt bin – ob in Hong Kong, New York oder Los Angeles: Ich bin immer wieder glücklich, nach Hause zurückzukehren. 

Sie feiern nächstes Jahr einen runden Geburtstag; Sie werden 40. Was sind Ihre Gefühle hinsichtlich dieses Tages?

Es wird oder muss wohl ein grosses Fest geben. Wenn nicht, wird mir das sonst noch übelgenommen (lacht). Aber egal ob 40 oder 50: Das Leben geht weiter. Ich nehme es, wie es kommt und versuche, das Leben so gut es geht zu geniessen, aber auch daran zu arbeiten und zu wachsen. Letzten Endes ist es im Grunde genommen nur eine Zahl, die sich ändert, ansonsten ändert sich nicht viel. Ich freue mich in jedem Fall auf das nächste Jahr!

Fabian Cancellara in Kürze:

Skiferien oder Strandurlaub? Das ist gemein! (lacht) Ich mag beides sehr gerne, und ich brauche auch beides.
Poulet oder Tofu? Poulet
Nachteule oder früher Vogel? Eher Nachteule
Fondue oder Raclette? Fondue
Tee oder Kaffee? Kaffee
Cardio-Training oder Gewichte heben? Cardio-Training

Interview Lars Gabriel Meier Foto Phil Gale

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