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19 Januar 2021

Wenn Weihnachten verboten ist.

Einen Dezember ohne Weihnachten können sich viele von uns gar nicht vorstellen – ebenso wenig, wie die Vorstellung, dass Weihnachten zu feiern verboten sein könnte. «Fokus» hat mit jemandem gesprochen, der in seiner Kindheit aber genau das erlebt hat. 

Als Stanislav 1987 in Moskau geboren wurde, war die Welt eine andere. So war die Stadt zu diesem Zeitpunkt noch die Hauptstadt der Sowjetunion. Auch in Sachen Weihnachten herrschte eine andere Situation, wie uns der heute 33-Jährige berichtet: «Da es sich bei der Sowjetunion um einen atheistischen Staat handelte, wurde alles, was mit Religion zu tun hatte, entsprechend nicht toleriert und im Zuge dessen auch verfolgt. Es waren also offiziell auch keine religiösen Feiertage erlaubt. Folglich fanden keine Festlichkeiten statt; die Leute haben gar nicht gefeiert.»

Da es sich bei der Sowjetunion um einen atheistischen Staat handelte, wurde alles, was mit Religion zu tun hatte, entsprechend nicht toleriert und im Zuge dessen auch verfolgt.

Stanislav
Ein Fest der Älteren

Das Verbot des Weihnachtsfests auf dem damaligen Gebiet reicht mehr als ein Jahrhundert zurück (siehe Infobox). Aufgrund des Verbots gerieten die Tradition und ihre Bräuche in Vergessenheit. Dass Weihnachten hauptsächlich noch älteren Leuten ein Begriff war, deckt sich mit Stanislavs Erinnerungen: «Weihnachten war ein altbackenes Fest; ein Fest der älteren Generation, wenn überhaupt. Die zu diesem Zeitpunkt jüngeren Leute, also jene, die zum Beispiel in den 1960er-Jahren geboren wurden, konnten damit nicht viel anfangen.» Es sei einfach eine veraltete Tradition gewesen, die kaum Bedeutung hatte. «So war es auf jeden Fall in meiner Familie – wie es in anderen war, kann ich nicht direkt beurteilen, gehe aber davon aus, dass es grösstenteils auch so gewesen ist.» Denn erst seit 1991 gilt Weihnachten in Russland als offizieller Feiertag. Zu jenem Zeitpunkt war Weihnachten, wie bereits beschrieben, in dem Sinne, wie wir es kennen, in der Versenkung verschwunden .

Das Neujahrsfest steht im Vordergrund

So stellt man auch heute noch Unterschiede fest. «Nach wie vor wird eher sehr ausgiebig Neujahr gefeiert», führt Stanislav aus. «Es gibt auch einen geschmückten Baum und Geschenke. Es ist im Grund der Dinge eins zu eins wie Weihnachten – nur ohne religiösen Kontext.» Doch es ist durchaus so, dass man Weihnachten wieder vermehrt feiert. Stanislav erzählt: «Viele Leute haben inzwischen auch ihre Berufung zur Religion wiedergefunden und feiern Weihnachten aus diesem Grund bewusst.»

Weihnachten – was ist das?

Noch bevor Stanislav mit seiner Familie in die Schweiz zog, wusste er aber über Weihnachten Bescheid. Folgender Schlüsselmoment ist ihm in Erinnerung geblieben: «Ich wusste bereits als kleines Kind, was Weihnachten ist, weil meine Mutter mir einmal eine Kleinigkeit geschenkt hatte und ich verwundert gefragt habe, wieso ich dieses Geschenk bekomme. Sie hat mir dann gesagt, dass es wegen Weihnachten ist und mir erklärt, was es damit genau auf sich hat. Im Nachhinein auch eine spezielle Situation für sie, weil ich heute glaube, dass meine Mutter damals selber erstmals mit diesem Thema konfrontiert wurde.»

Das erste Weihnachtsfest in der Schweiz

Weihnachten in der Schweiz zu feiern, stellte für Stanislav dann ein besonderes Erlebnis dar. «Als ich dann noch als Kind Weihnachten zum ersten Mal in der Schweiz gefeiert habe, war meine Freude darüber gross; natürlich auch wegen der Geschenke! Doch ich weiss vor allem noch gut, wie ich zunächst verwirrt war aufgrund der Vielfalt an religiösen Zugehörigkeiten, also katholisch, protestantisch, muslimisch und so weiter.» Des Weiteren haben aber die Eindrücke mit den Geschenken überwiegt. «Als Kind habe ich die Rituale von Weihnachten hierzulande nicht direkt hinterfragt; vieles wurde mir erst später im Detail bewusst, also aus welchem Grund man ein bestimmtes Ritual begeht.»

Weihnachten heute

Wie erlebt Stanislav heute als Erwachsener das Weihnachtsfest? «Für mich ist Weihnachten auch ein Feiertag – einfach ohne religiösen Kontext», antwortet er. «Es ist auf jeden Fall ein Fest, wo man zusammenkommt und sich Geschenke macht, aber die religiöse Komponente steht dabei nicht im Fokus.» Unabhängig vom Ursprung des Weihnachtsfests, begeht Stanislav die Feiertage im Zeichen der Familie. Eine Familienfeier ohne speziellen Grund, aber an einem vorgegebenen Datum.

Weihnachten in der Sowjetunion

Bereits seit der Oktoberrevolution 1917, fünf Jahre vor der Gründung der Sowjetunion, war das Feiern von Weihnachten auf dem damaligen Gebiet verboten. In der Sowjetunion trat das Verbot dann 1925 in Kraft – Religion wurde im Kommunismus kategorisch abgelehnt. Anstatt religiöser Feste wurden in der Sowjetunion stark ideologisch geprägte Feiertage wie der 9. Mai (Tag des Sieges über Nazideutschland) eingeführt. Im Gegensatz dazu entwickelte sich das Neujahrsfest. Die Sowjetbürger feierten dieses Fest ähnlich wie säkulare Europäer Weihnachten feiern: Die Familie trifft zusammen und es werden Geschenke unter dem «Neujahrsbaum» ausgepackt, welche «Väterchen Frost», das Pendant zum Samichlaus, gebracht hat. Das Neujahrsfest erfreute – und erfreut – sich immer noch grosser Beliebtheit, weil sich die Personen nicht ideologische Parolen anhören müssen, sondern einfach mit der Familie zusammen sein können. Einen religiösen Hintergrund hatte und hat das Neujahrsfest jedoch nicht.

Text Lars Gabriel Meier 

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