Robert Itschner
Industrie Innovation Interview

Robert Itschner: «Industrie 4.0 – zum Nutzen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt»

11.12.2020
von Patrik Biberstein

Welche Chancen und Risiken bieten Digitalisierung und Industrie 4.0 der Schweiz? Und wie gehen wir sie am besten an? Dazu Robert Itschner, Vorsitzender der Geschäftsleitung von ABB Schweiz, im Interview mit «Fokus».

Herr Robert Itschner, was ist unter Industrie 4.0 zu verstehen?

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts haben drei industrielle Revolutionen stattgefunden: die Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft, die Elektrifizierung mit Fliessfertigung und die Automatisierung mit Informationstechnologien. Mit der vierten industriellen Revolution oder der Industrie 4.0 sprechen wir nun von der Digitalisierung und durchgängigen Vernetzung unseres täglichen Lebens – und zwar zum Nutzen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.

Mit der vierten industriellen Revolution oder der Industrie 4.0 sprechen wir nun von der Digitalisierung und durchgängigen Vernetzung unseres täglichen Lebens – und zwar zum Nutzen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Robert Itschner

Welche Chancen bietet Industrie 4.0?

Dank der Vernetzung der Systeme sind die digitalisierten Herstellungsprozesse prinzipiell zuverlässiger, flexibler, effizienter, ressourcenschonender und erlauben höhere Qualität. Digitale Technologien ermöglichen es ausserdem, sämtliche Schritte und Beteiligten in der Wertschöpfungskette zu verbinden – von den Lieferanten der Rohstoffe und Komponenten über den Produktionsprozess bis hin zum Endkunden. Die Kunden ihrerseits werden in Zukunft zunehmend in der Lage sein, Produkte online nach ihren individuellen Bedürfnissen zu konfigurieren und in kleineren Mengen und noch grösserer Vielfalt fertigen zu lassen. All das steigert die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wesentlich. Und dies ist wiederum entscheidend im hart umkämpften globalen Wettbewerb, in dem sich insbesondere auch viele Schweizer Industrieunternehmen behaupten müssen.

Ergeben sich durch die Industrie 4.0 auch gewisse Risiken oder Herausforderungen? Wo sehen Sie diese?

Damit sich Innovationen wie jene der durchgängigen Digitalisierung erfolgreich und zum Vorteil aller durchsetzen können, braucht es breite Akzeptanz. Wir als Gesellschaft müssen uns mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen und uns weiterbilden. Gleichzeitig müssen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik informieren, diskutieren und sensibilisieren. Deshalb hat sich ABB von Beginn weg an den Schweizer Digitaltagen engagiert. Dabei müssen wir vor allem auch die Ängste ernst nehmen, die teilweise bestehen, etwa dass Maschinen die Menschen ersetzen würden. Die Arbeitswelt verändert sich, aber die Arbeit wird uns Menschen, wie früher schon, nicht ausgehen. Tatsächlich ist es so, dass gerade die Länder mit hohem Automationsgrad in der Produktion durchwegs niedrige Arbeitslosenquoten aufweisen.

Dank der Vernetzung der Systeme sind die digitalisierten Herstellungsprozesse prinzipiell zuverlässiger, flexibler, effizienter, ressourcenschonender und erlauben höhere Qualität. Robert Itschner

Wie kann man die Industrie 4.0 vorantreiben? 

Indem wir immer wieder den greifbaren Nutzen aufzeigen, den ich erwähnt habe – in der Industrie also etwa die gesteigerte Energieeffizienz, Produktivität, Qualität, Verfügbarkeit oder Sicherheit. Womit wohlgemerkt oft auch eine Steigerung der Kosteneffizienz verbunden ist. Je nachdem, wie die Bedürfnisse des Kunden und die Gegebenheiten vor Ort aussehen, können grundsätzlich ganz unterschiedliche Lösungen in Frage kommen. Seien es umfassende Leit- und Kontrollsysteme für die Fabrikation oder aber auch Roboter mit Fernüberwachungsdiensten oder Simulationslösungen für komplette Anlagen.

Wie und wo kann ein Unternehmen  – auch ein KMU – mit der digitalen
Transformation beginnen? 

Entscheidend ist der Fokus auf relevante, konkrete Problemstellungen. Zum Beispiel: Mit welchen digitalen Lösungen lassen sich Betriebsausfallzeiten reduzieren? Und dann geht es darum, zusammen mit kompetenten Partnern möglichst schnell einen passenden Ansatz zu entwickeln, ihn umzusetzen und fortlaufend zu optimieren. Heute lässt sich nicht mehr vorhersagen, wie die Lösungen in drei, vier, fünf Jahren genau aussehen werden. Umso wichtiger ist es, dass wir alle schnell und immer wieder dazulernen.

Inwiefern kann Industrie 4.0 dabei helfen, die Umwelt zu schonen? 

In der digitalen Fertigung kommen Lösungen zum Einsatz, die es ermöglichen, die Energieeffizienz und Produktivität zu verbessern, die Lebensdauer der Geräte zu verlängern sowie den Abfall zu verringern. Wie angeführt, hat das eine gesteigerte Kosteneffizienz zur Folge und ebenso eine verbesserte Umweltstatistik. Der Ausstoss an Klimagasen wird messbar gesenkt. Gleichzeitig bewegen wir uns weg von grossen, zentralisierten Infrastrukturen hin zu modularen, verbundenen und verteilten Systemen. Dies wird wesentlich zu einer nachhaltigeren Entwicklung beitragen.

Wo würden Sie die Schweiz in einem internationalen Vergleich in puncto Industrie 4.0 einordnen? 

Die Digitalisierung in der Schweiz schreitet rasant voran und betrifft inzwischen sämtliche Branchen und Berufsfelder. Wir sind vorne dabei, haben aber, gerade im internationalen Vergleich, noch beträchtliches Potenzial. Schliesslich ist die Schweiz als weltweit anerkannter Innovationsstandort bestens positioniert, hier eine Führungsrolle zu übernehmen. Sie bietet nebst dem stabilen politischen Umfeld und der ausgezeichneten Infrastruktur weitere Vorteile wie einen robusten Schutz des geistigen Eigentums, weltweit führende Universitäten und ein einzigartiges duales Bildungssystem, das Hochschulabsolventen sowie hochqualifizierte Fachkräfte hervorbringt. Auf diesen Stärken müssen wir aufbauen! Unser Ziel muss es sein, mit der Entwicklung nicht nur Schritt zu halten, sondern sie vielmehr mitzugestalten und voranzutreiben.

Wo besteht für die Schweiz noch Aufholbedarf?

Die Innovationszyklen werden immer kürzer. Früher sprach man von Jahren, heute sind es Monate. Entscheidend sind Agilität und eine gesunde Portion Risikobereitschaft. In dieser Hinsicht können wir uns in der Schweiz sicherlich noch verbessern. Ausserdem haben wir sicher noch Potenzial in der Digitalisierung diverser Aspekte unserer Gesellschaft, die wohl für alle von Vorteil wären. Ich denke beispielsweise an die vielen Prozesse, die nach wie vor auf Papier und auf dem Postweg ablaufen.

Robert Itschner

Robert Itschner

Alle Welt redet gerade vom Einsatz künstlicher Intelligenz und Machine Learning in unterschiedlichen Industrien – mit gutem Grund. Ihr Potenzial ist enorm. Um dieses zu nutzen, sind allerdings hochwertige Daten notwendig. Deshalb ist eine der Hauptanforderungen an die Industrie, zunächst einmal die Daten zu identifizieren und aufzubereiten, mit denen eine künstliche Intelligenz trainiert werden kann, sodass sie zielgerichtet eine Verbesserung einleiten kann. Diese Daten müssen dann nicht nur gesammelt, sondern über Produkte und Prozesse hinweg harmonisiert werden. Damit werden künftig noch weit genauere Vorhersagen über und Verbesserungen von Produktionsprozessen möglich.

Könnte Industrie 4.0 in Krisenzeiten, wie wir sie zurzeit mit Covid-19 erleben, Vorteile bringen?

Tatsächlich hat Covid-19 vielerorts das Bewusstsein für die Schwachpunkte in Organisationen geschärft. So hat für Unternehmen etwa die Problemvorbeugung einen noch höheren Stellenwert erhalten. Ausschlaggebend sind da einerseits eine schnelle und unkomplizierte Expertenunterstützung, im Notfall durch Zugriff aus der Ferne und rund um die Uhr. Andererseits präventive Massnahmen zur Minimierung von unerwarteten Vorkommnissen durch intelligente, digitale Systeme. Der «ABB Ability Smart Sensor» zum Beispiel funktioniert wie ein Fitnessarmband für Elektromotoren. Er misst laufend den Zustand des Motors und meldet allfällige Anzeichen für Probleme. Damit kann der Motor gewartet werden, bevor es zu einem Ausfall kommt.

Inwiefern und in welchem Masse verändert Industrie 4.0 Arbeit und Lernen?

Im digitalen Zeitalter wird die Halbwertszeit von Wissen immer kürzer. Lebenslanges Lernen on-, along- und off-the-job sowie Lernagilität werden immer wichtiger, um beweglich und beschäftigungsfähig zu bleiben. Zudem arbeiten viele von uns mehr und mehr zeit- und ortsunabhängig, also virtuell, projektbezogen und von überall her. Wobei die Menschen zunehmend auch auf neuartige Weise zusammenarbeiten – sogar mit Robotern, die gefährliche, monotone und besonders minutiöse Aufgaben für uns übernehmen. Das heisst, viele Arbeitsmuster ändern sich, und einige Aufgaben werden verschwinden, zahlreiche neue entstehen im Gegenzug.

Wie wirkt sich diese Veränderung auf die Bildung aus?

Bildungsprogramme müssen sich entsprechend diesen Anforderungen der Digitalisierung weiterentwickeln. Dies gilt insbesondere auch für die Berufslehren: Einerseits müssen wir bestehende Ausbildungen um digitale Inhalte ergänzen, aber andererseits entstehen auch ganz neue, spannende Berufe. Gleichzeitig müssen wir alle stets offen bleiben für die persönliche und fachliche Weiterentwicklung. Deshalb haben wir bei ABB Schweiz mit Erfolg eine Schulung eingeführt, in der unsere Mitarbeitenden gemeinsam erfahren und reflektieren, wie sie noch agiler mit dem kontinuierlichen Wandel umgehen können.

Welchen Einfluss hat Industrie 4.0 auf Ihren Alltag?

Manchmal sind wir uns dessen gar nicht mehr bewusst, aber der digitale Wandel ist in vollem Gange und erfasst den Alltag von uns allen. Und das tatsächlich in sämtlichen Lebensbereichen – wie wir wohnen, arbeiten, uns fortbewegen. Diese Weiterentwicklung in den Gebieten mitzugestalten, in denen wir aktiv sind, ist eine Zielsetzung meines Unternehmens und dementsprechend auch Teil meines Alltags. Ob in der Industrie, der Mobilität oder der Infrastruktur, wir versuchen, unsere Kunden auf ihrem Weg in eine produktivere und gleichzeitig nachhaltigere Zukunft zu unterstützen. Dank der Digitalisierung ist das kein Widerspruch mehr.

Interview Patrik Biberstein     Bilder ABB

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