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11 April 2021

Adolf Ogi: Realisieren statt philosophieren.

Alt-Bundesrat Adolf «Dölf» Ogi (78) hat die Schweiz geprägt. Den meisten Menschen ist er als «Vater der Neat» in Erinnerung geblieben. Und obwohl – oder gerade weil – Adolf Ogi nie ein «typischer» Politiker war, geniesst er im Volk noch heute hohes Ansehen. Wir sprachen mit Ogi über die Herausforderungen nach Corona und blickten mit ihm auf die wichtigsten Stationen seines politisches Schaffens zurück.

Adolf Ogi, Corona wird die Schweiz 2021 noch stark beschäftigen. Was kommt danach? 

Ich bin der Ansicht, dass wir nach der Eindämmung der Pandemie eine Staatsleitungsreform diskutieren müssen. Es ist eine Tatsache, dass sieben Bundesräte nicht das Gleiche leisten können wie 15 bis 20 Minister – wie es in anderen modernen Demokratien der Fall ist. 

Gerade weil die heutigen Herausforderungen so komplex sind, benötigt die Exekutive mehr Zeit für Denk- und Lenkaufgaben. Darum müssen wir unsere Exekutive personell und strukturell aufstocken. Zudem war ich schon immer ein Befürworter der Idee, das Amt des Bundespräsidenten für drei oder vier Jahre zu vergeben. Natürlich wird es Mut benötigen, diese Schritte politisch zu vertreten und zu vollziehen. 

Mut haben Sie während Ihrer Zeit im Bundesrat (1988 bis 2000) mehrfach bewiesen. Vor allem das Neat-Dossier ist für immer mit Ihrem Namen verknüpft. Kein einfaches Geschäft. 

In einer Demokratie muss man erkennen, wann sich ein «Window of Opportunity» öffnet. Die Neat, welche den Eisenbahn-Transitverkehr zwischen Nord und Süd verbessert, ist ein Paradebeispiel dafür. Ich hatte das Dossier damals als Chef des «Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements» (das heutige UVEK) übernommen. Man hatte mir mehrere Varianten vorgelegt. Doch da ich wusste, dass das Gelegenheitsfenster nicht immer offenbleiben würde, beantragte ich dem Bundesrat, dass wir gleichzeitig am Gotthard sowie am Lötschberg bauen. Das setzte viel Mut voraus und das Vertrauen, welches das Volk mir schenkte, verlieht dem Ganzen die notwendige Dynamik. 

Sie sind nicht nur der Vater der Neat, sondern auch des Unesco Weltnaturerbes «Schweizer Alpen Jungfrau Aletsch». 

Als Bergler liegt mir dieses Thema natürlich besonders am Herzen (lacht). Anlässlich der Uno-Generalversammlung 2000 in New York traf ich mich mit dem damaligen Unesco-Generaldirektor Koïchiro Matsuura. Ich setze mich dafür ein, das Jungfrau-Aletsch-Gebiet in die Liste des Unesco-Weltnaturerbes aufzunehmen.  Doch es war, als würde ich an eine Sphinx heransprechen! Der Japaner wies mein Ansinnen stoisch zurück. Ich schlug darum vor, ihm Helikopter zur Verfügung zu stellen, damit er sich das Gebiet selber vor Ort anschauen könne. Was er auch tat. Letztlich war Matsuura dermassen begeistert, dass die Unesco das Jungfrau-Aletsch-Gebiet ein halbes Jahr später zum Weltnaturerbe ernannte. 

Eine typische unkonventionelle Ogi-Massnahme. Sie gelten auch deswegen als einer der beliebtesten Bundesräte. 

Dieser Rückhalt aus der Bevölkerung war für mich stets eine grosse Genugtuung. Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass ich der lebende Beweis dafür bin, dass man auch ohne Studium Bundesrat werden kann.   

Wenn Sie auf Ihre 13 Jahre in der Regierung zurückblicken, was bleibt Ihnen nebst Neat und Unesco am stärksten in Erinnerung?

Die Teilprivatisierung von PTT und SBB waren wichtige Geschäfte. Auch da erkannte ich das offene «Window of Opportunity». Nach meinem Wechsel ins Militärdepartement am 1. Oktober 1995, wandelte ich dieses ins heutige VBS um (Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport). Dort habe ich unter anderem die hiesige Rüstungsindustrie sowie die Rüstungsbeschaffung der Schweizer Armee voneinander getrennt und die Sportler-RS ins Leben gerufen. Damals wurde ich auch zum «Vater der Luftbrücke aus dem Kosovo»: Im Jahr 2000 beschloss ich, dass wir dabei helfen würden, Flüchtlinge und Verwundete des Kosovo-Krieges in die Spitäler von Tirana zu bringen. Wir entsendeten damals drei Superpuma-Helikopter der Armee, um die Nothilfe zu unterstützen. Der damalige Divisionär Christophe Keckeis hatte die Idee an mich herangetragen. Ich dränge das Geschäft dann an Ostern an einer Telefonsitzung durch den Bundesrat – im Pyjama (lacht). Ich war halt schon immer lieber ein Macher als ein Verwalter. 

Würden Sie so auch Ihren Führungsstil bezeichnen?

Ich stelle bei meiner Führung stets die Menschen in den Mittelpunkt. Kommunikation sowie ein klarer Auftrag sind dabei wesentlich. Und man muss Menschen mögen. Diesen Ansatz habe ich mir während meiner Zeit beim schweizerischen Skiverband angeeignet, dem ich von 1969 bis 1974 als technischer Direktor und von 1975 bis 1981 als Direktor vorstand. Damals durfte ich eine junge Ski-Mannschaft aufbauen und wusste, dass ein guter Umgang mit den Menschen wesentlich ist – ebenso wie eine zielgerichtete transparente Kommunikation. Meine Zeit beim Militär hat mich ebenfalls enorm viel gelehrt. Man könnte sagen, die Armee war meine Universität. 

Wenn Sie den Menschen und Politiker Adolf Ogi auf den Punkt bringen müssten, was würden Sie sagen?

I do what I believe in – and I believe in what I do. Diese Authentizität war mir immer sehr wichtig.

Weitere Informationen zum Leben und Schaffen von Adolf Ogi sowie den Stiftungen «Freude herrscht» und «swisscor» unter adolfogi.ch

Interview Matthias Mehl   Bild Ethan Oelman Photography

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