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Armut – «Irgendwann ist man einfach mittendrin»

05.03.2021
von Jenny Kostoglacis

Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt, und trotzdem führen 735 000 Menschen ein Leben in Armut. Darunter befindet sich auch der 48-jährige Daniel Stutz. Wie es dazu kam, wie Armsein sich anfühlt und wie er seinen Weg aus der Armut plant, erzählt er «Fokus.»

So sieht Daniel Stutz aus.
Daniel Stutz
Bild von Marc Bachmann

Beim Paradeplatz in Zürich steht ein sympathischer, schlank gebauter Mann mitten in der Menschenmasse. Eine rot leuchtende Jacke hält ihn bei dem kühlen Wetter warm. Der kalte Wind weht ihm spielend durch seine langen braunen Haare. Während er mit der einen Hand die wirren Haare ordentlich herrichtet, umschliesst er mit der anderen das Strassenmagazin «Surprise.» Es ist der Magazinverkäufer und «Surprise» Stadtführer, Daniel Stutz. Bis um zwölf Uhr mittags steht er noch am Paradeplatz, danach macht er mit einer neugierigen Gruppe von Menschen einen Zürcher Stadtrundgang durch den Kreis 4 und 5. Zwischen alten Gassen erzählt der Stadtführer unverblümt seine eigene Geschichte.

Versunken in der Sucht

Als Jugendlicher macht Daniel Stutz in der Rekrutenschule Bekanntschaft mit der Spielsucht. Gefangen in den Krallen der Spielautomaten, spielt er über seine finanziellen Verhältnisse hinaus. Dabei verliert er seine ganzen Ersparnisse. «Insgesamt war ich zwölf Jahre lang von der Sucht betroffen. Sie war es, die mich schliesslich auch in die Armut geführt hat», erklärt er mit schwerer Stimme. In den folgenden Jahren entfaltet sich eine neue Abhängigkeit. Das Gefühl der realen Welt entfliehen zu können, macht ihn süchtig. Seine Spielsucht ersetzt er durch den Rausch harter Drogen. «Ich habe mich schlussendlich mit Temporärjobs über Wasser gehalten, aber meine Sucht wurde immer stärker.» Und die Armut immer ernst zu nehmender. Seinen Tiefpunkt erreicht er, als er in eine der wohl entmenschlichsten Lebensumstände gerät. Er wird zur Silhouette am Strassenrand. Fast zwei Jahre lang lebt er als Obdachloser auf den Strassen Zürichs.

Kann Armut definiert werden?

Absolute Armut, extreme Armut, relative Armut, Altersarmut, soziale Armut. In jedem Land schlägt die Gesellschaft mit anderen Definitionen um sich. In der Schweiz wird man als arm kategorisiert, wenn das Einkommen unter der Armutsgrenze liegt. Für eine Einzelperson beträgt dies etwa 2279 Schweizer Franken. Leidet eine Person in der Schweiz unter absoluter Armut, so kann sie sich kein Geld für eine Wohnung, Kleidung oder Nahrung leisten. Ist sie von relativer Armut betroffen, so kann die Person im direkten Vergleich nicht so leben, wie es für die Mehrheit der Gesellschaft normal ist. Neben all diesen fachlichen Definitionen klingt die Beschreibung von Armut aus Daniel Stutzes Mund dann aber doch etwas anders. Nicht so utopisch, sondern greifbar nah.

«Die Armut gibt einem das Gefühl, dass man keine Chance hat, etwas Neues zu beginnen. Man steckt in etwas fest, aus dem kein Weg raus scheint.»

«Für mich gibt es nicht verschiedene Definitionen von Armut, sondern verschiedene Stufen.» Herr Stutz erläutert, wie er selbst Schritt für Schritt die Treppe der Armut hinunterstieg. «Am Anfang gibt man unbedacht mehr aus als man hat. Später fällt einem allmählich auf, dass man nicht im Stande ist, sich die Dinge zu leisten, die sich das Umfeld gönnen kann. Als nächstes kommen dann die Rechnungen, welche man anfangs steif und distanzierend beiseite schiebt. Und mit der Zeit kommt es dann so weit, dass man den Briefkasten gar nicht mehr öffnen möchte.» Das Schuldbewusstsein wird immer lauter und die Gedanken um die Geldnot immer ernstwiegender. «Letztendlich lebt man in konstanter Angst. Täglich macht man sich Sorgen darüber, was auf den Tisch kommt oder fragt sich, wie man es schafft, seine Wohnung nicht zu verlieren.»

«Armut bedeutet jeden Rappen zweimal umdrehen zu müssen.»

Die ständige Angst um das nackte Überleben umfasst aber noch viel mehr. Daniel Stutz geht auf die Moderne, den immerwährenden Fortschritt der Technologie und das Gefühl sich ausserhalb der digitalen Welt zu bewegen, ein. «Man fühlt deutlich, dass man nicht in der Gegenwart angekommen ist. Mit der modernen Technik kann man in solch einer Situation unmöglich mithalten. So fühlt man sich schnell gegen den Fortschritt gerichtet.» Was Herr Stutz zusätzlich fühlt, ist der Druck der sozialen Gesellschaft. «In der Schweiz arm zu sein, ist äusserst beschämend. Man lebt in einer Gesellschaft, die einem einredet, man sei ganz allein an seinem Schicksal schuld. Man hätte, man sollte, man müsste… Das tut weh. Neben der Angst und der technologischen Abkapselung kämpft man dann auch noch gegen Scham- oder Minderwertigkeitsgefühle.»

«Schlussendlich ist Armut ein Überlebenskampf. Körperlich und psychisch.»

Und diesem Kampf ist Daniel Stutz mutig entgegengetreten. Mit etwa 32 Jahren realisiert er, dass er ernsthafte Hilfe braucht. Er entscheidet sich ins Arud Zentrum für Suchtmedizin zu gehen und unterzieht sich dort einer Substitutionstherapie. Auf seinem Weg zur Besserung hört er nicht auf, sich sein wichtigstes Ziel vor Augen zu halten: schuldenfrei zu sein. Er holt sich Hilfe beim Sozialamt und fängt gleichzeitig an Strassenmagazine bei «Surprise» zu verkaufen. Ein Verein, der sozial benachteiligten Menschen hilft. Sechs Tag die Woche arbeitet Daniel Stutz fleissig. «Mit genügend Zeitaufwand verdient man zwischen 2000 bis 2500 Schweizerfranken im Monat. Dazu kommt noch der Stadtrundgang, der pro Führung bezahlt wird.» Über sein Leben gewinnt Daniel Stutz nun Schritt für Schritt immer mehr Kontrolle. Mittlerweile kann er sich sogar seine eigene Einzimmerwohnung leisten. Sein Job bei «Surprise» gefällt ihm sehr. «Nur die Kälte ist etwas lästig», reklamiert er grinsend.

Text Evgenia Kostoglacis

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