Militär
Ausbildung Women

«Ich sehe das Militär als Herausforderung»

11.06.2021
von Vanessa Bulliard

Überall sieht man sie: in den Bussen, Zügen und am Bahnhof. Uniformierte Rekrut:innen und Soldat:innen, welche sich zum Dienst für die Schweiz aufmachen. So war es auch bei Caroline Weibel. Im Interview mit «Fokus» erzählt sie über Märsche und Handgranatenübungen. 

Caroline Weibel

Caroline Weibel

Die in Luzern wohnhafte 26-Jährige faszinierte das Militär schon seit Anbeginn. Nach einer kaufmännischen Lehre beschloss sie, dass es an der Zeit war, neue Luft zu schnuppern. Und zwar die der grünen Uniform, welche in der Schweiz weithin bekannt ist. Ihr Vater, welcher vor über 15 Jahren Milizmajor war, tat ein Übriges, seine Tochter in die Hände der Schweizer Armee zu geben, denn auch sie wollte Teil dieser Welt werden und stellte sich der Herausforderung, als Frau den Militärdienst zu absolvieren. Somit begab sie sich auf eine Reise, welche sie sogar bis zum Grad eines Leutnants brachte.

Vom Handgranatenwurf…

Auf die Frage nach Schwierigkeiten einer Frau im Militär antwortet Weibel: «Ich sehe es eher als eine Herausforderung.» Dennoch merkte sie teilweise den Unterschied, welcher zwischen ihr und ihren männlichen Kameraden gemacht wurde: «Bei Nahkampfübungen war man bei mir besonders vorsichtig und ich wurde immer wieder aktiv an mein Frausein erinnert. Dabei wollte ich einfach wie alle anderen behandelt werden, ohne Sonderumgang.» Teilweise wurde Weibel mit gewissen klischeehaften Sprüchen konfrontiert wie beispielsweise: «Was machst du hier, weshalb bist du nicht zu Hause in der Küche?» Doch über solche absurden Aussagen konnte Weibel bloss lachen. Auch beim Handgranatenwurf wurde sie aufgrund ihres Geschlechts anders behandelt: «Mein Vorgesetzter verlangte, dass ich von 15 statt von 20 Metern Entfernung die Handgranate werfe. Bei solchen Situationen fand ich eine Sonderbehandlung eher sinnfrei. Dennoch meinten es diejenigen vom Militär bloss gut.»

…über Schiessübungen…

Bei anfänglichen Schiessübungen oder beim ersten Morgentraining wurde Weibel besonders genau beobachtet, doch als klar war, dass sie diese ohne grosse Probleme meisterte, akzeptierte man sie voll und ganz. Allgemein stiess Weibel auf eine sehr hohe Akzeptanz im Militär, was nicht immer selbstverständlich ist.

…zur Gleichberechtigung

Ob es überhaupt Frauen in der Armee braucht, steht für Weibel ausser Frage. Genügend Studien belegen, dass das Arbeiten in gemischten Gruppen erfolgreicher ist. «Ein Vorgesetzter meinte voller Erstaunen, dass er noch nie eine solch angenehm ruhige Kompanie erlebt habe und wir Frauen einen positiven Einfluss auf die jungen Männer hätten», erklärt Weibel freudig. Gleichberechtigung spielt bei dieser Frage für sie ebenfalls eine gewisse Rolle: «Wenn Männer mindestens vier Monate ihres Lebens der Armee widmen müssen und in dieser Zeit eine gewisse Freiheit opfern, so ist es nur fair, wenn Frauen dasselbe tun.» Auch empfindet Weibel den Militärdienst als eine schöne Geste, um dem Land etwas zurückgeben zu können.

Über Mauern springen

Gründe, weshalb auch andere Frauen die grüne Uniform anlegen sollten, gibt es für Weibel viele: «Nebst der einmaligen Erfahrung lernt man sich selbst von einer ganz neuen Seite kennen. Grenzen werden erprobt und der Horizont wird erweitert.» Die Vielfalt an diversen Kulturen, Bildungs- und Finanzhintergründen ist in der Schweizer Armee grenzenlos. «Die Freundschaften, die ich dort knüpfen durfte, sind extrem wertvoll und die Mühe auf jeden Fall wert», berichtet Weibel begeistert.

Auch durch unangenehme Zeiten

Selbstverständlich gab es manchmal strenge Momente, in denen Weibel sich fragte, weshalb sie diese Anstrengung auf sich nimmt: «Dies konnte bei mühsamen Märschen sein oder wenn der Vorgesetzte schlecht gelaunt war und uns in der Weltgeschichte umher scheuchte», berichtet Weibel lachend. Ihre Zugehörigkeit zur Infanteriekompanie machte dies nicht unbedingt leichter. Denn diese ist für ihre hohe sportliche Aktivität und die grosse Traglast auf den vielen Märschen schweizweit bekannt. So kann Weibel nicht ohne Stolz behaupten, dass sie die Infanterie überstanden hat und wertvolle Erfahrungen sammeln durfte.

Bereichernde Fähigkeiten

«Ich durfte lernen, meine Grenzen zu überschreiten, gemeinschaftlich zu denken und konnte dank meiner Kaderposition Führungsfähigkeiten erlangen», schildert Weibel. Dies kann auch auf der späteren beruflichen Laufbahn nützlich sein, fördert organisatorisches Handeln und das Selbstbewusstsein.

Der Weckruf

Jede Schweizerin erhält mit ungefähr 17 Jahren ein Vororientierungsschreiben über das Militär vom Kanton, welches über die Möglichkeit der Wehrpflicht informiert. Doch das ist für Weibel längst nicht genug: «Ein einzelnes Schreiben geht schnell wieder vergessen und deshalb sollte ein Obligatorium des Orientierungstages auch für Frauen eingeführt werden. Denn Frauen haben ebenfalls das simple Recht auf Information, selbst wenn sie dann von einem Militärdienst absehen.» Momentan ist es immer noch der Fall, dass Frauen viel zu wenig über die Schweizer Armee informiert sind und man womöglich durch ausführliche Aufklärung in Zukunft mehr Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts im Militärdienst finden kann.

Eine helfende Hand

Sehr viel Unterstützung durfte Weibel besonders von ihrem Einheitsberufsoffizier von der Rekrutenschule erfahren: «Ein Vorfall in meinem Privatleben warf mich für eine gewisse Zeit aus der Bahn und zog grössere Folgen mit sich. Als ich mit diesem Problem zu meinem Einheitsberufsoffizier ging, war ich überrascht von seiner Hilfsbereitschaft und Unterstützung.» Selbst als Weibel die Einheit wechselte, erkundigte er sich immer wieder über ihr Wohlbefinden, was ihr in dieser Zeit enorm viel Kraft spendete.

Heute blickt sie mit positiven Gefühlen auf die bereichernde Militärzeit zurück. Ganz vorbei ist es jedoch nicht: Weibel leistet immer noch diverse Wiederholungskurse im Infanterie-Bataillon 20.

Text Vanessa Bulliard

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