Bundesrat will innovative Angebote für Grundkompetenzen streichen
Menschen wie Claudia Fässler und Anita Schobinger haben es nicht leicht. Beide Frauen wurden in den vergangenen Monaten im Tages-Anzeiger porträtiert, weil sie Mühe mit Lesen und Schreiben haben. Sie sprechen von Ängsten, Scham und Versagensgefühlen, kommen sich ausgegrenzt vor und haben den Eindruck, sie seien weniger wert.

Tiana Moser
Präsidentin des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung SVEB, Zürcher Ständerätin der Grünliberalen Partei GLP
Um Menschen wie sie zu unterstützen, haben die Kantone in den letzten zehn Jahren mit Unterstützung des Bundes und in Zusammenarbeit mit Weiterbildungsanbietern erfolgreich Angebote und Förderstrukturen aufgebaut, welche es Erwachsenen ermöglichen, ihre Grundkompetenzen gezielt zu verbessern. Doch genau diese Angebote sind nun akut bedroht; die Sparpläne des Bundesrats, die derzeit im Parlament behandelt werden, könnten die Bemühungen der letzten Jahre zunichtemachen.
Aber der Reihe nach: Betroffene wie Claudia Fässler und Anita Schobinger gibt es im Vorzeigeland Schweiz mehr, als man denkt. Gemäss einer Studie der OECD haben 1,67 Millionen Menschen hierzulande Schwierigkeiten beim Lesen, Rechnen oder Problemlösen. Das ist nicht nur eine erschreckende Zahl, sondern auch ein beunruhigender Fakt.
Denn wer Grundkompetenzen nicht gut beherrscht, hat oft Probleme im Alltag, ist im Beruf eingeschränkt und läuft eher Gefahr, arbeitslos zu werden. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind die Betroffenen tendenziell weniger erwerbstätig und verdienen weniger. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein volkswirtschaftliches: Allein fehlende Lesekompetenzen verursachen jährliche Kosten von über 1,3 Milliarden Franken.
Und nein, das hat nicht nur mit Migration zu tun, wie vielleicht einige denken: Mehr als die Hälfte der Personen, die über tiefe Lesekompetenzen verfügen, sind Schweizerinnen und Schweizer oder in der Schweiz geboren.
Die gute Nachricht: Mit gezielter Weiterbildung können Grundkompetenzen verbessert werden. Und auf diesen Fakt bauen wir seit vielen Jahren. So entstand in enger Zusammenarbeit mit Bund, Kantonen und Weiterbildungsinstitutionen ein System aus Strukturen und Angeboten, um Menschen mit Grundkompetenzbedarf zu unterstützen. Sieben Kantone haben bisher Bildungsgutscheine eingeführt – mit Erfolg.
Es geht aber nicht nur um Kurse. Die Weiterbildungsangebote in diesem Bereich sind vielfältig und reichen von Lese- und Schreibkursen über massgeschneiderte Firmenangebote bis hin zu Walk-in-Angeboten wie Lernlounges, Lernstuben oder Lernlofts, in welchen sehr informell gelernt wird. Genauer: Interessierte können kostenlos und ohne Voranmeldung vorbeischauen, ihr Anliegen schildern und sich helfen lassen. Zum Beispiel beim Ausfüllen eines Formulars oder beim Schreiben einer Bewerbung.
Ohne die Unterstützung des Bundes wird es nicht möglich sein, das aktuelle Angebot aufrechtzuerhalten.
Anderes Beispiel: Im Rahmen der vom Bund getragenen Kampagne «Einfach besser! … am Arbeitsplatz» entstehen massgeschneiderte Kurse im Betrieb, welche spezifische Probleme wie die Verständigung am Arbeitsplatz oder grundlegende Computer-Skills thematisieren. Die Erfahrungen mit den Kursen sind sehr positiv. So versteht zum Beispiel ein Buschauffeur seine Fahrgäste endlich besser oder eine angelernte Mitarbeiterin kann dank verbesserter Lesefähigkeiten ein Fähigkeitszeugnis in Angriff nehmen.
So finden fast alle eine Lernart, die ihnen entspricht. Und die vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung SVEB entwickelte GO-Methode zeigt Erwachsenenbildnerinnen und -bildnern, wie sie gezielt auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden eingehen können.
Wir können also sagen, das Weiterbildungsfeld und die Behörden haben gemeinsam sehr gut auf den Missstand der grassierenden mangelnden Grundkompetenzen reagiert und Strukturen geschaffen, welche diesen korrigieren. Bis jetzt.
Denn zurzeit steht das jahrelang erarbeitete System auf der Kippe. Derzeit wird im Parlament das Entlastungspaket 27 behandelt, das zahlreiche Kürzungen und Streichungen in der Weiterbildung vorsieht.
Der Bundesrat will bei der Weiterbildung massiv sparen – nachdem er deren Förderung kurz zuvor noch als strategische Priorität festgelegt hatte. Genauer will er die Bundesgelder für die Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener sowie die Unterstützung der Leistungen der Dachorganisationen der Weiterbildung streichen.
Das würde die grossen Anstrengungen der letzten Jahre zunichtemachen und das Erreichte gefährden. Ohne die Unterstützung des Bundes wird es nicht möglich sein, das aktuelle Angebot aufrechtzuerhalten. Die Kantone werden die wegfallenden Bundesmittel nicht kompensieren. Die Sparmassnahmen führen damit zu einem massiven Abbau von Kursangeboten im Bereich Grundkompetenzen.
Damit werden Massnahmen fehlen, die Menschen wie Claudia Fässler oder Anita Schobinger dabei helfen, ihre Kompetenzen zu stärken und so besser an der Gesellschaft teilzunehmen, in der Arbeitswelt oder im Alltag zu bestehen. Weiterbildungen, die das inländische Arbeitskräftepotenzial mobilisieren – und somit den Migrationsdruck reduzieren, werden wegfallen.
Aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Perspektive wäre dies dramatisch: Es gibt heute praktisch keine Jobs mehr, in denen Grundkompetenzen nicht nötig sind. Die Anforderungen steigen, und die künstliche Intelligenz sorgt dafür, dass Grundkompetenzen noch wichtiger werden.
Die geplanten Sparmassnahmen verursachen mehr Kosten, als sie einsparen, und bringen viele Mitbürgerinnen und Mitbürger um eine bessere berufliche und persönliche Zukunft. Das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten.
Text Tiana Moser
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