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Individuelle Sprachkenntnisse treffend einschätzen und darstellen

28.08.2021
von Kevin Meier

Fremdsprachenkenntnisse sind in einer globalisierten Wirtschaft von unmessbarer Bedeutung. Dabei gehört Englisch zu den unerlässlichen Basisfähigkeiten, weitere Sprachkompetenzen sind von Vorteil. Doch wie werden Sprachkenntnisse akkurat abgebildet?

Die Schweizer Wirtschaft ist genau wie jene aller westlichen Industrienationen stark vernetzt mit der globalen Ökonomie. Dies hat zur Konsequenz, dass Sprachkenntnisse als Anforderung auf dem Arbeitsmarkt Hochkonjunktur haben. Im Vorteil ist, wer fortgeschrittene Englischkenntnisse vorweisen kann oder je nach Branche sogar über spanische, französische, japanische und chinesische Sprachkompetenzen verfügt. Mit dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) kann man den eigenen Fortschritt verfolgen, kategorisieren und verständlich ausweisen.

Seit zwei Dekaden im Einsatz

Der Referenzrahmen wurde in den 1990er-Jahren vom Europarat mit dem Ziel erarbeitet, die europäische Mehrsprachigkeit und den lebenslangen, individuellen Spracherwerb zu fördern. 2001, zum Anlass des Europäischen Jahres der Sprachen, wurde der GER zum ersten Mal in Englisch und Deutsch vorgestellt und veröffentlicht. Mittlerweile werden mit den sechs Sprachniveaus des GER Sprachqualifikationen von Abschlüssen und Diplomen in mehreren Ländern vereinheitlicht angegeben, teilweise wird er auch in Nationen ausserhalb Europas verwendet. Insbesondere im akademischen Umfeld ist die Skala des GER bekannt und nutzbar. Auf dem Arbeitsmarkt wird er auch zunehmend verwendet, da sich damit zum Beispiel die Sprachniveaus von Bewerbenden deutlicher vergleichen lassen. 

Rahmen und Portfolio

Die Niveaustufen des GER basieren auf dem Grundsatz, dass Menschen handlungsorientiert ihre Bedürfnisse ausdrücken. Die Stufen beschreiben einerseits, welche Sprachhandlungen die Sprechenden beherrschen und andererseits, welche Kompetenzen dafür notwendig sind. Damit im Zusammenhang steht das europäische Sprachenportfolio (ESP). Die ESP sind von Land zu Land unterschiedlich, um sowohl den Anforderungen des GER als auch den nationalen Bildungssystemen gerecht zu werden, und trotzdem international einsetzbar. Wer das ESP stets auf dem neuesten Stand hält, kann die eigenen Kultur- und Sprachkompetenzen schnell und überzeugend darstellen. Dazu werden drei Niveaus mit je zwei Unterkategorien verwendet – von A1 bis C2.

A: Elementare Sprachanwendung

Niveau A beschreibt die grundlegenden Sprachkenntnisse von Einsteigenden in eine neue Sprache. In der Kategorie A1 geht es vor allem um konkrete Bedürfnisse, unmittelbar zusammenhängende Dinge und hilfsbereite Gegenüber. Bekannte und einfache Sätze können verstanden und verwendet werden. Man kann konkrete Dinge, wie beispielsweise Wohnort und Familienverhältnisse, erfragen und darauf antworten. Auf Stufe A2 kennt man zusätzlich geläufige Ausdrücke und kommt in routinemässigen Sprachsituationen gut zurecht. 

B: Selbstständige Sprachanwendung 

Auf dem Niveau B kommen Sprechende gut mit einer Standardsprache zurecht. B1 beschreibt, dass die Sprachverwendenden die Hauptpunkte bei klarer Sprache verstehen und sich in geläufigen Situationen wie Schule oder Arbeit sprachlich zurechtfinden. Ausserdem können sie sich verständlich zu vertrauten Themen äussern, über vergangene und zukünftige Ereignisse berichten und eigene Ansichten kurz erklären. B2 ist in der Schweiz gemeinhin das Sprachniveau, welches man mit einem Maturaabschluss erreicht. Hier werden auch komplexe und abstrakte Angelegenheiten in den Grundzügen verstanden und man kann sich spontan und fliessend verständigen, ohne Anstrengungen von Sprechenden oder Zuhörenden. Man kann sich zu vielen Themen äussern und den eigenen Standpunkt detailliert erklären.

C: Kompetente Sprachanwendung

Kompetente Sprechende kommen sehr nahe an die Kompetenzen von Erstsprachigen heran. Auf dem Niveau C1 kann man langen und anspruchsvollen Aussagen oder Texten über die verschiedensten Themen folgen und dabei auch implizite Bedeutungen verstehen. Der Sprachgebrauch ist spontan und fliessend möglich, ohne merklich nach den richtigen Worten suchen zu müssen. Ausserdem kann man sich zusammenhängend und strukturiert mit Verknüpfungen in Wort und Schrift zu komplizierten Sachverhalten äussern. C2-Kenntnisse erlauben zusätzlich die Integration von feinen, aber deutlichen Nuancen. Im Allgemeinen beschreibt das Level C2 Sprachkompetenzen auf Muttersprachenniveau: Man kann nahezu alles mühelos verstehen, zusammenfassen und ausdrücken – egal, ob mündlich, schriftlich oder eine Mischung aus beidem.

Diplome für jede Situation

Eine ehrliche Selbsteinschätzung genügt jedoch ohne Nachweise häufig nicht. Eingereichte Arbeiten, erfolgreiche Beispiele von beruflichen Projekten in einer Fremdsprache und Zertifikate ergeben ein überzeugendes Sprachenportfolio. Die meisten offiziellen Nachweise im Bereich von Fremdsprachen in Europa richten sich nach dem GER. Oftmals stehen mehrere Kurse und Zertifikate zur Verfügung, um alltägliche, berufliche und sogar branchenspezifische Kompetenzen auszuweisen. Das Bekannteste darunter ist das Cambridge English Language Assessment, das unter anderem auch Diplome in Business English, Legal, Financial und für Lehrpersonen anbietet. Ähnliches bieten andere Prüfungsinstitutionen für weitere Sprachen wie Deutsch, Spanisch, Französisch und Niederländisch an. 

Sprachniveau im Lebenslauf

Bei Bewerbungen dürfen Selbsteinschätzungen zu den eigenen Sprachkenntnissen einfliessen, sofern ein Zertifikat nicht explizit Teil der gewünschten Qualifikationen ist. Wichtig ist, dass die Selbsteinschätzung ehrlich und realitätsnah ist. Der GER eignet sich gut, die individuellen Sprachkenntnisse verständlich anzugeben. Gegebenenfalls können detailreichere Einschätzungen hilfreich sein. Zum Beispiel kann man mündliche und schriftliche Sprachfertigkeit getrennt angeben (z.B. Französisch: A2 konversationssicher in Wort, B2 fliessend in Schrift). Auf diese Weise werden Erwartungen von Unternehmen nicht enttäuscht und Angestellte nicht überfordert.

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