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Kulturelle Differenzen als Chance nutzen 

07.01.2022
von Lisa Allemann

In einer globalisierten Welt werden inter- und transkulturelle Kompetenzen immer wichtiger. Vor allem im Arbeitsmarkt kommt es gerne zu Missverständnissen, die problematische Auswirkungen auf die Zusammenarbeit haben können. «Fokus» hat sich informiert, wie diese vermieden werden können.

Missverständnisse können überall dort auftreten, wo eine Form der Kommunikation stattfindet. In einigen Fällen bemerken wir nicht einmal, dass eines geschehen ist. Andere werden ganz einfach aus der Welt geschaffen und wieder andere haben weitreichende Konsequenzen zur Folge. Was jedoch allen gemein ist, ist die fehlende Übereinstimmung des Verständnisses, wobei sprachliche und kulturelle Differenzen das Auftreten eines Missverständnisses noch begünstigen können. Dabei ist auch im Rahmen des Diversity-Managements schon lange bekannt, dass Vielfalt zu vorteilhaften Effekten führen kann.

Das Wissen über Differenzen als guter Anfang

«Es gibt Statistiken, die besagen, dass 70 Prozent aller interkulturellen Projekte aufgrund kultureller Missverständnisse schieflaufen. Das ist nicht nur aus ökonomischer Sicht wenig effektiv, sondern wirkt sich auch negativ auf die Motivation der Mitarbeitenden aus. Wer Diversität aber als Problem sieht, verzichtet auf die Nutzung einer wichtigen Ressource, um komplexe Arbeiten und Projekte zu meistern», warnt lic. phil. Irma Endres, Studiengangsleiterin transkulturelle Kompetenzen am Institut für Kommunikation und Führung.

Denn ein divers aufgestelltes Team mit unterschiedlichen Sichtweisen, Erfahrungen und Wissensgrundlagen ist gerade deshalb in der Lage, gemeinsame Ziele besser zu erreichen als ein homogenes – insbesondere bei komplexen Aufgaben. Damit dies gelingt, müssen kulturelle Unterschiede bekannt und akzeptiert sein. «Eine wichtige interkulturelle Kompetenz ist das Wissen über Werte, Prinzipien, Tabus, Glaube, Rituale, Identifikationen und Helden einer Kultur. Auch landeskundliches Wissen über die Geografie, Sprache, Politik oder Religion beispielsweise, kann zum Verständnis und der damit verbundenen Ressourcen beitragen», so Endres.

Kein Regelwerk im Umgang mit bestimmten Nationalitäten

Einer der häufigsten Fehler im Umgang mit Personen diverser Kulturen ist laut Endres die Annahme, dass je nach Herkunft verschiedene Dos and Don’ts definiert werden können. «Die Interkulturalität geht von in sich geschlossenen Kulturen aus. Dabei werden aber die Diversität und Wandelbarkeit einer Kultur sowie die Tatsache, dass Menschen auch stark von ihren individuellen Erfahrungen geprägt sind, vernachlässigt», führt Endres aus.

Nationalitäten stellen also keine Grundlage für ein Regelwerk im Umgang mit den entsprechenden Personen dar. «Die Problematik solcher Annahmen liegt darin, dass mit dem Lernen von Handlungsanweisungen eine gewisse Insensibilität entwickelt wird. Man denkt, dass Kultur kognitiv fassbar und erlernbar sei. Das ist aber nicht der Fall: Wir leben und erleben Kultur», erklärt Endres. Wissen über Kulturen ist also wichtig, darf aber nicht dazu führen, dass man aufhört zu beobachten, zu fühlen und zu reflektieren.

Es gibt keine allgemeingültigen Rezepte für den Umgang mit Menschen aus einer bestimmten Kultur. lic. phil.Irma Endres

Trans- statt Interkulturalität

Deswegen etabliert sich der Begriff der Transkulturalität. «Transkulturelle Konzepte gehen von dynamischen, hybriden Systemen aus. Damit lässt dieses Verständnis Veränderungen zu und gibt keine allgemeingültigen Rezepte für den Umgang mit Menschen aus einer bestimmten Kultur. Transkulturelle Modelle gehen zudem nicht davon aus, dass Kultur etwas Objektives ist, sondern etwas Intersubjektives: Meine Kultur prägt die Sicht auf meine Wahrnehmung von anderen Kulturen oder kulturellen Erlebnissen», erläutert Endres.

Es wird davon ausgegangen, dass ein Mensch, der sich der Diversität in der eigenen Kultur bewusst ist, einfacher mit anderen Kulturen umgehen und Wertschätzung für sie entwickeln kann. Darum ist es für einen konstruktiven Umgang mit anderen Kulturen unabdinglich, die eigene Kultur mit all ihren Facetten und auch kulturellen Spannungen wahrzunehmen. «Dadurch, dass mit diesem Ansatz Kulturen nicht mehr schubladisiert werden, werden sie diffuser und unfassbarer, was verunsichern kann. Deswegen ist eine gewisse Risikobereitschaft im Umgang mit anderen Kulturen vonnöten sowie die Fähigkeit, Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen zu erkennen», sagt Endres. Denn wer Angst habe, etwas falsch zu machen, wird nicht kulturell lernen können.

Kompetenzen bewusst erlernen

Neben dem Bewusstsein für kulturelle Differenzen sowie Gemeinsamkeiten und der Fähigkeit zur Reflexion, gibt es weitere inter- und transkulturelle Kompetenzen, die dazu beitragen können, eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu garantieren. «Es braucht die Haltung, dass die eigene Kultur nicht der Bauchnabel der Welt ist. Fremdsprachenkenntnisse, Empathie, Ambiguitätstoleranz, Resilienz, Kommunikations-, Konfliktlösungs- und Anpassungsfähigkeit sowie eine Gleichberechtigung der Kulturen in der Grundannahme und die Fähigkeit zur Wertschätzung der Vielfalt können als weitere Kompetenzen genannt werden», so Endres.

Weiter führt sie aus: «Wichtig für die Zusammenarbeit ist auch das Klären von Rollenvorstellungen und den damit verbundenen Erwartungen. Es gibt zum Beispiel Kulturen, in denen man sich gegenüber einer hierarchisch höher gestellten Person nie proaktiv einbringen darf, ausser man erhält den Auftrag dazu. In unserer Kultur wird das schnell als passiv und wenig innovativ gelesen. Für die Person aus der anderen Kultur ist es aber ein Zeichen von Respekt.» Damit solche Missverständnisse, deren Lösung viel Zeit, Raum und Energie kostet, gar nicht erst entstehen, braucht es einen Austausch. Leider wird kulturelle Diversität aber immer noch häufig als Störfaktor gesehen und ihr Potenzial deshalb nicht genutzt.

Eine Antwort zu “Kulturelle Differenzen als Chance nutzen ”

  1. Denise Martenet Perone sagt:

    Danke für diesen sehr aufschlussreichen und auf den Punkt gebrachten Artikel. Das Bewusstsein über die enormen Chancen in der Unterschiedlichkeit, und das Erarbeiten diese zu verbinden, ist eine gute Vorraussetzungen um Innovationen zu denken und umzusetzen und gleichzeitig um Verkrustungen der Abgrenzung aufzubrechen.

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