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Zwischen Weltliteratur und Fernsehserien: Ein Gespräch mit Charles Lewinsky

20.01.2021
von Lars Meier

Mit einer Situation wie der Coronapandemie müssten sich die Figuren in der von ihm geschriebenen Kultfernsehserie «Fascht e Familie» nie beschäftigen, davon ist Charles Lewinsky überzeugt. Den Grund hat er im Interview mit «Fokus» verraten – ebenso die Namen der Autoren, die er persönlich am meisten bewundert und wieso er das Entwickeln einer neuen Fernsehserie lieber seinem Sohn Micha überlässt.

Herr Charles Lewinsky, welches Buch haben Sie privat zuletzt gelesen?

«Americanah» von Chimamanda Ngozi Adichie. Ein wunderbares Buch, das ebenso genussvoll zu lesen ist, wie der Name der nigerianisch-amerikanischen Autorin schwer auszusprechen. Auch zu ihren anderen Büchern würde ich jedem Leser raten – am besten im englischen Original. Das ist ja das Schöne an der Literatur: Es gibt immer wieder neue Wunder zu entdecken – vor allem, wenn man eine gute Buchhandlung in der Nähe hat.

Das ist ja das Schöne an der Literatur: Es gibt immer wieder neue Wunder zu entdecken – vor allem, wenn man eine gute Buchhandlung in der Nähe hat. Charles Lewinsky

Wenn Sie drei literarische Vorbilder nennen müssten – welche wären das und warum?

Vorbilder – das klingt immer so, als ob man versuchen würde, diese Autoren zu imitieren. Aber wer versuchte, so zu schreiben, wie es andere schon vor ihm getan haben, würde immer nur Bücher aus zweiter Hand liefern. Da liest man doch besser gleich das Original. Lassen Sie mich Ihre Frage also umformulieren: Welche drei Autoren bewundern Sie am meisten? Also: Erstens Gustave Flaubert, weil er gezeigt hat, dass nicht die grossen Themen, sondern die perfekte Beschreibung ein grosses Buch ausmacht. Und ich teile voll und ganz seine Überzeugung: «Der Autor soll versuchen, ein möglichst langweiliges Leben zu führen, damit er alle Abenteuer in seinen Büchern erleben kann.» Zweitens Kurt Tucholsky, ebenso wegen seiner Konsequenz im Kampf für seine politischen Anliegen wie wegen der Brillanz seiner Formulierungen. Einen Satz wie den über einen Unteroffizier: «Je lauter er schrie, desto niemander kam» – möchte ich gern selbst geschrieben haben. Und natürlich möchte man auch so federleichte Chansons schreiben können, wie er es immer wieder getan hat. Drittens und letztlich Hilary Mantel, weil sie für mich unter den lebenden Autoren einfach die Nummer eins ist. Wobei mir nicht ihre berühmte Serie über Thomas Cromwell am allerbesten gefällt, sondern der schmale Roman «Beyond Black», über eine Frau, die von Gespenstern verfolgt wird. Man muss schon eine Meisterin ihres Faches sein, um Dinge, die es gar nicht geben kann, so absolut glaubhaft schildern zu können. Lesen!

Vorbilder – das klingt immer so, als ob man versuchen würde, diese Autoren zu imitieren. Charles Lewinsky

Was macht für Sie ein gutes Buch aus?

Da gibt es keine allgemeingültige Definition; jeder Leser wird eine andere Antwort geben. Nicht jedes Buch passt zu jedem Leser, so wie auch nicht jeder Schlüssel ins selbe Schloss passt. Aber eine Eigenschaft scheinen mir alle guten Bücher zu teilen: Man kann sie auch ein zweites oder ein drittes Mal mit Genuss lesen. Bei den «Buddenbrooks» sind es bei mir schon mindestens fünf Mal. Und man wird wohl zum Schluss «Das ist ein gutes Buch» kommen, wenn man es nicht weglegen kann, obwohl einem schon die Augen wehtun. Deshalb war es für mich auch eines der schönsten Komplimente, die ich je bekommen habe, als ein Mann nach einer Lesung von «Melnitz» zu mir sagte: «Ich bin so froh, dass meine Frau mit dem Buch endlich durch ist. Jetzt kocht sie wieder.» Gute Bücher, das gehört auch dazu, dürfen ihre Leser nicht langweilen. Deshalb bin ich froh, jetzt bei einem Verlag zu sein, dessen Motto lautet: «Diogenes-Bücher sind weniger langweilig».

«Ich hätte auch mit Unterhaltung weitermachen können und wäre jetzt reich. Aber ich wäre verblödet», haben Sie einmal gesagt. Ist Verblödung denn unvermeidbar, wenn man Unterhaltung macht?

Die Sorte Unterhaltung, mit der sich Geld verdienen lässt, ist fast immer repetitiv. Die Suppe soll nach dem immer gleichen Rezept angerührt werden, und ein Aufguss von einem Aufguss von einem Aufguss bringt den Koch in seinem Handwerk nicht weiter. Die Unterhaltungsredaktionen bestellen meistens das, was schon einmal Erfolg hatte, und die Ansprüche an diese Sendungen sind in ihrem Anspruch auf Massentauglichkeit so vorausschaubar, dass einem beim Schreiben die grauen Hirnzellen eine nach der anderen wegsterben. Ich habe mich einmal im Roman «Mattscheibe» darüber lustig gemacht, aber wenn ich den heute wieder lese, denke ich: «Eigentlich ist das gar nicht übertrieben.» Es gibt natürlich auch Unterhaltungsformen, bei denen man nicht verblödet, wie zum Beispiel das Kleinkunst-Programm «Moesie und Pusik», das ich zusammen mit Markus Schönholzer erarbeitet habe. Aber damit wird man ganz bestimmt nicht reich.

Schliessen sich Unterhaltung und Tiefgang Ihrer Ansicht nach gegenseitig aus?

Nein, nein, nein! Es ist nur viel schwerer ein tiefgründiges Buch zu schreiben, das gleichzeitig unterhaltend ist – und darum kaschieren manche Autoren die Langeweile, die sie aufs Papier bringen, durch Bedeutendlichkeit oder modische formale Spielereien. Wer nicht glaubt, dass Unterhaltung und Tiefgang zusammengehen, soll einfach den Roman eines Autors nennen, der oben bei den «Vorbildern» fehlte, weil ich nur drei Namen nennen durfte: Jeremias Gotthelf.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Sie seien ein Einzelarbeiter und schliessen sich so wochenlang ein. Wie gestalten Sie sich Ihre ideale Arbeitsatmosphäre?

Vielleicht liegt es daran, dass ich Schweizer bin, oder vielleicht bin ich einfach so gebaut. Wie auch immer: Ich arbeite gern «bürolistisch», also am immer gleichen Ort und zu den immer gleichen Zeiten. Und, ganz wichtig: Mein Terminkalender muss möglichst für die nächsten Wochen völlig leer sein, sonst stören mich die bevorstehenden Pflichten in der Konzentration. Schreiben ist mein Beruf – und seinen Beruf soll man seriös ausüben.

Schreiben ist mein Beruf – und seinen Beruf soll man seriös ausüben. Charles Lewinsky

Welches ist Ihr Lieblingsstück in Ihrem Zuhause?

Ein Rollwagen im Thonet-Stil, den meine Frau und ich einmal im Dorotheum in Wien entdeckten, und der ihr ganz besonders gefiel. Man konnte ihn aber nicht kaufen, weil er für eine Auktion bestimmt war – und zu deren Termin waren wir nicht mehr in der Stadt. Ich freue mich heute noch, dass ich damals jemanden gefunden habe, der das gute Stück für mich ersteigert hat, sodass ich meine Frau trotz aller Schwierigkeiten damit überraschen konnte.

Was bedeuten Ihnen Ihre eigenen vier Wände?

Es sind eigentlich acht Wände, weil ich abwechselnd in Zürich und in Frankreich lebe. Sie sind für mich sehr wichtig, weil ich in ihnen nicht nur wohne, sondern auch arbeite. Ich habe Kollegen, die von Stadtschreiberstelle zu Stadtschreiberstelle wandern, und am besten arbeiten können, wenn sie weit weg von zu Hause sind. Ich weiss nicht recht, ob ich sie beneiden oder bemitleiden soll.

Die Coronapandemie stellt zurzeit unser aller Leben auf den Kopf. Wird die Krise in einem Ihrer nächsten Werke eine Rolle spielen?

Um Himmelswillen, nein! Ich befürchte, dass in den nächsten Monaten eine solche Flut an Corona-Romanen auf uns zurollen wird, dass man dagegen eine eigene Impfung wird entwickeln müssen.

Die Sorte Unterhaltung, mit der sich Geld verdienen lässt, ist fast immer repetitiv. Charles Lewinsky

Im Zeitalter von Netflix erfreuen sich Serien enormer Beliebtheit; «The Crown», «Grey’s Anatomy» oder «House of Cards» begeistern Millionen Menschen weltweit. Könnten Sie sich vorstellen, erneut eine Fernsehserie zu entwickeln?

Ich bin mit der Dramaturgie dieser Fernsehform nicht genügend vertraut, um in diesem Fach wirklich gute Qualität zu liefern. Das überlasse ich gern meinem Sohn Micha, der mir als Drehbuchautor weit überlegen ist.

2020/2021 strahlt SRF wieder «Fascht e Familie» aus und erzielt hervorragende Quoten – auch über ein Vierteljahrhundert nach der Erstausstrahlung. Wie erklären Sie sich diese Beliebtheit?

Man soll ja immer die eigene Bescheidenheit betonen. Trotzdem antworte ich für einmal ganz unbescheiden: Weil die Serie einfach gut ist. Und weil wir das Glück hatten, die perfekte Besetzung dafür zu finden. Es hat mir auch – ein wichtiger Punkt! – beim Schreiben damals niemand reingeredet, weil die zuständigen Leute erklärtermassen von Sitcom keine Ahnung hatten.

Stellen Sie sich vor, «Fascht e Familie» würde heute, während der Coronapandemie spielen. Hätten Sie eine Idee, was in diesen Episoden geschehen würde? Wie würden Tante Martha, Hans und Co. mit der Situation umgehen?

Überhaupt nicht. Eine Sitcom muss jedes Problem in 25 Minuten lösen, Episode für Episode. Mit einem wirklichen Problem wie Corona ist das nicht möglich. Ausserdem: Über tausende von Toten gibt es nichts zu lachen.

Wie bewerten Sie «Fascht e Familie» aus dem heutigen Standpunkt?

Ich sehe mir immer wieder mal eine Folge an und denke erfreut: Handwerklich wirklich gut gemacht.

Kommenden April feiern Sie Ihren 75. Geburtstag. Mit welchen Gefühlen blicken Sie diesem Tag entgegen?

Mit dem Gedanken: Schon? Dann muss ich wirklich schneller arbeiten. Es gibt so vieles, das ich auch noch schreiben möchte.

Auch sie kann 2021 ihren 75. Geburtstag feiern: Dolly Parton. Das Interview mit der Sängerin und Schauspielerin gibt’s hier.

Interview Lars Gabriel Meier
Headerbild Maurice Haas/Diogenes Verlag

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