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Milchsäurebakterien: Bitte recht sauer!

21.07.2021
von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Auf die Schleimhäute kommt es an: Wie Milchsäurebakterien die Gesundheit beeinflussen.

Wir sind nicht allein. Denn jeder menschliche Körper steckt voller Bakterien. 39 Billionen Mikroorganismen tummeln sich auf und unter unserer Haut. Besonders geschäftig geht es im Darm und Dickdarm zu. Bakterien vermehren sich, kommen neu hinzu, verwerten Stoffe, bauen diese um. Sehr hilfreich, um die umkämpfte Darmflora in Zaum zu halten, sind Milchsäurebakterien, darunter auch die sogenannten Laktobazillen. Sie sorgen mit der Umwandlung von Kohlehydraten in Säure für ein saures Milieu und bekämpfen damit andere, schädliche Mikroben. Laktobazillen halten mit einem niedrigen pH-Wert die Darmflora gesund und sind gleichzeitig der beste natürliche Schutz vor Infektionen und Keimen.

Schleimhäute schützen

Dass sauer abwehrlustig macht, entdeckte der russische Nobelpreisträger Ilja Iljitsch Metschnikow bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Bei seinem Besuch bulgarischer Bauern, die besonders viele Milchprodukte herstellten und verzehrten, stellte er bei diesen eine deutlich stabilere Gesundheit fest. Auch heute noch gilt: Eine gut funktionierende, gesunde Darmflora ist ein effektiver Schutz vor Krankheiten und der beste Helfer fürs Immunsystem. Milchsäurebakterien sind besonders für Frauen wichtig, denn sie schützen nicht nur den Darm, sondern auch die Vaginalflora und die Brustdrüsen während der Stillzeit.

Wo andere Bakterien nur den Magen erreichen und dort umgewandelt oder abgebaut werden, kommt das organische Milchsäurebakterium, mittlerweile auch mithilfe probiotischer Lebensmittel, erheblich weiter. Es marschiert bis zum Darm, um sich dort dann mit Eindringlingen oder Entzündungen zu beschäftigen. Wer regelmäßig in gesunden Mengen Milchsäurebakterien zu sich nimmt, kann sich sicher sein, dass vor allem der Dickdarm von der Zufuhr profitiert.

Hier wirkt Milchsäure am besten

Wo aber hilft Milchsäure am effektivsten? Natürliche Milchsäure hilft bereits Babys, deren Darmflora sich erst noch entwickeln muss. Frühgeborene und Kaiserschnittbabys benötigen besonders viele Milchsäurebakterien. Die gute Nachricht: Sie werden durch die Muttermilch einerseits ideal versorgt. Die sogenannten Babykoliken, in einigen Fällen ein bestimmendes Merkmal von «Schreibabys», können oftmals gezielt durch Muttermilch behandelt und dann auch abgestellt werden. In den letzten zehn Jahren beschäftigten sich Wissenschaftler:innen in Studien allerdings auch mit der gezielten Zugabe von Probiotika, um Babykoliken zu lindern.

In ihrer Diplomarbeit «Colic Babies» für die Uni Graz kam Dr. med. Tina Konrath zu dem Schluss, dass «sowohl Studien mit Probiotika wie Lactobacillus reuteri, als auch mit Synbiotika, bestehend aus mehreren Probiotika in Kombination mit Fructooligosacchariden, welche die Funktion und Überlebensfähigkeit der Probiotika steigern sollen, eine signifikante Reduktion des Schreiverhaltens bei Säuglingen mit infantilen Koliken zeigen». Auch bei älteren Kindern, stellen Kinderärzt:innen fest, kann die nicht übermässige Einnahme von Milchsäure einen positiven Effekt haben und beispielsweise Bauschmerzen oder Verdauungsprobleme bekämpfen.

Während der Stillzeit sind Mütter besonders stark von Brustentzündungen oder Milchstau betroffen. Hier kann Milchsäure, beispielsweise in Form von kühlem Quark, als Hausmittel eingesetzt werden. Der Quark sorgt dafür, dass Schwellungen und Schmerzen zurückgehen, die Milchsäure leitet die für die Entzündung verantwortlichen Stoffe schnell ab.

Besonders wichtig ist Milchsäure in der Vaginalflora. Die in der Scheide von speziellen Laktobazillen produzierte Milchsäure senkt schnell den pH-Wert und wehrt so Angreifer oder Eindringlinge ab. Laktobazillen produzieren außerdem Wasserstoffperoxid. «Der vom Haarebleichen bekannte Stoff», so das Herborner Institut für Mikroökologie, «stellt ein natürliches Abwehrsystem der Scheidenflora dar. Gegen das Wasserstoffperoxid haben auch die Erreger keine Chance, denen die Milchsäure nichts anhaben kann. So verhindert die natürliche Scheidenflora die Entstehung einer Vaginose.» Alles, was den pH-Wert kurz- oder mittelfristig erhöhe, dazu zählten sowohl Schwangerschaften, Antibiotika-Einnahmen aber auch ungeschützter Sex, könne zu Beschwerden und einem Ungleichgewicht in der Vaginalflora führen.

Gezielte Ernährung mit Joghurt

Wer schon immer gerne Joghurt ass, braucht sich um den natürlichen Milchsäure-Nachschub zunächst keine Sorgen machen. Vor allem in Naturjoghurt, der sich perfekt mit Obst oder Haferflocken oder Müsli kombinieren lässt, sind genügend gesunde Bakterien enthalten, die nicht nur schmecken, sondern sich im Körper auch schnell ans Werk machen, um die Schleimhäute im Gleichgewicht zu halten. Auch in Käse, Kefir, Sauerkraut oder dem zunehmend beliebten Tempeh aus fermentierten Sojabohnen ist viel Milchsäure enthalten. Auch probiotische Nahrungsergänzungen machen Sinn und können gezielt helfen.

Das Magazin Schrot&Korn empfiehlt außerdem, mehr auf die Gärung von Gemüse zu setzen: «Weil Sauerkraut in Deutschland so populär ist, wird oft vergessen, dass man nicht nur Weißkohl milchsauer einlegen kann.» Von den heimischen Gemüsen eigneten sich »vor allem Blumenkohl, Broccoli, Rote Bete, Karotten, Gurken, Bohnen, Zwiebeln, Wirsing, Kohlrabi, Rotkohl, Sellerie und Rettich.»

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