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Business Künstliche Intelligenz Schweiz

Warum die Kassiererin den Schlüssel zur KI-Transformation hält

20.10.2026
von SMA

Es ist Samstag, ich bin in meinem Stamm-Supermarkt an der Kasse und unterhalte mich mit der Kassiererin. Den kleinen Supermarkt, in dem ich jede Woche einkaufe, kenne ich mittlerweile wie meine eigene Küche.

Die Fruchtjoghurts kommen an die Reihe. Sie scannt einen davon, ich sage, es sind sechs Stück, und mit diesem einen Satz nimmt ein Gespräch seinen Lauf, das eigentlich mitten in die Welt der Datenqualität führt. Ihre Reaktion: »Früher war das einfacher. Ich durfte eines scannen und dann einfach sechs eingeben. Erledigt. Heute muss ich jeden Becher einzeln scannen, weil es verschiedene Sorten sind.« In diesem Moment macht es klick. Natürlich: Für Lagerhaltung, Nachbestellung, Einkaufsplanung und Bedarfsprognosen braucht man präzise Mengenangaben, und zwar in Echtzeit, auf Sortenebene.

Kenza Ait Si Abbou Lyadini CEO und Founder, scailers GmbH

Als KI-Expertin und ehemalige Technologievorständin bei einem Logistikdienstleiter hätte mich das eigentlich nicht überraschen dürfen. Aber der private Kontext hat mich dann doch kurz innehalten lassen. Ich erkläre ihr, was hinter diesen Daten steckt: was im Hintergrund damit passiert, warum Präzision so wichtig ist und warum ihr Arbeitsalltag sich verändert hat. Mir war es in diesem Moment wirklich wichtig, ihr zu erklären, warum ihr Leben »komplizierter geworden ist«. Sie versteht es. Wir lachen.

Das Missverständnis im Elfenbeinturm
Dieser Moment hat mir einmal mehr klargemacht, was es wirklich bedeutet, Mitarbeitende in der KI-Transformation mitzunehmen. Im Elfenbeinturm entwickeln wir Strategien und sprechen über Effizienzgewinne, Automatisierungspotenziale, Wettbewerbsfähigkeit und Kostendruck. Dabei übersehen wir allzu oft, dass diese Transformation für viele Menschen in der Organisation zunächst vor allem eines bedeutet: eine Veränderung ihres Alltags. Manchmal eine scheinbare Verschlechterung. Einen Mehraufwand, dessen Sinn sich nicht von selbst erschließt.

Daten in andere Systeme eingeben, in einer anderen Form, in einer anderen Menge, anders als gewohnt. Das klingt nach einer kleinen technischen Anforderung, ist aber für die Person an der Kasse eine spürbare Umstellung. Und wenn niemand erklärt, warum das so ist, entsteht Widerstand. Keine Sabotage, kein Desinteresse, sondern das vollkommen nachvollziehbare Gefühl, dass die eigene Arbeit schwerer wird, ohne dass man weiß wofür.

Future of AI beginnt mit dem Menschen
Future of AI bedeutet für mich genau das: eine Welt, in der KI so selbstverständlich in unseren Alltag eingebettet ist, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen. Sie ist überall, im Supermarkt, in der Praxis, im Büro. Aber aktiv wahrnehmen bedeutet mehr als nur nutzen. Es bedeutet, die Zusammenhänge zu verstehen, die Konsequenzen des eigenen Handelns antizipieren zu können und den Ergebnissen der KI trotzdem kritisch zu begegnen. Unser Urteilsvermögen ist wie ein Muskel. Er braucht Training. Und er ist unsere eigentliche menschliche Stärke.

Das ist keine romantische Vorstellung. Es ist eine strategische Notwendigkeit. Denn Organisationen, die KI einführen, ohne ihre Mitarbeitenden wirklich mitzunehmen, werden scheitern, nicht am Algorithmus, sondern an der Akzeptanz.

Ohne Skalierung kein Return on Invest
Solange wir die Existenzängste unserer Belegschaft nicht ernst nehmen, ihnen keine Zeit zum Lernen und Anpassen geben, keine sinnvollen Trainings anbieten und gleichzeitig von ihnen verlangen, über Nacht zu Expertinnen und Experten zu werden, solange werden wir KI nicht in Organisationen skalieren können. Und ohne Skalierung gibt es keinen Return on Invest. Der kommt erst, wenn die Kassiererin verstanden hat, warum es wichtig ist, jeden Joghurt einzeln zu scannen. Wenn sie es nicht als Verschlechterung ihrer Arbeit erlebt, sondern als nachvollziehbaren Teil eines größeren Zusammenhangs.

Was das in der Praxis bedeutet, erlebe ich täglich in meiner Advisory-Arbeit mit Unternehmen: Die technische Infrastruktur ist oft längst da. Die Pilotprojekte laufen. Aber der Sprung zur Skalierung gelingt nicht, weil die Organisation nicht mitgezogen wurde. Und das beginnt nicht bei der Kassiererin, es beginnt bei ihrer Führungskraft. Denn auch Führungskräfte haben noch nicht alle Antworten. Auch sie lernen gerade, was KI für ihre eigene Rolle bedeutet. Wer selbst unsicher ist, kann kaum Sicherheit vermitteln. Das ist keine Schwäche, das ist die ehrliche Realität einer Transformation, für die es kein fertiges Playbook gibt. Deshalb brauchen wir Führungskräfte, die ihre eigene Unsicherheit zulassen, offen darüber sprechen und eine Kultur schaffen, in der Nicht-Wissen kein Makel ist. Psychologische Sicherheit ist kein Soft-Skill. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt stattfindet.

Die Frage »Was bedeutet das für mich?« ist die wichtigste Frage, die eine Organisation beantworten muss, auf jeder Ebene. Wir brauchen keine komplizierten Change-Management-Frameworks. Wir brauchen Führungskräfte, die erklären, die zuhören und den Mut haben, auch Unsicherheit zu zeigen und trotzdem Orientierung zu geben.

Die Zukunft der KI wird nicht in den Rechenzentren entschieden. Sie wird in den Köpfen der Menschen entschieden, die täglich mit ihr arbeiten, ob sie es wissen oder nicht. Und manchmal beginnt sie an der Supermarktkasse, mit sechs Fruchtjoghurts und einem Gespräch, das kurz innehalten lässt.

Text Kenza Ait Si Abbou Lyadini

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