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KI ist kein Allheilmittel

30.10.2026
von Thomas Soltau

KI soll plötzlich richten, was Unternehmen über Jahre bei Prozessen, Daten und IT-Strukturen versäumt haben. Chris Ryan hält davon wenig. Der Gründer und CEO von iosys verbindet mit seinem Unternehmen ERP, MES, Maschinen und Daten in Fabriken und automatisiert die Prozesse dazwischen. Sein Appell an KMU: weniger KI-Hype, mehr Klarheit – und endlich anfangen.

Chris Ryan, Gründer und CEO von iosys

Herr Ryan, Sie sagen, in vielen Fabriken sei der Mensch zum «manuellen Daten-Wasserträger» geworden. Was läuft dort schief?
Über Jahre wurden immer neue Systeme eingeführt. Hersteller:innen kamen mit eigenen Lösungen, aber kaum jemand fragte, wie System A mit System B sprechen soll. Also helfen sich Mitarbeitende selbst: Daten werden kopiert, in Excel bearbeitet und wieder importiert. Viel Wissen steckt nur in einzelnen Köpfen. Kritisch wird es, wenn die Geschäftsleitung den Bezug zum Shopfloor verliert und sich vom nächsten grossen Versprechen begeistern lässt. Technologie löst dieses Problem nicht.

Nun wird KI vielerorts genau als dieses nächste grosse Versprechen verkauft. Wird da zu viel versprochen?
Ja. Die Marketingindustrie hat gute Vorarbeit geleistet: Hirn raus, KI rein – und dann läuft alles. Das halte ich für gefährlich. KI ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Technologien. Vieles, was heute als KI verkauft wird, ist klassische Prozessautomatisierung. Und schlechte Daten werden durch KI nicht plötzlich gut. Im Gegenteil: Falsche Kennungen oder veraltete Angaben können sich sogar schneller verbreiten. Unternehmen müssen zuerst ihre Prozesse verstehen und wissen, welche Daten verlässlich sind.

Bei einer KI-Transformation kommt bei iosys ausgerechnet die KI zuletzt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Vielleicht, aber es ist der richtige Weg. Wir beginnen nicht mit der Software, sondern mit einem konkreten Ablauf: Wo wird gewartet? Wo geht Zeit verloren? Wo werden Daten übertragen, korrigiert oder nachgefragt? Erst dann geht es um Datenfundament, Schnittstellen und Automatisierung – und danach um Intelligenz. Wie soll ein Agent einen Prozess steuern, wenn schon die Menschen nicht genau wissen, wie dieser Prozess funktioniert?

Viele KMU denken bei «Transformation» trotzdem an hohe Kosten und einen kompletten IT-Neustart.
Genau das muss nicht passieren. Wir wollen bestehende ERP- oder MES-Systeme nicht herausreissen. Wenn sie funktionieren, bleiben sie führend. iosys verbindet vorhandene Systeme über Schnittstellen und schafft eine Architektur, auf der Anwendungen auf Daten zugreifen können. Wir setzen möglichst auf offene Standards und Open Source. Wichtig ist uns, Unternehmen strategisch zu begleiten. Man beginnt mit einem konkreten Problem, lernt daraus und entwickelt die Architektur Schritt für Schritt weiter. Eben das Gegenteil von: alles wegwerfen und erst einmal fünf Millionen investieren.

Wann darf eine KI dann tatsächlich Entscheidungen treffen?
Sie muss sich ihren Platz verdienen. Ich halte das Prinzip der progressiven Autonomie für sinnvoll. Am Anfang darf ein Agent beispielsweise nur lesen und Vorschläge machen, während der Mensch entscheidet. Erst wenn das System wiederholt gezeigt hat, dass seine Entscheidungen funktionieren, erhält es weitere Rechte. Es braucht Governance und Kontrolle. Bei Sprachmodellen reden wir über Wahrscheinlichkeiten, nicht über absolute Gewissheiten. Deshalb muss klar sein, welches Risiko ein Unternehmen akzeptieren kann und wo der Mensch die letzte Entscheidung trifft. Es geht nicht darum, den Menschen aus dem Prozess zu drängen. Er soll dort entscheiden, wo Urteilskraft und Verantwortung gefragt sind.

Sie sprechen von den «Kosten des Nichtstuns». Ist Abwarten inzwischen gefährlicher als ein möglicher Fehler bei der Transformation?
Der grösste Fehler ist, sich mit diesen Technologien gar nicht zu beschäftigen. Fachkräfte gehen in Pension und Wissen verschwindet, wenn Abläufe und Entscheidungen nicht dokumentiert sind. Gleichzeitig wird Ineffizienz immer teurer. Wettbewerber:innen, die ihre Daten, Abläufe und Produktion besser verzahnen, können schneller und günstiger anbieten und dabei womöglich höhere Margen erzielen. Wir werden in Europa nicht über tiefere Lohnkosten gewinnen. Wir müssen schneller reagieren, Fehler reduzieren und unser enormes Industriewissen besser nutzen.

Die Schweizer Industrie gilt als vorsichtig. Muss sie sich angesichts des internationalen Wettbewerbs mehr Experimentierfreude leisten?
Die Industrie ist beständig und träge – und sie muss auch nicht jeden Hype mitmachen. Aber wenn der Druck steigt, besser, schneller und günstiger zu werden, reicht die Faust im Sack nicht. Wir können beklagen, dass die Amerikaner:innen schneller und die Chines:innen günstiger sind. Oder wir machen etwas dagegen. Ich würde jedem Unternehmen raten, klein anzufangen und Anbieter zu prüfen: Was macht das System? Was automatisiert es? Was kostet es? Da trennt sich die Spreu vom Weizen ziemlich schnell. Man muss nicht jedem gefallen. Wenn wir die Leute zum Nachdenken bringen, haben wir schon etwas erreicht.

Weitere Informationen unter:
iosys.swiss

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