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Deutschland Nachhaltigkeit Energie Innovation Interview

Mehr Intelligenz fürs Netz

15.10.2026
von SMA

Der Umbau des Energiesystems stellt Österreichs Stromnetze vor neue Aufgaben. Gleichzeitig steigt der Strombedarf. Wie lassen sich vorhandene Kapazitäten besser nutzen und mehr dezentrale Erzeuger einbinden? Patricia Neumann, Vorstandsvorsitzende der Siemens AG Österreich, zeigt, wie intelligente Stromnetze und künstliche Intelligenz mehr Flexibilität ermöglichen und warum dabei auch die Cybersicherheit an Bedeutung gewinnt.

Patricia Neumann Vorstandsvorsitzende der Siemens AG Österreich

Frau Neumann, Österreich baut erneuerbare Energien massiv aus. Wo liegt derzeit die größte Herausforderung für die heimische Energieinfrastruktur?
Die Herausforderungen ähneln jenen in anderen europäischen Ländern. Unsere Energiesysteme werden immer dezentraler, gleichzeitig muss bestehende Infrastruktur erneuert und ausgebaut werden. Durch die dezentrale Energieerzeugung verändert sich zudem die Richtung, in die Energie fließt. Last und Spannung schwanken stärker, und bei erneuerbaren Energien spielt auch die Wetterlage eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig rechnen wir mit einem deutlich höheren Energiebedarf. All das stellt neue Anforderungen an die Verteilung. Technologie und Digitalisierung können helfen, diese Komplexität zu beherrschen.

Photovoltaik, Speicher und E-Mobilität stellen die bestehenden Netze vor neue Anforderungen. Wie viel zusätzliche Kapazität lässt sich mit digitalen Lösungen herausholen?
Wir setzen dafür auf Software und Digitalisierung. Datenpunkte im Netz oder von Smart Metern werden erfasst und ausgewertet. Das hilft im laufenden Betrieb und bereits bei der Planung. Ein Beispiel aus unserem Siemens-Xcelerator-Portfolio ist der Flexibility Manager. Er kann Netzengpässe vorausschauend erkennen und ermöglicht eine gezieltere Ressourcensteuerung. Nach unseren Berechnungen lässt sich die Kapazität von Verteilnetzen dadurch um bis zu 20 Prozent erhöhen. Gleichzeitig können notwendige Investitionskosten um bis zu 40 Prozent reduziert werden. Wir nutzen die bestehende Infrastruktur also besser und können künftige Investitionen zielgerichteter planen.

Smart Meter spielen dabei insbesondere auf der letzten Meile zum Verbraucher eine wichtige Rolle. Dort sitzt heute zunehmend nicht nur der Konsument, sondern durch Photovoltaik auch der Erzeuger. Österreich ist bei der Smart-Meter-Einführung bereits weit. Nun kommt es darauf an, dass Energieanbieter auf dieser Grundlage flexible Preismodelle anbieten können. Wer seinen Verbrauch in günstigere Zeiten verlagert, sollte davon auf seiner Stromrechnung profitieren.

Damit wird Flexibilität zu einem zentralen Faktor. Wie verändert sie das Energiesystem?
Wir kommen von einer klassischen Stromeinbahnstraße und bewegen uns hin zu einem Smart Grid, das gewissermaßen gegenverkehrstauglich sein muss. Strom fließt nicht mehr nur von einem zentralen Erzeuger zum Verbraucher, sondern aus vielen dezentralen Quellen in unterschiedliche Richtungen. Gleichzeitig schwankt die Einspeisung stärker. Digitale Intelligenz hilft uns, trotz dieser Volatilität einen stabilen Netzbetrieb sicherzustellen und vorhandene Flexibilität besser auszunutzen. Dafür brauchen wir Technologie, aber ebenso Fachwissen und Beratung. Wer ein Gebäude oder eine Anlage betreibt, muss verstehen, welche Möglichkeiten sinnvoll sind und wie sie zusammenspielen. Auch der Klimawandel wirkt sich auf Kraftwerke, Speicher und deren Planung aus. Je mehr Faktoren zusammenkommen, desto wichtiger werden Daten und die Fähigkeit, sie richtig auszuwerten.

Für Unternehmen entscheidet am Ende auch die Wirtschaftlichkeit. Was bringen etwa die Flexibility Services von Siemens konkret?
Gebäude sind neben der Industrie ein großer Energieverbraucher und deshalb ein wichtiger Ansatzpunkt für mehr Effizienz. Bei unseren Flexibility Services versuchen wir, auf Basis von Algorithmen die Energiesysteme eines Gebäudes bestmöglich zu optimieren. Dabei geht es nicht allein darum, weniger Energie zu verbrauchen.

Wenn ich meinen Verbrauch zeitlich steuern und beispielsweise günstige Preise am Strommarkt nutzen kann, entsteht zusätzlich ein wirtschaftlicher Vorteil. Energieeffizienz und die intelligente Nutzung unterschiedlicher Preisniveaus lassen sich verbinden. Wie groß der Effekt ausfällt, hängt vom jeweiligen Kunden und seinem Verbrauchsprofil ab. Grundsätzlich ist aber jeder Hebel, mit dem Unternehmen ihre Energiekosten reduzieren können, auch ein Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit. Und genau diese ist derzeit eines der zentralen Themen für Europa.

Je digitaler die Energieinfrastruktur wird, desto größer wird auch die Angriffsfläche. Wie lässt sich kritische Infrastruktur wirksam schützen?
Einen hundertprozentigen Schutz wird es weder in der analogen noch in der digitalen Welt geben. Unser Anspruch muss trotzdem sein, diesem Ziel möglichst nahe zu kommen. Je stärker wir Netze und Infrastruktur digital verbinden, desto wichtiger wird Cybersicherheit. Das beginnt bei gehärteter Hardware und sicherer, verschlüsselter Kommunikation. Hinzu kommen internationale Standards und eine mehrschichtige Verteidigung. Es reicht nicht, eine einzige Mauer aufzubauen. Unternehmen brauchen unter anderem ein gutes Identitätsmanagement und Zero-Trust-Konzepte. Besonders relevant ist die kontinuierliche Überwachung. Cybersicherheit ist nichts, was man einmal erledigt und dann abhakt.

Auch hier spielt KI eine doppelte Rolle. Cyberkriminalität kann durch sie beschleunigt werden. Gleichzeitig hilft sie bei der Abwehr, weil ungewöhnliche Muster schneller erkannt und Warnsignale früher ausgelöst werden können. In Österreich nehme ich bei Betreibern, Regierung und unseren Partnern eine hohe Aufmerksamkeit für diese Fragen wahr. Diese Wachsamkeit müssen wir bewahren.

In der Seestadt Aspern erforscht Siemens seit 2013 mit Partnern intelligente Netze und dezentrale Energiesysteme. Wie wird aus einem solchen Forschungsprojekt eine breit einsetzbare Lösung?
Das Besondere an aspern Seestadt ist, dass wir nicht in einem isolierten Labor forschen, sondern in einem realen Stadtteil. Dort wird gebaut, gewohnt und gearbeitet. Wir können deshalb mit Echtzeitdaten aus Gebäuden, Speichern und Netzen arbeiten.

Auf dieser Basis haben wir unter anderem vorausschauende Steuerungssoftware weiterentwickelt, die auch KI-basiertes Lastmanagement ermöglicht. Die Software kann unter realen Bedingungen trainiert und validiert werden. In der aktuellen Forschungsphase erweitern wir diesen Ansatz über die Seestadt hinaus. Wir beschäftigen uns verstärkt mit Bestandsgebäuden, etwa Häusern aus der Gründerzeit, Krankenhäusern oder Industrieanlagen. Unser Living Lab wird damit auf weitere Teile Wiens ausgedehnt. Das Ziel bleibt: Energielösungen unter realen Bedingungen zu testen und daraus möglichst marktnahe und skalierbare Anwendungen zu entwickeln.

In Fernitz hat Siemens eine smarte, vollständig fernbedienbare Ortsnetztrafostation realisiert. Ist das ein Modell für das Verteilnetz der Zukunft?
Ja. Dort geht es um eine andere Ebene des Netzes als in einem großen urbanen Testfeld. Gerade im Ortsnetz verändert sich derzeit viel. Früher wurde Strom geliefert und floss im Wesentlichen zu den Haushalten. Durch Photovoltaik und Elektromobilität haben wir heute andere Lastflüsse und stärkere Spannungsschwankungen.

Mit einem regelbaren Ortsnetztransformator können wir diese Ebene digital überwachen und fernsteuern. Software aus unserem Electrification-Portfolio erfasst etwa Spannung, Leistung und Temperatur auf der Nieder- beziehungsweise Mittelspannungsebene in Echtzeit. Dadurch wird ein zunehmend autonomes Netzmanagement möglich. Hinzu kommt: Die eingesetzte Schaltanlage arbeitet mit Clean Air statt mit klimaschädlichen Isoliergasen. Das Beispiel verbindet damit Digitalisierung und Anforderungen an eine klimafreundlichere Infrastruktur.

Mit Sicharge Flex kommt in Kufstein die E-Mobilität hinzu. Wie kann intelligente Ladeinfrastruktur verhindern, dass mehr Elektrofahrzeuge automatisch mehr Netzbelastung bedeuten?
Entscheidend ist, vorhandene Leistung intelligent zu verteilen. Bei Sicharge Flex erfolgt eine volldynamische Energieverteilung zwischen den Ladepunkten. Dadurch kann die verfügbare Energie effizient genutzt werden, je nachdem, welche Fahrzeuge gerade laden und welche Leistung sie benötigen. Das System ist skalierbar und für Pkw ebenso geeignet wie für Lkw oder Busse.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur bleibt notwendig. Aber je intelligenter eine Ladestation arbeitet, desto besser kann die vorhandene Anschlussleistung genutzt werden. Das ist relevant, weil die Elektromobilität weiter wachsen wird. Bei Siemens stellen wir auch unsere eigene Flotte um. Spätestens 2030 soll sie vollständig elektrisch unterwegs sein.

Europas Energiesystem ist miteinander verbunden, deshalb brauchen wir mehr gemeinsames europäisches Denken.

Viele Technologien für intelligentere Energiesysteme sind bereits vorhanden. Was muss passieren, damit sie in Österreich schneller in die Breite kommen?
Wir müssen die Energiewende stärker als Gesamtsystem betrachten. In Österreich ist in den vergangenen Monaten einiges passiert, auch bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig müssen Genehmigungsverfahren weiter beschleunigt und Doppelgleisigkeiten in der Bürokratie reduziert werden. Kritische Infrastruktur braucht Regulierung, aber wir müssen schneller in die Umsetzung kommen.

Auf technologischer Seite geht es darum, neue Lösungen nicht nur zu diskutieren, sondern sie einzusetzen und zu testen. Bei österreichischen Netzbetreibern erleben wir dafür viel Offenheit. Hinzu kommen Standards. Entscheidend ist aus meiner Sicht weniger, wie viele Netzbetreiber es gibt, sondern wie innovativ sie arbeiten und wie offen ihre Systeme miteinander kommunizieren können. Insellösungen helfen uns nicht weiter.

Das gilt auch über nationale Grenzen hinweg. Strom endet nicht an der österreichischen oder deutschen Grenze. Europas Energiesystem ist miteinander verbunden, deshalb brauchen wir mehr gemeinsames europäisches Denken. Technologische Standards schaffen zugleich Wahlfreiheit. Für mich ist das ein wichtiger Bestandteil von Souveränität: Betreiber sollten sich nicht vollständig von einem einzelnen Land, Hersteller oder Partner abhängig machen. Wahlfreiheit schafft Souveränität und trägt zur Resilienz bei. Dafür sind Forschung und Entwicklung sowie Innovation entscheidend. Gerade für Europa geht es darum, diese Möglichkeiten zu nutzen. Denn am Ende ist Innovation auch eine wesentliche Voraussetzung dafür, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

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