Österreich und Europa haben sich über Jahrzehnte von fossilen Energieimporten abhängig gemacht. Diese Abhängigkeit kostet Geld, schwächt den Standort und macht energiepolitisch verwundbar. Wer sie verringert, stärkt Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit – und schützt zugleich das Klima.

Michael Strugl CEO VERBUND
Abhängigkeit kostet
Lieferwege, Allianzen und politische Stabilität galten lange als verlässlich. Heute wissen wir: Sie sind es nicht. Das wird nicht nur in den Nachrichten sichtbar, sondern auch auf Energierechnungen, an den Zapfsäulen und in den Produktionskosten der Industrie. Österreich und Europa importieren mehr als die Hälfte ihrer Energie aus dem Ausland. Damit importieren wir Preisrisiken und geopolitische Unsicherheit gleich mit.
Wie teuer das ist, zeigen die Zahlen: Allein im vergangenen Jahr überwies Österreich fast 13 Milliarden Euro für fossile Energieträger ins Ausland, die EU 27 rund 337 Milliarden Euro.
Diese Importabhängigkeit macht uns verwundbar, sie gefährdet unsere Wettbewerbsfähigkeit und sie belastet uns alle. In den ersten sechs Monaten des Irankrieges zahlten die Österreicherinnen und Österreicher laut Österreichischer Energieagentur rund 1,1 Milliarden Euro mehr für Dieseltreibstoff; höhere Gaspreise verteuerten den Import zusätzlich um rund 500 Millionen Euro. Das ist Geld, das anderswo wirkt – nicht in der heimischen Wertschöpfung.
Klimaschutz ist ein starkes zusätzliches Argument für mehr Energie-Souveränität.
Energiepolitik ist Standortpolitik
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir das Energiesystem umbauen, sondern wie rasch, wie klug und vor allem wie koordiniert wir es tun. Denn jeder Euro, der nicht für fossile Importe abfließt, kann in europäische Erzeugung, Netze, Speicher und Flexibilitäten investiert werden. Das macht den Standort robuster und verringert politische Abhängigkeiten.
Es ist fast schon politische Folklore, auf Brüssel zu schimpfen. In Energiefragen müssen wir uns davon lösen. Wir brauchen mehr europäische Zusammenarbeit – bei Energieautonomie, Versorgungssicherheit und einem Strombinnenmarkt, der diese Bezeichnung verdient.
Energie war nie nur ein reiner Kostenfaktor: Schon die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl zeigte, wie gemeinsame Energieinteressen ehemalige Gegner verbinden können. Heute gehört die EU neben den USA und China zu den drei größten Volkswirtschaften der Welt. Grund genug, auch in der Energiepolitik gemeinsam für Wettbewerbsfähigkeit zu arbeiten. Die Zielvorgabe ist klar: Europas Energieversorgung muss sicher, sauber und leistbar sein. Dafür müssen wir den Umbau unseres Energiesystems europäisch denken, planen und umsetzen.
Der Wert Europas lässt sich im Energiebereich klar beziffern: Für 2025 geht die Europäische Kommission von 45 Milliarden Euro an Einsparungen bei den Energiekosten aus. Die weitere Vertiefung der Zusammenarbeit soll diesen Wert auf 130 Milliarden Euro bis 2030 und 260 Milliarden Euro bis 2050 steigen lassen. Auch der Internationale Währungsfonds sieht durch den Umstieg auf erneuerbare Energien und einen besseren Strombinnenmarkt bis 2030 jährliche Kostenvorteile von rund 40 Milliarden Euro. Das ist keine energiepolitische Romantik, sondern Ökonomie.
Kooperation ist kein Verlust von Souveränität, sondern ihre Voraussetzung.
Der Binnenmarkt als Sicherheitsfaktor
Es braucht einen europäischen Strom-binnenmarkt, der seinen Namen verdient: gemeinsame Planung beim Ausbau erneuerbarer Erzeugung, leistungsfähige Netze, Speicher und mehr Flexibilität. Kooperation ist dabei kein Verlust von Souveränität, sondern ihre Voraussetzung. Denn sie ist keine Einbahnstraße: Portfolioeffekte, also die Möglichkeit, auf Ressourcen anderer Marktteilnehmer zurückzugreifen und zugleich eigene anzubieten, schaffen Sicherheit, sorgen für Effizienz und ermöglichen nachhaltige Entscheidungen. Wenn Länder auf unterschiedliche Ressourcen zugreifen und eigene Stärken einbringen können, steigt die Versorgungssicherheit bei geringeren Kosten. Für Österreich könnte sich der saisonale Flexibilitätsbedarf bei bestmöglicher Binnenmarktintegration beinahe halbieren.
Alleingänge hingegen haben ihren Preis. Eine Modellrechnung von Compass Lexecon zeigt: Eine gut geplante und europäisch koordinierte Transformation kann 2050 ein Strompreisniveau von rund 65 Euro ermöglichen. Alleingänge würden die Strompreise um mehr als 60 Prozent erhöhen. Wer Versorgungssicherheit ernst nimmt, muss deshalb europäisch denken.
Sauber, sicher und leistbar
Erneuerbare Energien können diese Anforderungen erfüllen, wenn wir sie konsequent ausbauen und mit Netzen, Speichern und digitalen Lösungen verbinden. Sie verringern fossile Importe, stabilisieren langfristig die Kostenbasis und reduzieren Emissionen. Klimaschutz ist damit nicht der einzige Grund für die Transformation – aber ein starkes zusätzliches Argument.
Gleichzeitig steigt der Strombedarf: in der Industrie, in der Mobilität, bei Wärme, Rechenzentren und Künstlicher Intelligenz. Bis 2040 rechnen wir in Österreich mit einem jährlichen Verbrauch von 123 Terawattstunden Strom; das entspricht beinahe einer Verdopplung im Vergleich zu 2020 . Dafür braucht es mehr Tempo bei Genehmigungen, Netzausbau, Speichern und erneuerbarer Erzeugung – und Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen.
Transformation ist Teil der Lösung
Die Aufgabe ist größer als ein einzelnes Unternehmen. Sie verlangt Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft – und Entscheidungen, die nicht länger vertagt werden. Unsere heutige Abhängigkeit ist das Ergebnis früherer Weichenstellungen. Unsere künftige Energiesouveränität hängt davon ab, welche Entscheidungen wir jetzt treffen.
Die Transformation des Energiesystems ist deshalb kein Selbstzweck. Sie ist ein Weg, Abhängigkeiten zu verringern, Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und Klimaschutz mit ökonomischer Vernunft zu verbinden. Genau darin liegt die Chance für Österreich und Europa.
Text Michael Strugl, CEO VERBUND
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