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Deutschland Supply-Chain-Management

Das Fundament entscheidet: Stolpersteine im initialen Supply Chain Design

05.01.2026
von SMA

Erfolg einer Lieferkette wird bereits beim ersten Handschlag definiert. Warum ist das so – und worauf muss man achten, wenn man das erste Glied der Versorgungskette definiert.

In einer Zeit globaler Volatilität, geopolitischer Spannungen und strengerer Regulierungen wie dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ist die Supply Chain längst keine reine Kostenstelle mehr, sondern das Rückgrat der unternehmerischen Resilienz. Wer heute eine professionelle Lieferkette plant, darf nicht »vom Ende her denken«, sondern muss radikal am Anfang ansetzen. Fehler in der sogenannten »Source«-Phase potenzieren sich exponentiell, bis sie den Endkunden erreichen und dort als der klassische Bullwhip-Effekt spürbar werden. Dieser Artikel beleuchtet die kritische Phase des Upstream-Managements und identifiziert die zentralen Stolpersteine sowie Lösungsansätze für ein robustes Design.

Die »First Mile«: Warum der Anfang alles bestimmt

Viele Unternehmen investieren massiv in die »Last Mile«, also die Zustellung zum Kunden. Doch die eigentliche Schlacht um Marge, Qualität und Compliance wird auf der »First Mile« gewonnen, wo Rohstoffe beschafft, Partnerschaften geschmiedet und Risiken eingekauft werden. Wenn eine Lieferkette professionell aufgesetzt wird, müssen drei Kernbereiche am Anfang des Prozesses priorisiert werden: die Schaffung von Transparenz und Compliance über mehrere Stufen hinweg (Tier-N Visibility), der Aufbau einer integrierten Datenarchitektur sowie ein strategisches Lieferantenmanagement (SRM).

Bei der Initialplanung tappen Unternehmen oft in klassische Fallen, die erst Monate später teure Konsequenzen nach sich ziehen. Ein gravierender Fehler ist die Annahme, dass die Verantwortung beim direkten Vertragspartner endet. Diese »Black Box« der Sub-Lieferanten birgt ein enormes Risiko: Wenn der Zulieferer wiederum Vorprodukte aus politisch instabilen Regionen oder unter ethisch fragwürdigen Bedingungen bezieht, fällt dieses Risiko direkt auf das eigene Unternehmen zurück. Der eigentliche Stolperstein ist hierbei oft die fehlende Transparenz über Tier-2- und Tier-3-Lieferanten, wodurch man eine Kette basierend auf bloßem Vertrauen statt auf verifizierbaren Daten plant.

Ein weiteres Hindernis ist die vorherrschende »Cost over Value«-Mentalität. In der Planungsphase dominiert oft der Einkaufspreis, was zu riskanten Single-Sourcing-Strategien führt, die rein auf den niedrigsten Preis optimiert sind. Eine solche Kette ist fragil; ein Hafenstreik oder eine Rohstoffverknappung kann die Produktion zum Stillstand bringen, weil die »Total Cost of Ownership« zugunsten kurzfristiger Einsparungen ignoriert wurde. Hinzu kommt das Problem digitaler Silos und sogenannter Excel-Kriege. Noch immer werden Lieferketten oft in isolierten Tabellen geplant. Wenn der Einkauf die Daten nicht in Echtzeit mit der Logistik- und Bedarfsplanung teilt, entstehen gravierende Informationsasymmetrien, die meist auf eine fehlende Schnittstellendefinition oder einen fehlenden API-First-Ansatz zu Beginn der IT-Architektur zurückzuführen sind.

Entscheidende Lösungen

Um diese Hürden zu meistern, bedarf es moderner, technologischer und strategischer Antworten, die bereits vor der ersten Bestellung implementiert sein müssen. An erster Stelle stehen ein rigoroses Lieferanten-Onboarding und Auditing. Die Auswahl der Partner darf kein reiner Preisvergleich sein, sondern erfordert einen professionellen Onboarding-Prozess. Dieser muss automatisierte Compliance-Checks gegen Sanktionslisten und ESG-Kriterien sowie eine Prüfung der finanziellen Resilienz umfassen. Die Lösung liegt in der Implementierung digitaler Portale, in denen Lieferanten ihre Zertifikate selbst pflegen müssen, bevor sie überhaupt für Bestellungen freigeschaltet werden.

Strategisch muss zudem ein Wandel hin zu Multi-Sourcing und Regionalisierung stattfinden: Die Ära der Just-in-Time-Hyperoptimierung wandelt sich zu »Just-in-Case. Es ist essenziell, Redundanzen einzuplanen und alternative Routen sowie Lieferanten für kritische Komponenten zu definieren, bevor eine Krise eintritt.

Technologisch ist der Einsatz von Digitalen Zwillingen und Real-Time Data unabdingbar. Man muss sich von statischen Plänen verabschieden; eine moderne Supply Chain benötigt einen »Digital Twin«, eine digitale Repräsentation der Kette, die Szenarien simulieren kann. Investitionen in Cloud-basierte ERP-Systeme und Control Towers, die Daten aller Stakeholder am Anfang der Kette zentralisieren, ermöglichen es erst, Fragen wie die Auswirkungen einer Blockade wichtiger Handelsrouten vorausschauend zu beantworten.

Agilität schlägt Perfektion

Letztlich gilt: Wer eine professionelle Lieferkette plant, muss akzeptieren, dass der Plan niemals perfekt aufgehen wird. Der Schlüssel liegt daher in der Agilität am Anfang der Kette. Wenn die Beziehungen zu den Lieferanten partnerschaftlich und digital integriert sind und wenn Risiken durch Diversifizierung abgefedert werden, kann das Unternehmen auf Störungen reagieren, statt von ihnen überrollt zu werden. Die Professionalität einer Supply Chain zeigt sich nicht darin, dass keine Probleme auftreten, sondern darin, wie schnell und effizient sie gelöst werden – und diese Fähigkeit wird ganz am Anfang, beim Sourcing und Design, festgelegt.

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