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Deutschland Supply-Chain-Management

Warum Resilienz die härteste Währung im Supply Chain Management ist

05.01.2026
von SMA

Die Ära der stabilen Rahmenbedingungen ist vorbei. Wer in der Permakrise nicht nur überleben, sondern Marktanteile gewinnen will, muss Volatilität als strategischen Hebel begreifen. Die gute Nachricht lautet: Solche Hebel existieren.

Lange Zeit galt in der Logistik ein ungeschriebenes Gesetz: Das beste Supply Chain Management ist jenes, das man nicht bemerkt. Lautlos, effizient und unsichtbar sorgte es im Hintergrund dafür, dass die globalen Räder griffen. Doch diese Zeit ist endgültig vorbei: Disruption ist kein vorübergehender Bug im Betriebssystem der Weltwirtschaft, sondern das neue Standard-Feature. Von geopolitischen Spannungen und Handelskriegen über Pandemien bis hin zu den spürbaren Folgen des Klimawandels sehen wir uns einer »Permakrise« gegenüber. Für Entscheidungsträgerinnen und -träger in der Logistik bedeutet dies einen radikalen Paradigmenwechsel. Die defensive Haltung, lediglich Brände zu löschen und auf die Rückkehr zur Normalität zu warten, ist heute eine Existenzgefährdung. Die Aufgabe lautet vielmehr, Lieferketten so zu designen, dass sie unter Druck nicht brechen, sondern stärker werden.

Der Preis der Effizienz und die Rückkehr der Puffer

Jahrzehntelang wurde das Supply Chain Management von einem einzigen Mantra dominiert: Kosteneffizienz durch Just-in-Time. Lagerbestände galten als totes Kapital, Redundanzen als Verschwendung. In einer Welt stabiler Handelsrouten und niedriger Zinsen war diese Rechnung valide. In der heutigen Volatilität wird diese Hyper-Effizienz jedoch zur Achillesferse: Ein einziger blockierter Hafen oder ein fehlendes Bauteil kann heute Milliardenverluste verursachen, die jede zuvor eingesparte Lagerhaltungskostenersparnis bei weitem übersteigen.

Wir erleben daher eine Renaissance des »Just-in-Case«-Prinzips. Das bedeutet nicht, dass wir zu den überfüllten Lagern der 1980er Jahre zurückkehren, aber wir müssen Redundanz neu bewerten. Strategische Bestände und alternative Kapazitäten sind keine Verschwendung, sondern eine notwendige Versicherungsprämie gegen den Stillstand. Supply Chain Managerinnen und Manager müssen lernen, Resilienz finanziell zu argumentieren: Die Kosten für Pufferlager müssen gegen die potenziellen Kosten eines Produktionsausfalls (Cost of Downtime) und den Reputationsverlust aufgewogen werden. Resilienz wird somit vom Kostenfaktor zum Renditefaktor, der die Lieferfähigkeit garantiert, wenn die Mitbewerber  bereits »Out of Stock« meldet.

Strukturelle Antworten: Diversifikation statt Abhängigkeit

Auf struktureller Ebene erfordert Resilienz eine Abkehr vom bequemen Single Sourcing. Die Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten oder einer einzigen Region ist ein Klumpenrisiko, das sich kein Unternehmen mehr leisten kann. Die Antwort liegt in einer intelligenten Diversifikation und Regionalisierung. Strategien wie »China Plus One« oder Nearshoring in Richtung Osteuropa und Mexiko gewinnen massiv an Bedeutung. Dabei geht es aber nicht um eine vollständige Entkopplung von globalen Märkten, was oft weder möglich noch wirtschaftlich sinnvoll wäre, sondern um ein De-Risking. Wenn eine Route blockiert ist, muss eine alternative bereitstehen. Diese Multi-Sourcing-Strategie erhöht zwar die Komplexität im Einkaufs- und Lieferantenmanagement, erkauft aber die nötige Flexibilität, um auf geopolitische Verwerfungen reagieren zu können. Die Lieferkette wird kürzer, regionaler und dadurch robuster gegenüber globalen Schocks.

Doch geografische Diversifikation allein reicht nicht aus, wenn die Informationsflüsse stocken. In vielen Unternehmen herrscht noch immer ein Blindflug, sobald die Ware das eigene Werkstor verlässt. Resilienz im 21. Jahrhundert ist untrennbar mit digitaler Transparenz verbunden. Oder anders formuliert: Man kann nicht managen, was man nicht sieht. Unternehmen benötigen eine »End-to-End Visibility«, die durch Control Tower und digitale Zwillinge realisiert wird.

Der entscheidende Sprung liegt hierbei im Wechsel von deskriptiver zu präskriptiver Analytik. Es reicht nicht mehr zu wissen, wo sich ein Container gerade befindet. Künstliche Intelligenz muss heute simulieren, welche Auswirkungen ein Streik in drei Wochen auf die eigene Produktion haben wird, und proaktiv Lösungsvorschläge unterbreiten. Wer Szenarien simulieren kann, bevor sie eintreten, wechselt vom Reagieren ins Agieren. Technologie wird so zum Früherkennungssystem, das Zeit kauft – die wertvollste Ressource in der Krise.

»Antifragilität« als neues Zielbild

Letztlich ist Resilienz aber nicht nur eine Frage von Technik und Lagerbeständen, sondern von Kultur. Starre Hierarchien und langsame Entscheidungsprozesse sind in volatilen Zeiten tödlich. Eine resiliente Organisation braucht »Empowerment« an der Frontlinie. Mitarbeitende müssen befähigt werden, in kritischen Situationen Entscheidungen zu treffen, ohne auf die Freigabe durch drei Managementebenen warten zu müssen.

Das ultimative Ziel dieser Transformation lässt sich am besten mit dem Begriff der „Antifragilität“ beschreiben. Während eine resiliente Kette dem Schock widersteht und zum Ursprungszustand zurückkehrt, lernt eine antifragile Kette aus dem Stressor. Sie passt sich an, optimiert ihre Prozesse basierend auf der Störung und geht gestärkt aus der Krise hervor. In einer globalen Wirtschaft, in der die nächste Disruption nur eine Frage der Zeit ist, wird diese Fähigkeit zum ultimativen Wettbewerbsvorteil. Wer Disruption meistert, für den ist Chaos keine Leiter in den Abgrund – sondern eine Chance zum Aufstieg.

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