
Gian-Luca Savino
Trendforscher Technologie und Umwelt, Gottlieb Duttweiler Institute
Die aktuelle ökonomische und geopolitische Lage hat sich in jüngster Zeit drastisch verändert und stellt Unternehmen aber auch uns als Gesellschaft vor grosse Herausforderungen. Dabei kämpfen Organisationen mit einer grossen Unsicherheit. Sie stellen sich zu Recht die Frage, welche Entwicklungen auch künftig relevant bleiben und welche Trends nur vorübergehend im Fokus stehen. Dazu zeigen die GDI Major Shifts die langfristigen, unausweichlichen Entwicklungen auf, denen wir begegnen müssen. Sie trennen kurzfristige Trends von strukturellen Kräften und helfen, Übergangsphasen zu verstehen, in denen alte Logiken auslaufen und neue Ordnungen entstehen. Genau hier entscheidet sich, ob die Energiewende und der Weg in eine nachhaltige Zukunft gelingen: nicht in einzelnen, kurzfristigen Massnahmen, sondern im Zusammenspiel grosser, systemischer Verschiebungen. In den folgenden Abschnitten betrachte ich vier der 20 Major Shifts genauer, die für Unternehmen in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung sind.
Dekarbonisierung
Während der Fokus der Dekarbonisierung ursprünglich primär auf dem Energiesektor ruhte, hat sich der Ruf nach Emissionsreduzierung auf andere Sektoren wie Verkehr, Industrie und Landwirtschaft ausgeweitet. Mit dem wachsenden Bewusstsein für den Klimawandel drängte sich die Dekarbonisierung zunehmend auf und führte zu ambitionierteren Zielen sowie kürzeren Zeitrahmen. So fordert die Net Zero Roadmap der Internationalen Energieagentur (IEA), dass bis 2050 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen sollen. Viele Länder und Unternehmen setzen sich seit 2019 teilweise äusserst ambitionierte Netto-Null-Verpflichtungen. Für deren Erreichung wird viel investiert. Die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz beliefen sich laut OECD im Jahr 2022 auf 1,6 Bio. USD. 2030 werden nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) jährliche Investitionen in Höhe von 4 Bio. USD erforderlich sein, um die Netto-Null-Ziele zu erreichen.
Für die Energiebranche heisst dies, dass erneuerbare Energie und Speichertechnologien weiter ausgebaut werden müssen. Die Elektrifizierung in der Mobilität und Sanierungen des Gebäudeparks sind weitere Effizienzhebel. Gleichzeitig braucht es den stetigen Netzausbau und eine intelligente Systemführung für die Versorgungssicherheit. Der technologische Fortschritt könnte ein weiterer Hebel zur Kostensenkung für erneuerbare Energien sein. Mit dem Aufkommen von immer ausgefeilteren KI-Systemen, beispielsweise in der Energieverteilung, wächst die Hoffnung, dass diese zur nachhaltigen Umgestaltung unseres Planeten und zur Energiewende beitragen.
Infrastrukturalisierung von KI
Künstliche Intelligenz wird Schritt für Schritt zum integralen und allgegenwärtigen Bestandteil unserer Gesellschaft. Produkte wie ChatGPT prägen zwar den öffentlichen Diskurs und öffnen ständig neue Zugänge für Konsumentinnen und Konsumenten. Gleichzeitig ist KI in der Infrastruktur längst etabliert. Die Technologie wächst kontinuierlich und ist in einigen Bereichen schon so selbstverständlich wie Strom und Wasser. In der städtischen Infrastruktur spielt KI bereits eine zentrale Rolle, etwa im Bereich intelligentes Verkehrsmanagement, Energienetze und Notfallmanagement. Bis Ende 2024 waren weltweit rund 18,8 Mrd. IoT-Geräte vernetzt. 2025 wächst diese Zahl weiter. Ein grosser Teil entfällt auf Versorgungsnetze und urbane Anwendungen wie Smart Metering und Verkehrssteuerung.
Während KI also zum Tool für eine bessere Energieverteilung wird oder dazu beiträgt, Ressourcen möglichst effizient zu nutzen, steht die Technologie selbst für ihren hohen Energie- und Wasserverbrauch in der Kritik. So dreht sich der aktuelle Diskurs auch einerseits um die schnelle KI-Integration und damit einhergehende Chancen und andererseits um die Herausforderungen in den Bereichen Regulierung, Datenschutz und Ressourcenverbrauch.
Zirkularität
Begrenzte Ressourcen effizienter zu nutzen, steht bei der Kreislaufwirtschaft im Fokus. Was in den 1990er-Jahren als Nischenkonzept begann, hat sich mit dem zunehmenden Bewusstsein für den Klimawandel zu einer globalen Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt und ist damit ein weiteres Beispiel eines Major Shifts. Weiteren Auftrieb erhielt der Diskurs rund um Zirkularität im Energiebereich insbesondere mit der steigenden Popularität von Elektrofahrzeugen und der Frage nach dem Recycling der Batterien.
So nennt etwa der Aktionsplan der Europäischen Union für Circularity (CEAP) verbindliche Sammel- und Recyclingziele sowie Mindestanteile an Rezyklaten in Batterien. Ab 2027 wird zudem ein digitaler Batteriepass für ausgewählte Kategorien eingeführt, der Materialdaten und Reparaturfähigkeit transparent macht. Weitere Ziele betreffen das Bauwesen oder die Textilbranche. Der Major Shift Zirkularität steht auch in engem Verhältnis zur Entwicklung der regenerativen Landwirtschaft, die sich der Verbesserung der Bodenqualität, der Förderung der Biodiversität, der Stärkung der Klimaresistenz und dem Schutz der Wasserressourcen widmet.
Regenerative Landwirtschaft
Der Diskurs über regenerative Landwirtschaft hat sich von traditionellen Praktiken zu einer globalen Bewegung entwickelt, die sich mit ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen auseinandersetzt. Das Potenzial ist gewaltig. In afrikanischen Fallstudien wurden je nach Region Ertragssteigerungen zwischen 35 und 170 Prozent beobachtet. Der Ansatz verändert auch die Lebensmittelindustrie. Unternehmen verankern die Regeneration in Lieferketten und investieren in Beratung, Sortenentwicklung und Bodengesundheit. Nestlé stellt bis 2025 rund 1,2 Mrd. CHF bereit, um regenerative Praktiken bei Lieferanten zu verbreiten. PepsiCo will bis 2030 auf zehn Millionen Hektar Regenerationspraktiken umsetzen. So könnte die regenerative Landwirtschaft zum Vorzeigebeispiel und Katalysator für eine breitere Einführung der Kreislaufwirtschaft werden.
Die Unsicherheit bleibt. Wenn wir in Übergängen denken, können wir den Wandel aktiv mitgestalten, statt diesen nur geschehen zu lassen, und haben damit die Zukunft in der Hand. Wer jetzt die Weichen stellt, gewinnt nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Resilienz. Für Unternehmen heisst das: Priorisieren Sie Investitionen dort, wo reale Emissionssenkung, Kreislauffähigkeit und Datenverfügbarkeit zusammenfallen. Machen Sie Gebäude und Anlagen zu lernenden Assets, planen Sie Produkte und Infrastrukturen rezyklierbar und erneuerbar und nutzen Sie KI dort, wo sie Transparenz, Prognose und Steuerbarkeit messbar erhöht. Jetzt liegt es an uns allen, die langfristigen Entwicklungen in konkrete Projekte zu übersetzen, die nachhaltig Wirkung zeigen.
Text Gian-Luca Savino, Trendforscher Technologie und Umwelt, Gottlieb Duttweiler Institute
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