
Univ.-Prof. Dr. habil. Dr. h. c. Michael Henke
Institutsleiter, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML
Liebe Leserinnen und Leser, wenn wir als Gesellschaft und Wirtschaft bestehen wollen, müssen wir Supply Chains neu denken. Die industrielle Supply Chain steht vor einem Wendepunkt: Lineare Modelle weichen vernetzten, dynamischen Netzwerken – getrieben von Volatilität, Komplexität und digitaler Disruption – ein Paradigmenwechsel, der neue Chancen eröffnet.
In meiner Rolle als Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML und als Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmenslogistik an der TU Dortmund sind die sich verändernden Anforderungen an Lieferketten mein tägliches Geschäft. Fest steht dabei: Forschung und Praxis rücken näher zusammen, und das ist kein Zufall. Supply Chains sind heute nicht mehr nur operatives Rückgrat, sondern strategische Erfolgsfaktoren von Unternehmen. Wenn es um Resilienz in Unternehmen geht, gibt es aber häufig nur wenige konkrete Lösungsansätze. Wir wollen das mit Fokus auf das Supply-Chain-Management ändern
Von der Effizienz zur Resilienz
Traditionell war Effizienz der dominante Werttreiber in Supply Chains: Kostenoptimierung, Just-in-Time, schlanke Prozesse. Doch wir erleben gerade, dass Effizienz allein nicht mehr ausreicht. Ein robustes Wertschöpfungsnetzwerk erfordert Redundanz, alternative Pfade und die Fähigkeit zur schnellen Reaktion. Doch wie lässt sich Resilienz operationalisieren? Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel. Datenräume, digitale Zwillinge, künstliche Intelligenz und intelligente Systeme ermöglichen Monitoring, Prognosen und Szenariomodellierung in Echtzeit. Und sie schaffen die Grundlage für agile Steuerung.
Die Interdependenz innerhalb globaler Lieferketten kann im Ernstfall zur Achillesferse nationaler Verteidigungsfähigkeit werden: Wenn etwa Rüstungsgüter, Ersatzteile oder (digitale) Infrastruktur nicht verfügbar sind, weil Zulieferer in feindlichen Staaten sitzen oder Transportwege blockiert sind, steht die Einsatzbereitschaft auf dem Spiel. In einer zunehmend vernetzten Welt, in der Lieferketten über nationale Grenzen hinweg verlaufen, gewinnt die Frage nach Verteidigung und Sicherheit eine neue Dimension. Dies erfordert eine enge Verzahnung von Sicherheitsstrategien mit wirtschaftlicher Planung, eine neue Form der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Militär.
Datenräume und souveräner Datenaustausch
Ein zentrales Element zukünftiger Lieferketten sind souveräne Datenräume. Als Teil dieser Entwicklung setzt das Forschungsprojekt Catena-X ein deutliches Signal: Hersteller, Zulieferer und Dienstleister der Automobilindustrie entwickeln gemeinsam ein Frühwarnsystem durch den digitalen Austausch von Echtzeitdaten. Digitale Produktpässe sollen zukünftig Auskunft über CO2-Fußabdrücke und Recyclingfähigkeit geben. Eine souveräne Cloud-Lösung bietet einen DSGVO-konformen, sicheren Datenraum. So entsteht ein dynamisch vernetztes Wertschöpfungsnetzwerk mit Fokus auf Resilienz, Nachhaltigkeit und digitaler Souveränität.
In unserer Forschung am Fraunhofer IML stehen Themen wie KI und deren Management, Blockchain und Smart Contracts im Fokus. Diese Technologien bringen uns neue Formen der Automatisierung und Autonomisierung, Rückverfolgbarkeit, Transparenz und Verlässlichkeit.
Digitale Zwillinge etwa helfen, Prozesse in Echtzeit abzubilden, Störungen zu antizipieren und Interventionen zu simulieren. KI-Techniken können Muster erkennen, Ausfallwahrscheinlichkeiten berechnen und Entscheidungen autonom unterstützen. Blockchains und Smart Contracts ermöglichen unveränderbare Verträge und automatisierte bzw. autonomisierte Abrechnung entlang der Lieferkette.
Aber, und dies ist ein ganz wichtiger Punkt: All diese Technologien sind nur Werkzeuge. Ihre Wirksamkeit hängt davon ab, wie gut wir organisatorische Strukturen, Standards und Geschäftsmodelle anpassen.
Strategische Herausforderungen und Chancen für den Mittelstand
Für viele Unternehmen heißt das: Weg von Insellösungen, hin zu Supply-Chain-Ökosystemen. Der Mittelstand ist dabei besonders gefordert, weil dessen Ressourcenkraft oft begrenzt ist. Aber gerade im Mittelstand liegt Innovation. In Flexibilität, Kundennähe und Prozessverständnis.
Pilotprojekte sind entscheidend: Sie zeigen, wie Datenräume funktionieren und Geschäftsmodelle greifen – direkt dort, wo Produkte entstehen und bewegt werden.
Auch in digitalen Systemen bleibt der Mensch im Mittelpunkt. Roboter und Assistenzsysteme übernehmen Routineaufgaben – doch Fachkräfte sind unverzichtbar, um Technik zu verstehen, Entscheidungen zu bewerten und Prozesse anzupassen.
Ausblick und Einladung zur Diskussion
Der Weg zu einer zukunftsfähigen Supply Chain ist kein Pfad mit klaren Markierungen. Wir bewegen uns vielmehr auf einem gemeinsam zu erforschenden Terrain. Effiziente Prozesse, Resilienz, Datenräume und Technologien stehen im Spannungsfeld von Pragmatismus und Vision.
Die resiliente Zukunft der Wertschöpfung in der Logistik ist geprägt von Technologie, Netzwerkdenken und strategischer Anpassungsfähigkeit. Wandlungsfähige Wertschöpfungsnetzwerke ersetzen klassische Lieferketten.
Ich lade Sie ein: Nutzen wir die Gunst der Stunde, um zu diskutieren, wie Handelsunternehmen, Industrie, Dienstleister und Forschungspartner zusammen Supply Chains gestalten, die nicht nur funktionieren – sondern echte Wohlstandschöpfung durch bessere Arbeitsbedingungen, nachhaltige Prozesse und zukunftsfähige Geschäftsmodelle schaffen.
Text Univ.-Prof. Dr. habil. Dr. h. c. Michael Henke, Institutsleiter, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML
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