
Thomas Weikert
Präsident Deutscher Olympischer Sportbund
Liebe Sportfreundinnen und Sportfreunde, habt auch ihr Bekannte, die sich darüber wundern, warum es so viele ihrer Mitmenschen sogar dann, wenn es dunkel und kalt wird in Deutschland, weiter ins Freie zieht, um sich zu bewegen? Keine Frage: Im Sommerhalbjahr draußen Sport zu treiben, scheint vielen eingängiger. Und wer zum Laufen gern Shorts und Shirt trägt oder Wassersport liebt, hat es im Winter zugegeben schwerer. Dennoch gibt es keinen einzigen triftigen Grund, von November bis März auf Outdoor-Sport zu verzichten, und ich freue mich über die Gelegenheit, an dieser Stelle den speziellen »Winterzauber« des Sports hervorheben und damit hoffentlich einige Zweifelnde überzeugen zu können.
Nun könnte man einwenden, der Weikert habe gut reden. Als weiterhin aktiver Tischtennisspieler, der seinen Weg als Präsident des nationalen und des Weltverbands gegangen ist, kann mir das Wetter egal sein. Schließlich spielen wir in zu jeder Jahreszeit wohltemperierten Hallen; ob Sommer oder Winter ist, merken wir allenfalls daran, dass mal wieder die Heizung oder die Klimaanlage in unserer Sportstätte nicht funktioniert. Auch ein wichtiges, aber anderes Thema …
Weil ich aber gern und regelmäßig joggen gehe, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie gut es tut, an einem sonnigen Wintertag durch die schneebedeckte Natur Limburgs zu laufen. Nicht nur, weil Tageslicht in der dunklen Jahreszeit einen wichtigen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Sondern vor allem, weil der Körper gerade in einer Zeit, in der wir viel in trockenen, beheizten Räumen sitzen, Training an der frischen Luft dringend braucht, um sein Immunsystem zu stärken. Wer – moderat, gegen Kälte ausreichend geschützt und vorher gut aufgewärmt – regelmäßig zu Fuß oder auch auf dem Rad seine Runden dreht, wird weniger von Erkältungskrankheiten geplagt und stärkt sein Herz-Kreislauf-System. Fragt euren Arzt oder eure Apothekerin!
Mindestens genauso wichtig wie das individuelle Sporttreiben ist aber die gesellschaftliche Komponente, die Sport im Winter so besonders macht. Die meisten Menschen lieben Weihnachtsmärkte, weil sie uns Licht und Wärme bringen und die Vorfreude auf ein paar schöne Festtage im Kreise unserer Liebsten vergrößern. Sie sind ein Stück deutsches Kulturgut, das die Magie der Winterzeit atmosphärisch auflädt. Aber wer mehr will als Besinnlichkeit oder einen Brummschädel vom Glühwein, der- oder demjenigen sei empfohlen, einmal als Ergänzung eine große Wintersportveranstaltung zu besuchen! Die Geselligkeit, die am Zielhang eines alpinen Skirennens, am Fuße einer Sprungschanze oder am Schießstand eines Biathlonrennens herrscht, ist ein eindrucksvoller Ausweis der Strahlkraft, die diese Sportarten haben – und was sie den Sportfans in Deutschland bedeuten.
Die Zahl derjenigen, die an den Winterwochenenden von morgens bis abends vor dem Fernseher kleben, um ihren Idolen die Daumen zu drücken, unterstreicht die Faszination des Wintersports noch einmal mehr. Und auch wenn wir im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit unseren mittlerweile mehr als 29 Millionen Mitgliedschaften in gut 86 000 Vereinen selbstverständlich am liebsten sehen, wenn die Menschen selbst aktiv werden, zeigt uns die Begeisterung für unsere besten Athletinnen und Athleten immer wieder aufs Neue, dass dem Wintersport ein besonderer Zauber innewohnt.
Unser sportliches Wintermärchen hoffen wir in dieser Saison in Italien zu erleben. Bei den Olympischen Winterspielen, die vom 6. bis 22. Februar 2026 an sechs Standorten im alpinen norditalienischen Raum ausgetragen werden, gehen wir mit einem rund 185 Sportlerinnen und Sportler umfassenden Team D an den Start. Ob es uns gelingen wird, die Bilanz von Peking 2022 zu wiederholen oder gar zu übertreffen, als unsere Mannschaft Rang zwei im Medaillenspiegel belegte, bleibt abzuwarten. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Wir freuen uns riesig auf dieses Fest, weil Olympische Spiele die Möglichkeit bieten, der gesamten Welt zu zeigen, dass die Werte des Sports – Disziplin, Zusammenhalt und Teamgeist, Fair Play, Verantwortung für eine Gemeinschaft und sauberer Wettkampf – in politisch unsicheren Zeiten wie diesen wichtiger sind denn je.
Dieses Zeichen möchte der DOSB mit Olympischen und Paralympischen Spielen im eigenen Land in hoffentlich naher Zukunft auch an alle Menschen in Deutschland senden. Unsere Bewerbung für den Zeitraum 2036 bis 2044, für die wir im Herbst 2026 unseren Kandidaten gefunden haben werden, bezieht sich zwar auf die Sommerspiele. Sie schließt aber ausdrücklich auch alle Wintersportler:innen ein und soll als Bewegung einer ganzen Nation wahrgenommen werden, die dazu beiträgt, dass wir Deutschland fit machen für die Herausforderungen der Zukunft, die vielfältig sind.
Eine davon ist der Klimawandel, der auch den organisierten Sport in verschiedener Hinsicht beschäftigt. Für die Vorhersage, dass es in Deutschland immer seltener und an immer weniger Orten möglich sein wird, Wintersport zu betreiben, muss man nicht Klimaforscher:in sein. Aber auch im Sommer werden extreme Hitze und schwere Niederschläge die Gewohnheiten verändern und uns zu Anpassungen zwingen. Ich möchte aber bewusst nicht klagen, sondern dazu aufrufen, diesen Veränderungen mit Offenheit und einem positiven Blick auf die Chancen zu begegnen, die sie bieten. Vor allem aber wünsche ich euch, dass ihr den Winterzauber in Deutschland so lange wie möglich genießen könnt. Ob es nun aber schneit oder nicht: Bleibt auch in den kommenden Monaten sportlich und in Bewegung!
Mit herzlichen Grüßen, euer Thomas Weikert
Text Thomas Weikert, Präsident Deutscher Olympischer Sportbund
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