Gelassenheit
50+

Ist man im Alter gelassener?

31.07.2021
von Fatima Di Pane

Die Auffassung, dass man im Alter gelassener wird, ist weit verbreitet. Doch ist das wirklich so? Und wo liegt der Schlüssel zur Gelassenheit? Gerontologin Carmen Frei weiss mehr.

Mit dem Alter kommt die Weisheit, sagt man. Damit scheint, wenn man dem Volksmund Glauben schenken will, eine gewisse Gelassenheit mit einherzugehen. Man hat schliesslich schon eine Menge erlebt und überstanden. Darf man sich im Alter also auf eine entspanntere Sicht aufs Leben freuen? «Meines Erachtens hat Gelassenheit weniger mit dem Jahrgang, als vielmehr mit der Persönlichkeit und den Lebensumständen zu tun», meint Gerontologin Carmen Frei. Die Gelassenheit im Alter kann also nicht generalisiert werden, sondern ist individuell und situationsabhängig.

Mehr Lebenssituationen sind bereits bekannt

Beispielsweise sind viele Senior:innen im Umgang mit den Enkeln merklich gelassener, als sie es mit den eigenen Kindern waren. Diese Gelassenheit kommt einerseits durch die Erfahrung. Man hat den eigenen Nachwuchs bereits grossgezogen. Andererseits entlastet die indirekte Verantwortung. In anderen Momenten kann dies jedoch ganz anders aussehen. «Erleben wir dieselben Senior:innen in der Betreuung des eigenen, vielleicht dementen Elternteils, wirken sie oft ungeduldig, gereizt oder gar überfordert», erzählt Carmen Frei. Letztere Erfahrung ist neu, und kann Unsicherheit auslösen.

Zauberwort Resilienz

Das Alter ist auch eine Zeit der Verluste. Gesundheitliche Probleme nehmen an Relevanz zu, für einen selbst sowie für das Umfeld. Todesfälle im Bekanntenkreis häufen sich. Wie verträgt sich dieser Aspekt des Alterns mit der angeblichen Gelassenheit? «Hier kommt die Resilienz ins Spiel», so Carmen Frei. «Die Widerstandskraft, die befähigt, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.» Die Resilienz besteht aus sieben Faktoren, welche im «7-Säulen-Modell der Resilienz» beschrieben sind. Dazu gehören realistischer Optimismus, Akzeptanz, Eigenverantwortung, Lösungsorientierung, Selbstwirksamkeit, das aktive Gestalten von Beziehung und die Zukunftsorientierung.

Schon vieles überstanden

Die älteren Bevölkerungsgruppen sind beispielsweise durch die Coronapandemie besonders gefährdet. Trotzdem begegnen sie den Veränderungen und Risiken ruhiger als jüngere Menschen. «Im Kontakt mit Menschen um die Hundert habe ich gerade in Bezug auf Corona feststellen dürfen, dass sie die Pandemie deutlich gelassener angehen als beispielsweise ihre jüngeren Familienmitglieder», erzählt Carmen Frei. «Diese hochaltrigen Menschen haben die Maul- und Klauenseuche mit ähnlichen Einschränkungen wie in Folge von Covid-19 erlebt, kriegsgeprägte Jahre durchgemacht und schon unzählige Krankheiten, Schicksalsschläge und Verluste überwunden. All diese Erfahrungen haben sie meines Erachtens gelehrt, auf die eigenen Lebenskräfte zu vertrauen und dem Kommenden trotz allem zuversichtlich entgegenzublicken.»

Bitter im Alter?

Wer im Alter sein Leben Revue passieren lässt, könnte jedoch nicht nur Kraft und Frieden aus der Vergangenheit ziehen. Manch jemand mag sich an Entscheidungen erinnern, die man bereut. An Dinge, die man besser anders gemacht hätte. Reue. Wer diesen Gefühlen nicht mit Offenheit begegnet, läuft Gefahr, in eine Bitterkeit zu verfallen. «Das Altern ist heute eine Lebensphase, die ganz bewusst angegangen werden will», sagt Carmen Frei. «Wer sich mit sechzig frühpensionieren lässt, muss damit rechnen, dreissig oder noch mehr Jahre Ruhestand gestalten zu dürfen. Das ist in vielerlei Hinsicht anspruchsvoll.»

Ein sinnerfülltes Leben

Wem es jedoch gelingt, sinnerfüllt zu altern, kann enorm von diesem Lebenszeitraum profitieren. Es ist nie zu spät, sich selbst besser kennenzulernen. Dabei kann sowohl die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als auch der Blick nach vorne elementar sein. «Wer Sinn im Dasein empfindet, kann auch Schwieriges besser loslassen – sich selbst und anderen verzeihen. Je leichter jemand seinen Lebensrucksack behält, desto weniger Bitterkeit macht sich breit.»

Achtsam entschleunigen

Man kann lernen, mit einer gewissen Gelassenheit durchs Leben zu gehen. Dabei helfen entschleunigende Praktiken wie Yoga, Meditation oder Achtsamkeit. «Diese unterstützen einen dabei, in herausfordernden Situationen an Gelassenheit zu gewinnen», weiss Carmen Frei. Ebenfalls hilft ein gewisser Optimismus. «Wem die Kraft zur Lösungsorientierung fehlt, findet kaum in die Gelassenheit», findet Carmen Frei. Ebenfalls hilft es, Gelassenheit für sich selbst zu definieren. Die Gerontologin: «Ich finde es bezeichnend, dass Gelassenheit mit verschiedenen Synonymen beschrieben wird: Das geht von Abgeklärtheit über Besonnenheit bis zu Disziplin oder Langsamkeit.» Es stellt sich also die Frage, wie man Gelassenheit für sich leben möchte.

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