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Was tun bei Flugangst?

31.07.2021
von Akvile Arlauskaite

Zittrige Knie beim Betreten eines Flugzeuges, ein mulmiges Gefühl beim Abheben, Todesfurcht bei leichtesten Turbulenzen. Die Flugangst, auch als Aviophobie bekannt, vereint oft verschiedene Ängste miteinander und kann Betroffene stark einschränken. «Fokus» hat sich bei Leo Hackl, einem Psychotherapeuten und Coach für Flugangst, über das Thema erkundigt.

Herr Leo Hackl, litten auch Sie selbst schon mal unter Flugangst?

Ja, das war allerdings in einer Situation, die ich als Laie für gefährlich beurteilte. In diesem Fall war die Angst begründet.

Wie viele Menschen sind von Flugangst betroffen?

Die neuesten Zahlen sprechen von 15 Prozent der Menschen, die unter Aviophobie leiden. Weitere 30 Prozent fühlen sich beim Fliegen nicht besonders wohl.

Wie äussert sich die Flugangst bei den Betroffenen?

Die häufigsten Symptome sind Herzrasen, Anspannung, erschwerte Atmung, auch Hitzeschübe. Manchen wird abwechselnd heiss und kalt. Man krallt sich, ohne es zu bemerken, an der Armlehne fest und die Hände werden feucht. Es gibt Betroffene mit Appetitlosigkeit, denen es auch übel werden kann. Einige bekommen sogar Durchfall.

Was passiert mit dem Körper genau, wenn die Flugangst eintritt?

Die ausgeschütteten Stresshormone, konkret Adrenalin, Cortisol und Noradrenalin, führen zu körperlichen Veränderungen. Somit kommt der sogenannte Sympathikus in den Überlebensmodus. Begleitet wird dies von einem schnelleren Herzschlag, erhöhtem Blutdruck, damit auch einer gesteigerten Muskelanspannung im ganzen Körper und veränderter Atmung, die nicht mehr richtig funktionieren will.

Welche spezifischen Aspekte in Bezug auf das Fliegen fürchten Menschen mit Aviophobie?

Ausgelöst werden die typischen Angst- oder Stresssymptome entweder nur schon durch den blossen Gedanken an das Fliegen oder durch die Anwesenheit im Flugzeug selbst. Verschiedenste Fantasien spielen dabei eine Rolle. Kontrollverlust steht bei Betroffenen ganz oben auf der Liste, ebenso wie der Gedanke, nicht aus der Situation flüchten zu können. Aber auch Vorstellungen darüber, was bei einem Absturz oder dem Sturz in ein ‹Luftloch› passieren könnte, bereitet Angst, – wobei es letztere in der Realität gar nicht gibt. Manche fürchten ausserdem, dass die Konstruktion des Flugzeuges der Belastung nicht standhalten könnte, was aber höchst unwahrscheinlich ist. Doch auch menschliches Versagen kann für Unruhe sorgen, obwohl die Sicherheit auf mehreren Stufen gewährleistet ist. Das weiss der Fluggast aber nicht und fürchtet sich davor, dass die oder der Pilot:in Suizid begehen oder dass Terrorist:innen an Bord sein könnten.

Welche Ursachen kann die Flugangst haben?

In den meisten Fällen ist die Ursache nicht offensichtlich. Der Mensch sucht aber immer einen Grund und findet den auch häufig. Ein Flugzeugabsturz, den man dank einem glücklichen Zufall verpasst hat, kann zum Beispiel eine Flugangst auslösen, die aber wieder vorübergeht. Immer liegt der Aviophobie jedoch ein Trauma zugrunde. Jeder Mensch ist schon auf irgendeine Weise traumatisiert worden, vor allem in frühester Kindheit – in einer Zeit, in der wir noch nicht wissen, was in der Welt alles auf uns wartet. Da sind Überraschungen die Norm, positive wie negative. Das Kind kann damit meist gut umgehen. Das Unterdrücken der negativen Erfahrungen hat aber eine Zunahme der neuronal gespeicherten Angstfunktion zur Folge. Eines Tages bricht die Angst dann aus. Dies oft zufällig an dem Ort oder unter jenen Umständen, wo man sich gerade befindet.

Was kann passieren, wenn man die Flugangst unbehandelt lässt?

Man verpasst vieles, weil man das Fliegen meidet. Wenn man es aber trotzdem tut, kann eine Panikattacke auftreten, was im schlimmsten Fall mit Todesangst verbunden ist. Im Endeffekt übersteht man das alles aber unbeschadet, kommt also mit einem Schrecken davon. Dennoch ist die Erfahrung natürlich keine angenehme.

Welche Tipps helfen gegen die Flugangst?

Zur Auflösung der Flugangst reichen einfache Tipps leider nicht aus. Wenn man aber in eine solche Situation gerät, kann eine spezielle Atemtechnik beruhigend wirken. Einatmen steigert die Herzfrequenz und erhöht damit den Sympathikus. Ausatmen bewirkt das Gegenteil und nimmt somit eine besondere Bedeutung ein. Während man natürlich nicht ausschliesslich ausatmen kann, kann man schneller ein- und langsamer ausatmen. Das hat bereits eine positive Wirkung. Wenn man nach dem Einatmen die Luft anhält, dann steigt der Sympathikus weiter an. Legt man nach dem Ausatmen eine Atempause von einigen Sekunden ein, so geschieht dasselbe, aber im umgekehrten Sinn, der Sympathikus beruhigt sich weiter. Also: Kurz leicht einatmen, sofort ohne Pause wieder ausatmen und dann einige Sekunden Atempause einlegen, bevor der nächste Zyklus beginnt.

Was tun, wenn trotzdem nichts gegen die Flugangst hilft?

Man kann sich abhärten, das heisst, die Abwehr gegen die Angst trainieren. Das geschieht in der Verhaltens- oder Konfrontationstherapie. Ich bin allerdings kein Verfechter dieser Methode. Die Angst ist im Körper, aber auch im Gehirn abgespeichert. Ich ziehe es vor, mit einer einfachen Methode die gedanklichen Prozesse in diesem Sinne neu zu strukturieren. Dank der jüngeren Gehirnforschung weiss man, dass das Gehirn dazu fähig ist – Stichwort: Gehirnplastizität. Auf diese Weise lässt sich die Flugangst erfolgreich auflösen.

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