kokain «kokain ist eine unberechenbare droge»
Jugend

«Kokain ist eine unberechenbare Droge»

02.11.2021
von Akvile Arlauskaite

Glücksgefühle, Energieschübe und ausufernde Kreativität – die Wirkung von Kokain zog den 26-jährigen Aargauer Jan* vor zwei Jahren in die Sucht. Heute ist er in Behandlung und erzählt «Fokus» von seiner Erfahrung mit einer der beliebtesten Drogen überhaupt.

Jan, wie sind Sie in die Kokainsucht gerutscht?

Vor zwei Jahren hatte ich ein Tief und wusste nicht, wohin im Leben. Die Droge sah ich als Chance, trotz allem soziale Kontakte zu haben. Auf Kokain hat man intensive Glücksgefühle und fühlt sich sehr stark, fit und ideenreich. Diese Gefühle wollte unser Freundeskreis wieder und wieder erleben und so haben wir regelmässig gemeinsam konsumiert – es wurde zu einer Art Hobby. Bereits nach den ersten paar Malen wurde ich süchtig und nahm Kokain schon bald auch allein.

Kokain ist allgemein als «Leistungsdroge» bekannt. Haben Sie es schon mal aus diesem Grund eingesetzt, etwa bei der Arbeit?

Das kam auch schon vor. Nimmt man abends Kokain, kann man nicht einschlafen. Am nächsten Tag ist man bei der Arbeit irgendwann derart erschöpft, dass man am Nachmittag die restlichen paar Stunden nur so durchhalten kann. Es ist ein Teufelskreis.

Kokain ist eine teure Droge. Kamen Sie durch die Sucht nicht in finanzielle Schwierigkeiten?

Doch. Ich verschuldete mich, teils beim Dealer, teils bei Bekannten. Zum Glück wurde ich aber nie kriminell, um an Geld zu kommen, sondern habe extrem viel gearbeitet und mich auf Geldspiele eingelassen.

Welche weiteren Auswirkungen hatte die Sucht auf Ihr Leben?

Das Schlimmste ist, dass der ständige Beschaffungsstress die eigenen Werte und Prioritäten verändert. Ich wurde gierig und benahm mich oft daneben. Auch wurde meine Einstellung negativer, denn durch die Sucht gerät man in Not und Probleme, aus denen man aus eigener Kraft nur schwer herauskommen kann. Zudem hatte Kokain Folgen für meine Gesundheit. Konsumierte ich zu viel, bekam ich Herzrasen und starke Kopfschmerzen.

Hatten Sie schon mal einen Horrortrip?

Ja, ich hatte Panikattacken, bei denen ich das Gefühl hatte, dass ich gleich sterbe. Dies kann beliebig vorkommen und hängt nicht mit der Dosis zusammen. Selbst wenn man «im Mass» konsumiert, besteht stets die Gefahr eines Horrortrips. Kokain ist eine unberechenbare Droge.

Wann haben Sie effektiv realisiert, dass Sie ein Problem haben?

Als mir bewusst wurde, dass sich meine Abend- oder Wochenendpläne primär um den Konsum drehten. Irgendwann ging es nicht mehr darum, jemanden zu treffen, sondern es war die Droge, die Priorität hatte. Die schlimmsten Momente waren für mich aber diejenigen, an denen ich eine Blockade im Kopf hatte, die es mir verunmöglichte, richtig nachzudenken und zu kommunizieren. Da realisierte ich, dass es so nicht weiter geht.

Seit mehr als zwei Monaten sind Sie nun in stationärer Therapie. Wie kam es zur Entscheidung, sich Hilfe zu holen?

Meine Familie wies mich darauf hin, dass ich mich in professionelle Hilfe begeben soll. Anfangs wollte ich das aber nicht und konsumierte einen Monat lang weiter. Schlussendlich entschied ich mich jedoch dazu, einen ersten Versuch in einer stationären Klinik zu starten. Als schwer Abhängiger kam ich zunächst in eine Entgiftungsstation, an die sich später eine Therapie angeschlossen hätte. Nach einigen Wochen wurde ich jedoch rückfällig und entsprechend rausgeworfen. Nach einer Woche zu Hause, in der meine Sucht wieder extrem wurde, versuchte ich es nochmals, worauf innert drei Wochen erneut ein Rückfall folgte. Ich musste einsehen, dass die Stelle nicht das Richtige für mich war; ich sollte woanders hin. Auf Empfehlung von verschiedenen Ärzten wechselte ich zu meiner jetzigen Klinik und bin nun seit neun Wochen clean.

Im Laufe Ihrer Behandlung hatten Sie einige Rückfälle. Weshalb kam es dazu?

Es braucht sehr viel Biss, um aufzuhören. Vor allem am Anfang des Entzugs, da ist man sehr unzufrieden. Und wenn man es nicht wirklich will, dann wird es schwierig – daran scheiterte ich bei den ersten beiden Versuchen. Hinzu kamen die Umstände auf den Stationen. Einige Patient:innen waren am gleichen Punkt wie ich und schmuggelten Kokain rein. Der Anreiz, wieder zu konsumieren, war hoch und die Hemmschwelle sehr niedrig.

Was hilft Ihnen dabei, die Sucht zu überwinden?

Die Gedanken an meine Zukunft. Man muss realistisch sein und sich fragen: Will ich randständig sein oder will ich Teil der Gesellschaft sein? Man hat so viel mehr vom Leben, wenn man nicht süchtig ist.

Was würden Sie Jugendlichen raten, sollten sie in Berührung mit Kokain kommen?

Lasst euch nicht vom ersten Eindruck täuschen. Viele haben das Gefühl, dass sie mit der Droge umgehen können. Aber es gibt nicht ohne Grund so viele Leute, deren Leben durch Kokain ruiniert wurde.

*Name von der Redaktion geändert

Für ein weiteres Porträt über den Weg aus der Drogensucht hier entlang.

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