Interview von SMA

Christian Schmid im Gespräch: Ist Nachhaltigkeit die neue Digitalisierung?

Firmen aller Branchen werden derzeit von einem tiefgreifenden Wandel erfasst. Im Kern dieser Entwicklung steht zunehmend das Thema «Nachhaltigkeit». «Fokus» sprach mit Christian Schmid, Senior Partner bei der Boston Consulting Group in Zürich darüber, wie Firmen diesen Veränderungen begegnen können.

Firmen aller Branchen werden derzeit von einem tiefgreifenden Wandel erfasst. Im Kern dieser Entwicklung steht zunehmend das Thema «Nachhaltigkeit». «Fokus» sprach mit Christian Schmid, Senior Partner bei der Boston Consulting Group in Zürich darüber, wie Firmen diesen Veränderungen begegnen können.

Christian Schmid, die Boston Consulting Group (BCG) unterstützt Unternehmen aller Industrien dabei, neue Lösungsansätze für dringende Themen zu entwickeln. Womit beschäftigen Sie sich derzeit? 

Christian SchmidEnorme Relevanz geniesst aufgrund der hohen Aktualität das Handlungsfeld «Nachhaltigkeit». Hier stehen Unternehmen sämtlicher Branchen in der Pflicht, bestehende sowie künftige Herausforderungen zu meistern. Das Fundament unserer Beratungstätigkeit in diesem Segment bilden die international anerkannten ESG-Faktoren, welche «Nachhaltigkeit» in Umwelt-, Social- und Governance-Aspekte unterteilen. Der Grossteil unserer Arbeit bezieht sich auf den Umweltaspekt, wobei auf globaler Ebene vor allem die Transformation der Wirtschaft auf ein «Netto Null»-Ziel im Vordergrund steht. Doch auch in anderen Bereichen widmen wir uns der Nachhaltigkeitsthematik eingehend.

Können Sie Beispiele nennen? 

2020 hat BCG mit ihrer Kundschaft weltweit 900 «Social Impact Projekte» umgesetzt. Dabei handelt es sich um Projekte, die Unternehmen dabei helfen, komplexe soziale und ökologische Herausforderungen zu bewältigen. Zudem verfolgen aktuell 50 Prozent unserer Klientel ein «Social Impact Projekt». Konkret haben wir unter anderem eine Schweizer Grossbank in ihrer ESG-Strategie sowie einen deutschen Autohersteller bei der Entwicklung einer umfassenden Klimastrategie unterstützt. 

Hierzulande müssen wir vor allem im Strassenverkehr sowie bei den Immobilien einen nachhaltigen Wandel vollziehen.

Wo sehen Sie die grössten Hürden, wenn es um die Umsetzung von unternehmerischen Nachhaltigkeitszielen geht?

Auf globaler Ebene besteht die zentrale Herausforderung darin, die Energieversorgung auf die Nutzung erneuerbarer Energien umzustellen. Die Transformation der Schwerindustrie ist das zweitwichtigste Handlungsfeld. In der Schweiz präsentiert sich die Situation anders, da wir über keine nennenswerte Schwerindustrie verfügen und viel Energie über Wasserkraft generieren. Hierzulande müssen wir vor allem im Strassenverkehr sowie bei den Immobilien einen nachhaltigen Wandel vollziehen. Grossen Einfluss, national wie auch international, hat die Finanzindustrie: Banken generieren zwar selbst keine grossen Emissionen, spielen aber eine zentrale Rolle bei den Finanzströmen und der Kreditvergabe an die Realwirtschaft. Einerseits setzt da die Regulierung an – gemäss dem Pariser Klimaabkommen – und andererseits benötigt die Klimatransition ihrerseits hohe Investitionen, was den Banken ein entsprechendes Geschäftspotenzial eröffnet.

Auch das Angebot von «Grüne Anlagen» wächst beträchtlich.

Das stimmt, denn im Investmentbereich besteht schon länger ein Bewusstsein für nachhaltige Anlageprodukte. In diesem Zusammenhang sehen wir uns auch mit dem Problem des «Greenwashings» konfrontiert: Da die lückenhafte Datenverfügbarkeit noch keine objektive Transparenz zulässt, ist es schwierig zu überprüfen, welche als «nachhaltig» klassifizierten Fonds tatsächlich nur in Firmen investieren, die etwa erneuerbare Energien fördern. 

Welche weiteren Megatrends werden Ihres Erachtens den grössten Einfluss auf Unternehmen ausüben?

Die Digitalisierung bleibt ein solcher Megatrend. Jeder Betrieb, unabhängig von Grösse oder Branche, muss sich überlegen, wie er diesen Wandel weiter vorantreibt. Das Thema hat zwei zentrale Aspekte. Zum einen geht es um das Identifizieren und Nutzen neuer Geschäftsmodelle, die früher schlicht nicht existierten. Dies ist eine zentrale Voraussetzung dafür, das eigene Unternehmen langfristig auf ein stabiles Fundament zu stellen und nicht eines Tages angesichts der dynamischen Entwicklung obsolet zu werden.

Und der zweite Aspekt?

Dieser liegt in der Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen sowie im Nutzen von Daten. Heute verfügen wir über enorm viele Daten, was Unternehmen grosse Chancen eröffnet. Diese Potenziale können sich allerdings nur Firmen erschliessen, die sich mit dem Thema «Analytics» auseinandersetzen und das entsprechende Know-how entweder intern kultivieren – oder extern beiziehen. 

Das Handeln nach rechtlichen sowie ethischen Leitlinien wird immer wichtiger.

Welche weiteren Megatrends sehen Sie auf Schweizer Unternehmen zukommen?

Schon heute ist das Thema «Compliance» äusserst relevant, was noch zunehmen wird. Das Handeln nach rechtlichen sowie ethischen Leitlinien wird immer wichtiger. Da genügt es nicht, dass man das eigene Unternehmen im Blick hat. Im Kontext einer globalen Supply Chain kann man auch für viele Dinge verantwortlich gemacht werden, die zum Beispiel Lieferanten oder auch Kunden betreffen. 

«Diversität» und «Agilität» können als weitere Megatrends bezeichnet werden. Dabei handelt es sich nicht nur um das Erfüllen neuer sozialer Normen, sondern auch um wirtschaftliche Überlegungen: Nur wer ein diverses und dynamisches Arbeitsumfeld bietet, wird für die dringend benötigten jungen Talente attraktiv. Dies ist natürlich keine abschliessende Liste, denn auch «Informationstechnologie» oder «Cyberrisiken» könnten ebenfalls in diesem Zusammenhang aufgeführt werden.

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Über den Experten

Christian Schmid begann seine berufliche Laufbahn bei IBM Schweiz und ist Senior Partner bei der Boston Consulting Group. Er berät führende Unternehmen der Finanzdienstleistungsbranche sowie öffentliche Institutionen bei der Transformation ihrer Geschäftsmodelle. Seine Arbeit umfasste eine Vielzahl von Themen, darunter Unternehmens- und Nachhaltigkeitsstrategien sowie Umsetzungsthemen wie Post-Merger-Integrationen, IT-Transformationen oder Remediation-Programme.

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24.09.2021
von SMA
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