Interview von Lisa Allemann

Ariella Käslin: «Das Schlimmste war, dass ich nicht wusste, was mir fehlte»

Noch vor etwas mehr als zehn Jahren begeisterte Ariella Käslin als erste Schweizer Kunstturnerin mit den Titeln «Europameisterin» und «Vize-Weltmeisterin» die ganze Nation. Dreimal hintereinander wurde sie zur Schweizerin des Jahres gekürt, zuletzt im Jahre 2010. Kurz danach gab sie ihre sportliche Karriere zugunsten ihrer psychischen Gesundheit auf und spricht heute offen über ihre Erschöpfungsdepression.

Noch vor etwas mehr als zehn Jahren begeisterte Ariella Käslin als erste Schweizer Kunstturnerin mit den Titeln «Europameisterin» und «Vize-Weltmeisterin» die ganze Nation. Dreimal hintereinander wurde sie zur Schweizerin des Jahres gekürt, zuletzt im Jahre 2010. Kurz danach gab sie ihre sportliche Karriere zugunsten ihrer psychischen Gesundheit auf und spricht heute offen über ihre Erschöpfungsdepression.

Ariella Käslin, Sie haben schon als Kind mit dem Kunstturnen begonnen. Wie kamen Sie zu gerade dieser Sportart?

Ich war ein hyperaktives Kind und sollte eigentlich Ritalin bekommen. Anstelle der Medikation liess mich meine Mutter ins Kunstturnen gehen. Das hat mir schnell zugesagt, da ich im Turnen meine überschüssige Energie in eine positive Richtung lenken konnte. Gleichzeitig zeigte sich auch mein Talent, weshalb es naheliegend war, dieses zu fördern.

Kann bei einer so hohen Trainingsintensität wie im Spitzensport noch von Sport gesprochen werden, der gut für die körperliche Fitness ist?

Es wird mir wohl niemand widersprechen, wenn ich sage, dass Spitzensport kein Gesundheitssport ist. Gerade beim Kunstturnen wirken enorm hohe Belastungen auf den Körper. Ich selbst hatte das Glück, dass ich einen ziemlich robusten Körper habe und nie eine grössere, körperliche Verletzung erlitt. Das schwächste Glied war aber meine Psyche, die dem Druck nicht standhielt und mit einer Erschöpfungsdepression reagierte.

Können Sie ausführen, welche Umstände zu Ihrer Erschöpfungsdepression geführt haben?

Da kamen mehrere Faktoren zusammen. Was sicher eine Rolle gespielt hat, ist der Druck, den ich mir selbst gemacht habe. Es liegt in meinem Naturell, oder vielleicht habe ich mir das auch antrainiert, dass ich hohe Erwartungen und Anforderungen an mich selbst stelle. Dazu kamen die Erwartungshaltungen des Nationalkaders und der Öffentlichkeit, jeden Tag 100 Prozent zu geben. Auch das Gewicht stand für mich so stark im Vordergrund, dass ich eine Essstörung entwickelte. So könnte ich wahrscheinlich noch vieles aufzählen, dass sich negativ auf meine Psyche ausgewirkt hat.

Anhand welcher Symptome bemerkten Sie, dass etwas nicht stimmte?

Die Erschöpfungsdepression entwickelte sich schleichend und ganz langsam. Anfängliche Symptome waren beispielsweise eine ständige Müdigkeit und wenig bis keine Energie. Alle zwei Wochen, wenn ich die Trainingsintensität steigerte, reagierte mein Körper mit Fieber. Ich entwickelte kognitive Störungen und konnte schriftlichen Texten oder etwas komplexeren Gesprächen nicht mehr folgen. Ausserdem sah ich nicht mehr richtig und hatte das Gefühl, ständig eine milchige Scheibe vor dem Kopf zu haben.

Was war davon das Unangenehmste?

Das Schlimmste war, dass ich nicht wusste, was mir fehlte. Ich konsultierte alle drei Tage meinen Arzt in der Hoffnung, er könne mir eine Diagnose stellen und mir Medikamente dagegen verschreiben. Dazu kam es aber nie, äusserlich sowie im Blutbild schien alles gesund. Deswegen habe ich selbst ein wenig recherchiert und «Doktor Google» konsultiert. Dadurch kam ich darauf, dass meine Symptome auch psychischer Natur sein könnten. Mein Arzt stimmte dieser Vermutung zu und diagnostizierte daraufhin eine Erschöpfungsdepression.

Wie ging es nach der Diagnose für Sie weiter?

Einerseits war ich froh darüber, endlich eine Erklärung zu haben. Auf der anderen Seite war es auch schwierig damit umzugehen, weil die Krankheit von aussen nicht sichtbar ist. Es ist nicht wie bei einem Gips, bei dem man weiss, man darf die betroffene Stelle ein paar Wochen nicht belasten und dann ist es wieder in Ordnung. Ich wusste nicht, was dagegen helfen kann, wie lange es dauern wird und ob es überhaupt wieder gut wird. Vor zehn Jahren waren psychische Erkrankungen noch ein grösseres Tabuthema als heute. Mein Turnumfeld und die Öffentlichkeit, die von Spitzensportler:innen stets Höchstleistungen gewohnt waren, hatten wenig Verständnis für meine Erkrankung. Daher hatte ich oft das Gefühl, ich sei selbst schuld und simuliere womöglich nur.

Trotz oder gerade wegen des harten Trainings, hatten Sie eine erfolgreiche Sportkarriere. Würden Sie im Nachhinein sagen, dass es das wert war?

Wenn ich zurückschaue, dann sage ich heute, dass es sich gelohnt hat und ich alles noch einmal auf dieselbe Weise machen würde. Wenn Sie mir diese Frage aber vor zehn Jahren gestellt hätten, hätte ich wohl geantwortet, dass ich nie wieder Spitzensport betreiben würde. Hier kommt die gute Eigenschaft von uns Menschen zum Zuge, Leiden und schlechte Erlebnisse schnell zu vergessen und nur die positiven, schönen Momente in Erinnerung zu behalten..

Wie geht es Ihnen heute?

Heute kann ich sagen, dass ich wieder voll und ganz im Leben stehe. Es geht mir wieder so gut, dass ich mein Leben geniessen kann. Manchmal habe ich zwar noch schlechte Tage, an denen ich etwas frustriert bin. Dann versuche ich aber innezuhalten und mich an all die Tools und Bewältigungsstrategien sowie all die tollen Dinge und schönen Momente zu erinnern, die ich auch im Spitzensport erlebt habe. Das vermag dann vieles zu kompensieren. Irgendwie bin ich auch froh, dass ich ein Burn-out hatte. Ansonsten würde ich wohl heute noch ohne Rücksicht auf meine physischen und psychischen Ressourcen irgendwelchen Zielen hinterherrennen.

Was hat Ihnen auf dem Weg bis dahin, wo Sie heute stehen, geholfen?

Was ich allen rate, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, ist, sich professionelle Hilfe zu holen. Wichtig ist, dass man darüber spricht und sich traut einzugestehen, dass es einem nicht gut geht. Ich selbst musste einige Zeit lang Antidepressiva nehmen und meine Denk- und Handlungsmuster analysieren, um zu bestimmen, welche davon destruktiv sind und mir nicht guttun. Diese musste ich entweder loslassen oder versuchen zu ändern. Hilfreich war auch mein soziales Umfeld, das mich immer unterstützt hat, und meine Chihuahua-Dame Clowie. Und nach 20 Jahren in der Kunstturnhalle geniesse ich es extrem, mich auch draussen in der Natur bewegen zu können.

Bild Anne Morgenstern

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11.11.2021
von Lisa Allemann
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