Gespräch
Bildung Gesundheit Krankheit

Über Tabus sprechen statt schweigen!

05.12.2020
von Lars Meier

«Es gibt Dinge, über die spreche ich nicht einmal mit mir selbst», lautet ein Zitat vom ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer. Auch heutzutage gibt es in unserer Gesellschaft noch zahlreiche Tabus. Doch wie entsteht ein Tabu und – noch wichtiger – wie geht Enttabuisierung von statten? «Fokus» weiss mehr.

Sexsucht, Regretting Motherhood, Polyamorie – nur drei Beispiele für aktuell in unserer Gesellschaft vorherrschende Tabus. Sucht man nach Definitionen für Tabu, stösst man auf zweierlei Auffassungen. In der Völkerkunde meint man damit das «Verbot, bestimmte Handlungen auszuführen, besonders geheiligte Personen oder Gegenstände zu berühren, anzublicken, zu nennen, bestimmte Speisen zu geniessen». Die bildungssprachliche Definition umfasst wiederum das, wovon meistens die Rede ist, wenn das Wort Tabu fällt. Ein «ungeschriebenes Gesetz, das aufgrund bestimmter Anschauungen innerhalb einer Gesellschaft verbietet, bestimmte Dinge zu tun.»

Über die Entstehung von Tabus

Doch wie wird ein Thema zum Tabuthema? «Man übernimmt Überzeugungen von früheren Generationen und hinterfragt diese nicht», erläutert Csilla Kenessey Landös, eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und Fachpsychologin für Psychotherapie. In der Kommunikation seien Tabus oft zu erkennen bei Sätzen, die mit man formuliert werden. «In der Regel sind es einschränkende Regeln, die auf Druck oder Drohungen hin befolgt werden müssen und dadurch über Angst dirigiert werden», fügt die Expertin an.

Es gibt Dinge, über die spreche ich nicht einmal mit mir selbst. Konrad Adenauer

Die Rolle der Gesellschaft

Die Gesellschaft nimmt in Bezug auf Tabus eine tragende Rolle ein. «Die Gesellschaft stellt respektive stellte Regeln auf und hinterfragt diese teilweise nicht mehr. Die Richtigkeit und Sinnhaftigkeit von bestimmten Tabus sollte jedoch immer wieder überprüft werden», betont Csilla Kenessey Landös. Dass die Gesellschaft respektive Kultur massgebend ist in Bezug auf Tabus, zeigt sich hinsichtlich Tabus in anderen Ländern. Da beispielsweise in vielen in China gesprochenen Sprachen das Wort für die Zahl vier stark jenem für Tod ähnelt, wird die Zahl vier weitestgehend vermieden. So sucht man in China in den meisten Fällen das vierte Stockwerk in einem Gebäude vergebens; gleiches gilt für Tischnummern in Restaurants oder Hausnummern.

Tabu und Scham

Tabus sind eng mit Scham verknüpft. Wer von einem Tabu betroffen ist, schämt sich und möchte vermeiden, dass Aussenstehende davon erfahren. Die Entwicklung eines Schamgefühls ist in der Kindheit zu verorten. «Ein Kind erlebt sich von Beginn an als ‹nicht genügend›, weil es ja noch ganz vieles nicht kann», so die Expertin. «Macht es etwas, auf das es eine Kritik erhält, wie beispielsweise Blumen in einem fremden Garten pflücken, dann stellt sich das Gefühl der Scham ein.» Auch im Erwachsenenalter sind Schamgefühle noch präsent – doch mit den richtigen Mitteln und Wegen kann man diese überwinden. Aber wie? «Indem man über den Scham auslösenden Vorfall wertfrei spricht, erklärt, aufklärt und dieses Gefühl als ein ‹normales›, zum Leben dazugehöriges Gefühl stehen lässt», weiss Csilla Kenessey Landös Rat.

Junge Frau streckt vor Sonnenuntergang Faust in den Himmel

Enttabuisierung

Auch wenn es schwierig ist – es ist umso wichtiger, Tabus sichtbar zu machen. Auf die Frage, warum, antwortet die Expertin: «Weil wir uns nur über adäquate Resonanz zu einem Thema weiterentwickeln können und unsere psychische Entwicklung sonst in Stagnation kommt.» Wie viele andere Prozesse kann Enttabuisierung einerseits begünstigt, andererseits aber auch erschwert werden. Als begünstigende Faktoren nennt Csilla Kenessey Landös die Normalisierung des Geschehens; dass man offene Gespräche darüberführt und das Tabu thematisiert. Eine Gesellschaft, die so frei wie möglich von Ängsten und Gefühlen der Knappheit und Bedrohung ist, begünstigt gemäss der Expertin eine Enttabuisierung ebenso wie eine tolerante Haltung gegenüber jedem Lebewesen und Respekt.

Was erschwert nun andererseits Enttabuisierung? «Wenn das Gros der Gesellschaft die alten Regeln nicht hintersinnt, sie nicht auf ihre Aktualität überprüft und zu Beginn nur eine kleine Gruppe auf den Missstand hinweist», hält Csilla Kenessey Landös fest. Oft reagiere eine Gesellschaft zuerst mit Irritation auf eine «Neuerung», auf welche dann allfällig mit Angst reagiert wird. «Zementiert sich die Angst, weil das Gefühl der Bedrohung sich verstärkt, so entsteht ein Problem daraus und schliesslich kann sich eine Gesellschaft in einer kulturellen Krise wiederfinden», fügt die Expertin an.

Erfolgreiche Enttabuisierungen

Dass Enttabuisierung kein Ding der Unmöglichkeit ist, beweist ein Blick in die Vergangenheit. Gemäss Csilla Kenessey Landös lassen sich durchaus Beispiele von erfolgreichen Enttabuisierungen in unserer Gesellschaft finden. Die Lohnungleichheit von Männern und Frauen ist darunter genauso vertreten wie die Phänomene der Zwangsheirat und der Beschneidung von Frauen. Als weitere Beispiele lassen sich Abtreibung und religiöse Zugehörigkeit nennen.

Auch die sexuelle Revolution hat bezüglich Tabuthemen in der Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen und etwa sexuelle Orientierungen wie Homosexualität und sexuelle Identitäten wie Transgender in ein anderes Licht gerückt. Ein Wandel ist auch bei Themen wie Sterbehilfe und Suizid zu beobachten: «Früher wurden ganze Familien als vom Teufel besetzt erachtet, wenn ein Familienmitglied den Freitod gewählt hat», weiss die Expertin zu berichten. Ein letzter Wandel ist bei familiären Konstellationen festzuhalten: Patch-Work-Familien gelten inzwischen längst nicht mehr als Tabu, selbiges gilt für Scheidungen. Und ganz egal, welches Tabu einen gegenwärtig bedrückt: Je mehr man darüber spricht und das Thema vom Schatten ins Licht rückt, desto mehr trägt man bereits zu einem grossen Teil der Enttabuisierung bei – für sich selbst, aber auch für viele andere!

Text Lars Gabriel Meier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Vorheriger Artikel Haarausfall – das Problem an der Wurzel angehen
Nächster Artikel Multiple Sklerose: Reden wir über Tabus