shot of a doctor using a digital tablet in a mon hospital
iStock/Charday Penn
Deutschland Gesundheit

Die digitale Lebensader: Wie Technologie unsere Gesundheitsversorgung zukunftsfest machen kann

22.12.2025
von SMA

Seit der Entwicklung der Digitalstrategie im Bundesministerium für Gesundheit hat sich der Fokus deutlich verschoben – weg von reiner Abrechnung, hin zur tatsächlichen Versorgung. 

Melanie WendlingBundesverband Gesundheits-IT – bvitg e. V.

Melanie Wendling
Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e. V.

Diese Transformation erfordert ein tiefgreifendes Umdenken: Prozesse müssen ganzheitlich neu gedacht und bestehende Strukturen hinterfragt werden. Entscheidend ist dabei ein ressortübergreifender Wille zur Zusammenarbeit, der über Zuständigkeitsgrenzen hinausgeht. Ebenso wichtig ist es, die Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen, sie zu befähigen und einzubinden – denn nur gemeinsam kann der Wandel hin zu einer modernen, digitalen Gesundheitsversorgung gelingen. 

Digitalisierung als Lebensader unseres Gesundheitswesens

Im bvitg sehen wir die Digitalisierung nicht als bloßes Add-on, sondern als die entscheidende Lebensader, um unser Gesundheitssystem effizienter, patientenzentrierter und resilienter zu gestalten. Digitale Anwendungen sind der Schlüssel, um knappe personelle Ressourcen optimal einzusetzen und die Qualität der Versorgung flächendeckend zu sichern. Ohne diese digitale Lebensader droht das System zu erstarren – mit ihr bleibt es zukunftsfähig und pulsierend.

Gesellschaft ist bereit für Digital Health

Die Debatte um Digitalisierung wird oft von Bedenken über Datenschutz und technische Hürden dominiert. Dabei vergessen wir einen entscheidenden Faktor: Die Patient:innen sind bereit für Digital Health. Zahlreiche Studien und Umfragen belegen, dass die breite Bevölkerung digitalen Angeboten im Gesundheitswesen grundsätzlich positiv gegenübersteht und sie aktiv nutzen möchte.

Die Menschen sind es aus anderen Lebensbereichen gewohnt, Bankgeschäfte online abzuwickeln, Reisen digital zu buchen oder mit Behörden über Apps zu kommunizieren. Diese digitale Mündigkeit muss im Gesundheitswesen endlich als Chance begriffen werden. Ob es die schnelle Videosprechstunde, der digitale Zugang zu Befunden über die elektronische Patientenakte (ePA) oder die Nutzung einer digitalen Gesundheitsanwendung zur Unterstützung bei chronischen Erkrankungen ist – die Nachfrage nach einfacher, ortsunabhängiger Gesundheitsversorgung wächst.

Die aktive Nutzung digitaler Anwendungen durch die Bürger:innen stärkt die digitale Lebensader des Systems. Sie entlastet die überlasteten Praxen und Kliniken, da nicht mehr für jede Untersuchung ein physischer Termin notwendig ist. Dieser positive Umgang mit digitalen Möglichkeiten ist die Antwort auf den Ärztemangel von Seiten der Gesellschaft.

Mehr Zeit für den Menschen

Der viel diskutierte Ärztemangel ist im Kern ein Zeitmangel. Ärzt:innen verbringen einen erheblichen Teil ihrer wertvollen Arbeitszeit mit bürokratischen und administrativen Tätigkeiten. Hier setzen digitale Lösungen wie ePA und eRezept an. Sie halten die digitale Lebensader des Gesundheitswesens in Fluss, indem sie Routineaufgaben automatisieren und Prozesse verschlanken. So entsteht mehr Raum für das Wesentliche, den direkten Kontakt zwischen Ärzt:in und Patientin.

Schluss mit Insellösungen

Einer der größten Bremsklötze in der deutschen Gesundheitsversorgung ist der Mangel an echter sektorenübergreifender Kommunikation. Kliniken, niedergelassene Praxen, Apotheken und Pflegeeinrichtungen agieren oft wie Inseln. Die Telematikinfrastruktur (TI) ist der Versuch, diese Inseln zu verbinden, die Lebensadern zwischen ihnen zu schaffen, doch ihre Einführung verläuft bislang zäh und ist noch zu oft von technischen Hürden und fehlender Anwendungspflicht geprägt.

Wir brauchen jetzt einen Turbo für die Interoperabilität. Standards müssen zwingend vorgegeben und konsequent umgesetzt werden, damit IT-Systeme von unterschiedlichen Herstellern nahtlos miteinander kommunizieren können. Nur so lässt sich eine kontinuierliche Versorgungskette (Continuous Care) realisieren, bei der Gesundheitsdaten den Patient:innen auf seinem gesamten Behandlungspfad begleiten – von der Hausarztpraxis über die Spezialklinik bis hin zur häuslichen Pflege. Erst wenn diese digitalen Lebensadern frei und ungehindert fließen, wird echte sektorenübergreifende Versorgung Wirklichkeit.

Akzeptanz durch Usability

All die Technologie ist wertlos, wenn sie nicht von den Nutzern – Ärzteschaft, Pflegekräfte sowie Patient:innen – angenommen wird. Die Nutzerfreundlichkeit (Usability) muss von Anfang an im Mittelpunkt der Entwicklung digitaler Anwendungen stehen. Frustration im Praxisalltag durch komplizierte Logins oder fehlerhafte Schnittstellen ist das größte Akzeptanzproblem.

Daher ist es unerlässlich, dass bei der Entwicklung und Implementierung die Anwender:innen aktiv beteiligt werden (partizipative Gestaltung). Eine Investition in die digitale Souveränität der Bürger:innen, aber auch in die Fortbildung des Fachpersonals, ist ebenso notwendig. Wir müssen die positiven Erfahrungen der Bürger:innen mit Digitalisierung auf das Gesundheitswesen übertragen, indem wir ihnen intuitive und sichere Anwendungen bereitstellen. Nur wer die Werkzeuge versteht und als echte Hilfe erlebt, wird sie in den täglichen Ablauf integrieren – und so die digitale Lebensader unseres Systems weiter stärken.

Ein Weckruf für die Politik

Die Digitalisierung ist keine optionale Aufgabe, sondern eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit. Der Ärztemangel lässt sich nicht über Nacht lösen, aber wir können seine Auswirkungen durch zielführende Digitalisierung abmildern. Digitale Anwendungen sind die notwendige zweite Schicht unseres Gesundheitssystems. Oder, bildlich gesprochen: die Lebensader, die unser Gesundheitswesen am Laufen hält.

Sie entlasten das Personal, vernetzen Sektoren und stellen sicher, dass alle Patient:innen, unabhängig von ihrem Wohnort, Zugang zu einer hochwertigen und modernen Gesundheitsversorgung haben. Diese Lebensader darf nicht länger stocken, sie muss kräftig pulsieren. Lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam – und vor allem zügig – gehen.

Text Melanie Wendling

Über Melanie Wendling

Melanie Wendling ist seit Sommer 2022 Geschäftsführerin des bvitg. Zuletzt war sie als Abteilungsleiterin Gesundheit und Rehabilitation bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung tätig. Sie arbeitete als persönliche Referentin von Bundesministerin Ulla Schmidt und Bundesminister Philipp Rösler im Bundesministerium für Gesundheit. Im Anschluss wechselte sie zu Telekom Healthcare Solutions, wo sie die Politik und Verbandsvertretung verantwortete. 

Melanie Wendling hat einen Sohn im Grundschulalter, einen launischen Dackel und lebt in Berlin.

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