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Long Covid: Wenn die Symptome anhalten

17.03.2022
von Kevin Meier

Das Coronavirus hat für die breite Bevölkerung etwas von seinem Schrecken eingebüsst. Dennoch ist vieles ungewiss, obwohl die Wissenschaft mit Hochdruck nach Antworten sucht. Vor allem fehlen noch Daten zu den Langzeitfolgen einer Infektion. Dementsprechend ist eine Übersicht schwierig und der Leidensdruck von Long-Covid-Betroffenen hält an.

Die meisten Massnahmen sind gefallen, die Omikron-Variante scheint mildere Verläufe zu verursachen und die Gesellschaft möchte langsam, aber sicher einen Weg zurück in den Alltag finden. Trotzdem ist die Pandemie noch nicht vorbei und viele Mechanismen des Virus und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit bei Long Covid bleiben unklar. Insbesondere die Langzeitfolgen der Infektion sind mit Unsicherheiten behaftet. Prof. Dr. med. Krassen Nedeltchev, Chefarzt Neurologie und Mitglied des interdisziplinären Fachteams der Long-Covid-Sprechstunde am Kantonsspital Aarau, bringt etwas Licht in die Fragestellung.

Long und Post Covid

Oftmals wird die Bezeichnung «Long Covid» als Überbegriff aller Langzeitfolgen einer Sars-CoV-2-Infektion verwendet. Grundsätzlich wird einer Coronavirus-Erkrankung ein Zeitraum von vier Wochen eingeräumt. Halten die Symptome länger an, spricht man von Long Covid. «Das Gleiche gilt auch für jene Fälle, in denen ein neues Symptom hinzukommt oder sich eine vorbestehende Erkrankung verschlechtert», ergänzt Nedeltchev. Wenn die Symptome länger als zwölf Wochen persistieren, handelt es sich hingegen um Post Covid. Diese Unterscheidung verweist auf zwei verschiedenartige pathophysiologische Zustände, erklärt Nedeltchev: «In den vier bis zwölf Wochen nach der ursprünglichen Infektion ist es wahrscheinlich, dass im Körper noch aktive Prozesse stattfinden. Beispielsweise gibt es Hinweise auf eine Autoimmunität, eine Dysregulation der Zellimmunität oder eine Reaktivierung von vorbestehenden Viren.» Nach drei Monaten kann man jedoch davon ausgehen, dass diese aktiven Prozesse nicht mehr verantwortlich für die Symptome sind, sondern dass es sich um einen residualen Zustand handelt. 

Unklare Häufigkeit

Die Prävalenz von Langzeiterscheinungen von Coronasymptomen wurde bereits in vielen Studien untersucht. Die Ergebnisse unterscheiden sich zuweilen stark, da Studiendesigns teilweise unseriös und Messgrössen nicht einfach zu vergleichen sind. Hinzu kommt, dass man kaum weiss, was die Prävalenz des Coronavirus selbst ist. Aus diesem Grund geben Studien vor allem die Häufigkeit von Long Covid von positiv getesteten Personen an. «Die ersten Übersichtsarbeiten haben ganz unterschiedliche Prävalenzen gezeigt. Wahrscheinlich lässt sich dies auf verschiedene Messtechniken, sozioökonomische Faktoren und einen Inclusion Bias zurückführen», führt Nedeltchev aus. 2021 ergab eine Studie in Zürich, dass unter den untersuchten positiv Getesteten 26 Prozent auch nach sechs bis acht Monaten noch Symptome zeigten. Wie die Prävalenz genau aussieht, ist nicht bekannt, jedoch scheint ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung betroffen zu sein.

Die Hauptursache von Long Covid ist eine gestörte Regulation der Immunantwort des Individuums. Prof. Dr. med. Krassen Nedeltchev

Die Beschwerden und deren Auslöser

Die Liste an Anzeichen, die mit Long Covid assoziiert werden, ist mit rund 50 beschriebenen Krankheitszeichen lang. Beobachtet werden Symptome aus allen Systemen des menschlichen Körpers: gastrointestinal, pulmonal, kardial, dermatologisch und neurologisch. So umfasst der Katalog neben Müdigkeit und Atembeschwerden auch Muskelschmerzen, Hautausschläge sowie Fatigue, Depressionen und kognitive Störungen. Diese Anzeichen können für Betroffene in erhebliche Einschränkungen des gewohnten Alltags resultieren. «Beinahe die Hälfte der Symptome betreffen aber das zentrale Nervensystem», erläutert Nedeltchev. Dies könnte mit einer Affinität zwischen dem Coronavirus und dem Nervensystem zusammenhängen. Denn die Symptome sind zwar unspezifisch, aber die Angriffsmechanismen scheinen charakteristisch zu sein. Nedeltchev präzisiert: «Es ist möglich, dass es sich um eine spezifische Ausbreitung im Nervensystem handelt, beispielsweise über die Schleimhäute in der Nase zu den Nerven und zum limbischen System.» 

Der Grund für Long Covid muss jedoch nicht unbedingt eine Schädigung der Nerven sein. «Die Hauptursache von Long Covid ist eine gestörte Regulation der Immunantwort des Individuums. Der Angriff des Virus tritt eine Kaskade von unglücklichen Verkettungen los, die zu einer Immundysregulation führt. Viele Antworten lassen sich rückblickend in der Akutphase der Erkrankung finden», erläutert Nedeltchev. Das heisst aber nicht, dass nur schwere Verläufe Long Covid nach sich ziehen. Im Gegenteil, in der Long-Covid-Sprechstunde treffe man laut Nedeltchev auf alle möglichen Ausprägungen, sowohl was den Krankheitsverlauf als auch die Patient:innen betrifft. «Wir sehen keinen Grund zu denken, dass Leichtbetroffene oder eine Infektion mit der Omikron-Variante weniger Fälle von Long Covid produzieren», äussert Nedeltchev.

Diagnose und Behandlung

Obwohl Impfungen zumindest teilweise Long Covid vorbeugen können, gibt es keinen spezifischen Weg, Langzeitfolgen zu verhindern. Genauso schwierig gestaltet sich auch eine allfällige Behandlung. Nedeltchev zufolge richtet sich diese vor allem nach den Symptomen: «Beispielsweise hat Kurzatmigkeit eine bessere Prognose als Fatigue oder andere neurologische Beschwerden.» In allen Fällen sollte ein Verdacht aber ernst genommen werden, da Long Covid Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens entfalten kann. Mit spezialisierter Hilfe müssen andere Ursachen erst ausgeschlossen werden, damit man eine angemessene medizinische Versorgung wie Physiotherapie, Ergotherapie oder auch psychosomatische Begleitung definieren kann. «Long Covid ist sehr real und alleine ist es schwierig, damit umzugehen», resümiert Nedeltchev. «Zusätzlich zur Forschung organisieren sich auch die Patientengruppen, um den Austausch, ein nationales Register und soziale Massnahmen zu fördern.» Denn die Datenlage ist für konkrete Aussagen noch zu dünn, weswegen Betroffene bei Institutionen noch zu wenig Gehör finden.

Text Kevin Meier

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