barrierefreiheit
Editorial Gesellschaft Lifestyle Gesundheit

Miteinander inklusive Zukunft gestalten

17.03.2022
von SMA

Ist von Barrierefreiheit die Rede, werden oftmals Treppen, Schwellen, Durchgänge und andere Hürden damit assoziiert. Hürden, die die Zugänglichkeit zu einem Gebäude oder zu einem Verkehrsmittel einschränken. Dabei gibt es noch ganz andere Zugänge, die vielen Menschen noch immer verwehrt sind. So sind wichtige Online-Informationen nicht für alle zugänglich und verständlich. Menschen mit einer geistigen Behinderung können in einem Grossteil der Schweiz nicht abstimmen und wählen. Auch Gebrauchsgegenstände oder Kleidungsstücke sind oftmals nicht für alle alltagstauglich.


Celina Heiniger,
Verantwortliche für Content und Kommunikation bei EnableMe/Stiftung MyHandicap

Alle Bedürfnisse berücksichtigen

Mit Barrierefreiheit ist gemeint, dass Gebäude, öffentliche Räume und Verkehrsmittel, aber auch Informationen, Veranstaltungen, Freizeitangebote und Dienstleistungen für alle zugänglich und nutzbar sind – online wie auch offline. «Kleine Beschriftungen in Gebäuden und Restaurants oder elektronische Anzeigen an Schaltern stellen mich vor Probleme», sagt Michelle Kolb, die eine Sehbehinderung hat. Ihre Behinderung ist nicht sichtbar.

Ebenso wenig sind alle Barrieren offensichtlich oder ergeben sich erst in Alltagssituationen. So ist beispielsweise die Kollegin mit einer Hörbehinderung beim Small-Talk in der Kaffeepause ausgeschlossen. Oder der Veranstaltungsteilnehmer mit Sehbehinderung kann die Namenstafeln der anderen Teilnehmenden nicht lesen. Auch in solchen Situationen können Lösungen gefunden werden, die allen Menschen Zugang ermöglichen.

Bei der Umsetzung von barrierefreien Angeboten ist es wichtig, dass möglichst verschiedene Bedürfnisse einbezogen werden. Eine Branche, bei der das lange nicht der Fall war, ist die Modebranche. Menschen mit Behinderung haben oft nur sehr wenig Auswahl. Entweder ist das Angebot rein aufs Funktionale ausgelegt oder die Kleidung ist zwar modisch, aber nicht praktisch. Um diesen Zustand zu verbessern, haben einige Labels eine adaptive Modelinie entworfen.

Adaptiv bedeutet, dass Kleidungsstücke weite Öffnungen haben, Einhandverschlüsse oder Magnetverschlüsse statt Köpfe. Auch die Kosmetikbranche hat mitgezogen. So lancierte Unilever letztes Jahr das erste Deodorant für Menschen mit Sehbehinderung und körperlichen Beeinträchtigungen. 

Die Beispiele zeigen, dass mit inklusiven Ansätzen mehr Menschen angesprochen werden können. Und zwar nicht, weil man das Gefühl hat, dass etwas gebraucht werden könnte, sondern weil man durch Nachfragen und Zuhören weiss, dass dem so ist.

Inklusion leben

Doch damit ist es nicht getan. Auch wenn Zugänglichkeit gewährleistet ist, heisst das noch lange nicht, dass alle selbstverständlich teilhaben können. Inklusion muss gelebt werden. Um wieder das Beispiel der Modeindustrie aufzugreifen: Menschen mit Behinderung sollen nicht ausschliesslich mit einer Sonderkollektion bedacht werden, sondern auch für Kleidung werben, die alle kaufen können. Diversität muss sichtbar sein.

In einer inklusiven Gesellschaft gehören alle Menschen selbstverständlich dazu. Niemand wird ausgegrenzt. Dies setzt Partizipation in der Schule, bei der Arbeit und in der Freizeit voraus. Je alltäglicher die Themen Behinderung und Krankheit werden, desto selbstverständlicher gelingt die Teilhabe. Gerade die Arbeitswelt ist noch zu wenig inklusiv. Menschen mit Behinderung werden oft stigmatisiert und nicht als qualifizierte Mitarbeitende oder Führungskräfte angesehen.

Inklusion muss gelebt werden.

Gesehen werden Barrieren, die im Endeffekt gar keine sind. «Oftmals werden Menschen mit Behinderung auf eben diese reduziert, statt die Fähigkeiten zu fördern», so Gion Jäggi, der als Social-Media-Manager bei der Stiftung MyHandicap arbeitet. Inklusion setzt voraus, dass alle Zugang zu interessanten Jobs haben – und auch dieselben Chancen. Gleichzeitig sind die Unternehmen gefordert, ein inklusives Arbeitsumfeld zu bieten.

In der Schweiz leben gemäss Bundesamt für Statistik rund 20 Prozent der Menschen mit einer voraussichtlich dauerhaften Beeinträchtigung. Behinderung und Krankheit als einen selbstverständlichen Teil unseres Lebens anzunehmen und eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, muss unser aller Ziel sein.

Text Celina Heiniger, Verantwortliche für Content und Kommunikation bei EnableMe/Stiftung MyHandicap

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