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Gesundheit

Die psychische Gesundheit der Jugend kommt ins Wanken

17.03.2022
von Kevin Meier

In all ihren Facetten steht die psychische Gesundheit schon seit Jahren im Fokus verschiedenster Organisationen. Auf politischer, gesellschaftlicher und medizinischer Ebene wird man sich der Probleme zunehmend bewusst und ergreift Massnahmen. Trotzdem bereitet die mentale Verfassung der Bevölkerung Sorgen, insbesondere jene von Kindern und Jugendlichen.

Benedikt Schmid

Benedikt Schmid ist Co-Präsident
der Jungen Mitte Zürich und
engagiert sich für mentale Gesundheit.

Aus nationalpolitischer Sicht ist das Bundesamt für Gesundheit BAG verantwortlich für die Gesundheit der Bevölkerung. Das erklärte Ziel ist, den Menschen den bewussten Umgang mit dem eigenen Wohlbefinden zu ermöglichen sowie eine zugängliche und wertige medizinische Versorgung zu erhalten. In der föderalistischen Schweiz sind die Aufgaben und Verantwortlichkeiten des Gesundheitswesens verteilt auf Bund, Kantone und Gemeinden. 

Dies kann zu unterschiedlichen Situationen und Tätigkeiten je nach Kompetenzgebiet führen, so auch im Bereich der psychischen Gesundheit. «Gewisse Bestimmungen wie der Ärztetarif werden national verordnet. Die Gesundheitspolitik ist jedoch in der Regel eine kantonale Angelegenheit», erklärt Benedikt Schmid, Co-Präsident der Jungen Mitte Zürich. «Das nationale Problem der psychischen Erkrankungen wird in gewissen Kantonen angegangen, während andere kaum etwas unternehmen.»

Die psychische Verfassung der Schweiz

Die aktuellste flächendeckende Analyse der mentalen Gesundheit der Schweizer:innen ist im Obsan-Bericht 15/2020 «Psychische Gesundheit in der Schweiz Monitoring 2020» zu finden. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium untersuchte darin die Kennzahlen der Jahre 2012 bis 2017. Grundsätzlich stellten die Forschenden fest, dass die Schweizer Bevölkerung «von einer (sehr) guten Lebensqualität berichtet (91,7 %)». In Bezug auf psychische Beschwerden konnte jedoch gleichzeitig ein Anstieg festgestellt werden: Depressionssymptome, Suizidgedanken sowie ein Kontrollverlust über das eigene Leben treten häufiger auf. 2012 berichteten noch 28,7 Prozent der Bevölkerung von Depressionen aller Schweregrade, während 2017 dieser Anteil auf 34,6 Prozent anwuchs. 

Auswirkungen der Pandemie

Der Obsan-Bericht kann keine präzisen Angaben machen, inwiefern Covid-19 die psychische Gesundheit beeinflusst, verweist aber darauf, dass von einer Verschlechterung ausgegangen wird. Schmid sieht es genauso und denkt vor allem an Kinder sowie Jugendliche: «In jungen Jahren braucht man einerseits Feedback vom Umfeld ausserhalb der eigenen Familie. Andererseits ist der Druck in einer Leistungsgesellschaft hoch und Möglichkeiten zum Ausgleich sind essenziell. Beides wurde durch Corona eingeschränkt.» Die «Swiss Corona Stress Study» der Universität Basel vom Dezember 2021 scheint Schmid recht zu geben. Die Befragung ergab einen Anstieg von Menschen mit schweren depressiven Symptomen, insbesondere unter jungen Leuten mit 33 Prozent. Möglicherweise hat die psychische Belastbarkeit durch den Mangel an Ausgleichsmöglichkeiten abgenommen. Für ohnehin angeschlagene Menschen kann der Druck so in kurzer Zeit über den Kopf wachsen.

Zwei Teufelskreise

Das Problem der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wird durch zwei verschachtelte Dynamiken verstärkt. Zum einen gibt es viele junge Menschen, die Bedarf an Prävention haben, wie Schmid darlegt: «Schwere Verläufe müssen durch sekundäre Präventionsmassnahmen verhindert werden. Denn wenn eine Erkrankung chronifiziert, wird die Behandlung personell und finanziell um einiges intensiver.» Nicht nur könnte viel Leid verhindert, sondern gleichzeitig auch Institutionen und Personal entlastet werden. Zudem erschwert der Fachkräftemangel im Gesundheitssystem das Problem. Der Beruf der Psychiater:innen hat durch Überbelastung, vergleichsweise tiefe Bezahlung und weitere Gegebenheiten an Attraktivität eingebüsst. «Bis 2030 werden etwa ein Tausend psychiatrische Fachpersonen fehlen», mahnt Schmid.

Bis 2030 werden etwa ein Tausend psychiatrische Fachpersonen fehlen. Benedikt Schmid

Hilfsangebote stärken

Trotz der hohen Prävalenz an Problemen im Bereich der psychischen Gesundheit wendet sich nur eine Minderheit an professionelle Stellen. Schmid erklärt, wo man ansetzen kann: «Viele wissen nicht, dass und wo es Hilfe gibt. Es braucht finanzielle Mittel, um möglichst früh eingreifen zu können und um niederschwellige, qualitativ hochwertige Angebote zu ermöglichen.» Erschwerend kommt hinzu, dass psychische Erkrankungen noch immer ein Stigma tragen. Dennoch könnte die vermehrte Inanspruchnahme von ambulanten Behandlungsmöglichkeiten darauf hinweisen, dass teilweise ein Umdenken stattfindet. 

Früherkennung erleichtern

Während der Kindheit und in der Jugend befinden sich viele Aspekte der Persönlichkeit in stetem Wandel. Man denke nur an die Herausforderungen der Pubertät. Den Jugendlichen näherzubringen, wie man trotzdem Anhaltspunkte entdeckt, die auf mentale Probleme hinweisen, ist vertrackt. Darüber hinaus kommt die Botschaft undeutlich an, wenn sie von Erwachsenen stammt. «Man müsste eigentlich etwa Gleichaltrige einsetzen, welche die Message auf Augenhöhe vermitteln und eine Zusammenarbeit mit den jungen Menschen ermöglichen», gibt Schmid zu bedenken.

An den richtigen Orten ansetzen

Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern, wendet die Schweiz weniger finanzielle Mittel für die psychische Gesundheit auf. Und ob diese Gelder am richtigen Ort mit effizienter Wirkung eingesetzt werden, ist schwierig abzuschätzen. Laut Schmid muss erst eine Bestandsaufnahme Klarheit bringen: «Als ersten Schritt haben wir am 10. Januar eine Anfrage im Zürcher Kantonsrat eingereicht. Damit verfolgen wir das Ziel, die bestehenden präventiven Massnahmen im Kanton Zürich aufzuzeigen und den Effekt der gesprochenen acht Millionen Franken an Unterstützung zu prüfen.» Auch in anderen Kantonen wurden von der Jungen Mitte Interpellationen mit derselben Intention eingegeben, um eine grössere Übersicht zu erhalten. 

Auf diese Weise sollen adäquate Massnahmen ermöglicht werden, welche die Situation nachhaltig verbessern können. «Wir sind froh, dass die Pflegeinitiative durchgekommen ist. Diese kann bereits einen positiven Effekt bewirken», freut sich Schmid. Weitere mögliche Ansätze sind die Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen, die Stärkung eines Dialogs in der Gesellschaft sowie Instrumente der sekundären und tertiären Prävention. Hier muss die Politik ihre Verantwortung wahrnehmen, wie auch Schmid findet: «Das Thema wird uns dieses Jahr vermehrt beschäftigen; ein grösseres Projekt ist bereits in Gange.»

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Hilfestellen für Jugendliche und Kinder

Jugendliche und Kinder können sich rund um die Uhr bei den vertraulichen Hilfsangeboten der Pro Juventute melden.

  • telefonisch oder per SMS unter der Nummer 147
  • per E-Mail an die Adresse beratung@147.ch
  • Per Chat und Web-Selfservice unter 147.ch

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