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Gesellschaft Gesundheit

Mythen und Fakten rund um Mindfulness

02.08.2022
von SMA

Mindfulness ist zu einem bekannten Begriff avanciert, der oftmals die Geister scheidet. Für die einen ist es ein Lösungsansatz für Leiden verschiedenster Art, für die anderen ist es vager Nonsens. Die Wahrheit lässt sich wie so oft irgendwo in der Mitte finden.

Katleen Van der Gucht ist studierte Biologin, wechselte aber vor einigen Jahren in den Fachbereich Psychologie. «Es gab eine hektische Zeit in meinem Leben, in der ich Hilfe suchte. Mein Vater war sterbenskrank, ich hatte zwei kleine Kinder und dazu noch einen anspruchsvollen Job. Das ständige Grübeln und schlechter Schlaf führten zu Problemen, weshalb ich eine Lösung für all diesen Stress benötigte.» Während ihrer Nachforschungen stiess sie auf Mindfulness, eine Meditationstechnik. Deren Ziel ist es, dass man im Hier und Jetzt lebt und sich so bewusst wird, wann die Gedankenkreise und Sorgen überhandnehmen. «Anfangs war ich sehr skeptisch: All das Meditieren gab mir Bedenken. Trotzdem benötigte ich dringend eine Form der Unterstützung und ich gab dem Ganzen eine ehrliche Chance. Nach acht Wochen merkte ich, dass es mir enorm half, auf eine gesündere Weise mit stressigen Situationen umzugehen.»

Den positiven Effekt von Mindfulness fand sie erstaunlich. Van der Gucht beschloss, ihre sämtliche Energie in die dahinterliegende Funktionsweise dieses Bewusstseinstrainings zu stecken. An der KU Leuven untersuchte sie die Effekte und Mechanismen von Mindfulness. Aber was ist es nun genau, der zielbewusste und vorurteilsfreie Bewusstseinszustand, der sich auf die Gegenwart fokussiert. Wie kann man diesen erreichen? Übung macht den Meister.

Mindfulness-Training

«Reiten lernt man nicht aus Büchern, dasselbe gilt für Mindfulness. Man muss üben und das Hirn täglich trainieren. Und ja, das kostet Zeit und Mühe», erzählt Van der Gucht. Beim Training wird zwischen informellen und formellen Übungen unterschieden. Eine Dusche mit voller Aufmerksamkeit ist ein Beispiel einer informellen Übung. «Fühl das warme Wasser auf deiner Haut, erfahre bewusst die Empfindungen und Reizungen. Wir sind uns gar nicht bewusst, dass wir die Dusche nicht geniessen. Man denkt an das nächste Meeting mit Vorgesetzten, an den nächsten Einkauf, ans Kochen am Abend. Der Kopf ist nicht im Hier und Jetzt, was Stress kreiert.»

Wir putzen jeden Tag unsere Zähne; warum meditieren wir nicht täglich? Dr. Katleen Van der Gucht, Biologin und Psychologin

Formelle Meditationsübungen nehmen mehr Zeit in Anspruch. «Was fühle ich genau in diesem Moment? Welche Emotionen und Gedanken gehen durch meinen Kopf? Wie geht es mir und meinem Körper? Solchen Dingen kann man bewusst und auf milde, nicht urteilende Art Aufmerksamkeit schenken. Das kostet etwas mehr Zeit.» Unter Anleitung einer zertifizierten Fachperson folgt man den Übungen für acht Wochen. Danach führt man das Training selbstständig fort. Online stehen Audiofiles zur Verfügung, sodass man auch ohne Beistand und Instruktionen Mindfulness trainieren kann. Van der Gucht erklärt: «Es ist wichtig, dieses Thema im Blick zu haben. Wir putzen jeden Tag unsere Zähne; weshalb nehmen wir uns nicht auch täglich ein bisschen Zeit, um mit Mindfulness-Meditationen unserem Kopf Sorge zu tragen?»

Meditation statt Medikamentation?

Kann Meditation Medikamente bei Problemen wie Depressionen oder Burn-out ersetzen? Mindfulness ist keine Schnelllösung, die auf einmal alle Leiden ausradiert. Doch es kann das Verhältnis zu negativen Gedanken und Erlebnissen verändern, sodass man die Fertigkeit entwickelt, mit diesen besser umzugehen.

«Jon Kabat Zinn hat ein Programm entwickelt: ‹Mindfulness-based Stress Reduction›. Darin arbeitete er mit Menschen mit chronischen Schmerzen, wofür die Medizin keine Lösung fand. Er sorgte dafür, dass die Patient:innen mental andersartig mit ihren Schmerzen umgingen. Die Meditation konnte den Schmerz zwar nicht nehmen, doch dank ihr nahmen die Patient:innen ihn anders wahr. Der emotionale Stress sank, die Lebensqualität nahm zu.» Deshalb ist es wichtig, Meditationen inklusive Mindfulness nicht als vorgefertigte Lösung, sondern als Geistestraining anzusehen. Es geht darum, einen gesünderen Umgang mit den Herausforderungen des Lebens zu erlernen.

Eine andere Untersuchung, welche die vorteilhaften Effekte der Meditation zeigt, wurde in The Lancet publiziert. «Die Resultate deuten darauf hin, dass das ‹Mindfulness Based Cognitive Therapy Programme› ebenso effektiv wirkt wie Antidepressiva. Dazu wurden eine Experimental- und eine Kontrollgruppe gebildet, um diese zu vergleichen. Zu Beginn nahmen beide Gruppen Antidepressiva. Ab der vierten Woche wurde die Dosierung der Experimentalgruppe abgebaut, während sie Mindfulness-Interventionen folgte. Die Kontrollgruppe übte keine Mindfulness und erhielt über den gesamten Zeitraum dieselbe Dosis Antidepressiva. Nach zwei Jahren wurde überprüft, wie viele der Patient:innen einen Rückfall erlitten. Es wurde kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen festgestellt, was die Effektivität von Mindfulness mit jener von Antidepressiva gleichstellt.» Van der Gucht hofft, dass Mindfulness zugänglicher wird und in verschiedenen Kontexten wie Spitälern, Schulen und Sozialinstitutionen Bedeutung erlangt. «Für die Zukunft erhoffe ich mir, dass ein Mindfulnesstraining für alle zugänglich wird, was heute noch nicht der Fall ist. Natürlich sind Bücher erhältlich, doch am erfolgreichen Acht-Wochen-Training hängt ein Preisschild. Nicht alle können sich das leisten. Diesbezüglich wünsche ich mir eine Veränderung.»

Text Amaryllis De Bast

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