narzisstische perversion
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Die Funktionsweise von narzisstischer Perversion verstehen

07.02.2022
von Léa Stocky

Heutzutage erfährt man aus Onlineartikeln, Fernsehsendungen und Serien immer häufiger von narzisstischen Perversen. Die Opfer fassen ihre Erlebnisse in Worte und versuchen, auf die Gefahren einer Beziehung mit einer oder einem narzisstischen Manipulator:in aufmerksam zu machen – sei es in der Ehe, in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. Wie verhalten sich narzisstische Perverse? Wieso handelt diese Person auf diese Weise? «Fokus» hat versucht, auf diese Fragen Antworten zu finden.

Zunächst einmal ist es notwendig, auf die Definition von narzisstischer Perversion einzugehen. Es gibt nämlich verschiedene Grade der Manipulation. Ein:e Manipulator:in manipuliert Mitmenschen, ist sich aber bewusst, dass sein oder ihr Verhalten andere verletzen kann. Da das Gegenüber als vollwertiges Individuum mit Emotionen betrachtet wird, können die Manipulierenden angesichts ihrer Handlungen Schuldgefühle empfinden. Im Gegensatz dazu empfindet eine narzisstisch perverse Person der höchsten Stufe der narzisstischen Manipulation weder Mit- noch Schuldgefühle. Paul-Claude Racamier ist ein Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts und ein Vorreiter in der Erforschung der narzisstischen Perversion. Er war der Erste, der versuchte, die Thematik zu definieren und zu erklären: «Die narzisstisch perverse Bewegung ist im Wesentlichen als eine organisierte Art und Weise definiert, die sich gegen jeden inneren Schmerz und jede innere Verkrampfung wehrt, um sie anderswo ausbrechen zu lassen, während man sich selbst auf Kosten anderer überbewertet.» Diese Erklärung erlaubt es, das Verhalten von Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu beleuchten.

Reine Zweckbeziehungen

Eine narzisstisch perverse Person unterscheidet sich von narzisstischen Manipulator:innen, weil sie sich am Leid anderer erfreut. Sie mag es, anderen wehzutun, auch wenn sie weiss, dass es nicht normal ist. Anna Assef-Vaziri, Psychologin und Psychotherapeutin in Lausanne, definiert narzisstische Perverse als bewusste und sadistische Manipulator:innen, die ihre wahren Absichten hinter einer Maske verbergen. «Die wahre Absicht ist es, die eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer zu befriedigen». Mit anderen Worten: Menschen sind Objekte, die narzisstische Perversion benutzen, um ihre Ziele zu erreichen.

Narzisstische Perverse haben zwei Gesetze: das Erste ist, dass sie alle Rechte haben, das Zweite ist, dass die anderen keine Rechte haben. Anna Assef-Vaziri

Ein Gefühl der Allmächtigkeit 

Das Ziel von narzisstischen Perversen ist es, ein Gefühl der Allmächtigkeit zu erlangen und die Mitmenschen zu beherrschen. Um zu erreichen, dass sie sich als Herrscher der Welt fühlen, versuchen sie, ihre Mitmenschen zu zähmen. Anna Assef-Vaziri erklärt: «Narzisstische Perverse haben zwei Gesetze: Das Erste ist, dass sie alle Rechte haben, das Zweite ist, dass die anderen keine Rechte haben.»

Dieses Allmachtsgefühl ist so stark, dass die narzisstisch perverse Person keinen Widerspruch ertragen kann. Wenn sie überlegen ist, dann hat sie immer Recht und die anderen liegen falsch. Die Schuld wird dementsprechend immer auf den anderen geschoben. Dies erklärt, dass narzisstische Perverse niemals freiwillig eine:n Psycholog:in oder Psychiater:in aufsuchen werden. Diese Menschen sind davon überzeugt, dass sie Recht haben. Sie empfinden sich selbst als so gut, dass sie sich nicht ändern wollen. Ausserdem leiden sie nicht, da ihr Verhalten ihre einzige Möglichkeit ist, zu funktionieren. Narzisstische Perverse sind in der Öffentlichkeit meist grandiose Menschen. Für Assef-Vaziri sind sie die Doppelgesichter: Sie haben eine grossartige Seite, die sie in sozialen Situationen zur Schau zu stellen versuchen, indem sie so tun, als wären sie aussergewöhnlich. Die andere Seite ist die des häuslichen Tyrannen, der seine Frau, seinen Mann und seine Kinder beherrscht. Sie kennen die sozialen Codes und spielen mit ihnen. Das erklärt auch, warum viele Menschen in der Umgebung extrem überrascht sind, wenn sie das wahre Verhalten der Manipulator:innen entdecken.

Vertrauensverlust, Zweifel und Angst

Assef-Vaziri beschreibt, wie narzisstische Perverse ihre Ziele erreichen: «Sie weben ihr Netz auf sehr subtile Weise um das Opfer herum, damit es akzeptiert, was sie wollen.» Dennoch ist der Beginn der Beziehung idyllisch. Narzisstische Perverse versprechen eine schöne Zukunft mit vielen Plänen, aber diese Versprechungen sind nichts anderes als Lügen. Dann kommt es zu einer Veränderung, welche die Beziehung kippt und das Opfer verwirrt: Stimmungsschwankungen der narzisstischen Perversen, Anfälle oder verbale Gewalt.

Narzisstische Perverse benutzen das Wertesystem der anderen Person, um sie zu lähmen. Sonia Grimm

Ab diesem Zeitpunkt halten narzisstische Perverse die Menschen in ihrem Umfeld durch Angst in Schach. Sonia Grimm, Autorin, Komponistin und Schweizer Performerin, war mit einem narzisstischen Manipulator verheiratet. Sie erklärt: «Narzisstische Perverse finden heraus, was dem Opfer am wichtigsten ist. Sie benutzten das Wertesystem der anderen Person, um sie zu lähmen». Sonia Grimm nennt ein Beispiel: Im Fall einer Frau, die sich sehr um ihre Kinder kümmert, macht der narzisstische Perverse ihr klar, dass ihre Kinder leiden werden und sie eine schlechte Mutter sei, wenn sie ihn verlässt. Narzisstische Perverse versuchen auch immer, bei ihrer Beute Zweifel hervorzurufen. Dies führt dazu, dass die Beute an sich selbst zweifelt und nicht mehr weiss, was real ist und was nicht. In den Worten von Sonia Grimm: «Das Opfer der Perversen verliert völlig das Vertrauen in sein oder ihr eigenes Urteilsvermögen».

Keine psychischen Ressourcen

«Tief im Innern haben narzisstische Perverse extrem grosse Risse. Sie sind Wesen, die leer sind und keine psychischen Ressourcen haben», erklärt Assef-Vaziri. Mit anderen Worten: Narzisstischen Perversen mangelt es an Selbstliebe und Anerkennung. In ihrer Kindheit wurde ihnen beigebracht, dass Liebe bedingt und nicht bedingungslos ist. Sie wurden nicht für das geliebt, was sie waren, sondern dafür, was sie taten. Laut Assef-Vaziri können Personen entweder durch die Nachahmung des Familienmodells zu perversen Narzisst:innen werden oder durch eine Umkehrung der Situation, – wenn das Kind merkt, dass es nicht angenehm ist, ein Opfer zu sein und so zum Raubtier wird. Im Fall der Nachahmung des Familienmodells ahmt das Kind das Verhalten der Eltern nach, die ebenfalls häufig an der narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann eine Verletzung des Egos entweder den oder die Täter:in oder das Opfer erschaffen. Sonia Grimm

Um die Leere zu füllen, welche die narzisstisch perverse Person fühlt, aber nicht erklären kann, umgibt sie sich mit Menschen, die über die ihr fehlenden inneren Ressourcen verfügen und nährt sich von ihnen. Häufig leiden die Beutetiere unter emotionaler Abhängigkeit, was dazu führt, dass sie sich selbst ständig infrage stellen und sich an narzisstische Manipulationen binden. Grimm sagt: «Irgendwann kann eine Verletzung des Egos entweder den oder die Täter:in oder das Opfer hervorbringen». Assef-Vaziri weist darauf hin, dass narzisstische Perverse zwar Traumata erlebt haben, die Beute aber etwas Ähnliches durchgemacht haben könnte. Es hängt also nicht nur von den Eltern ab, sondern von einer Entscheidung, die das Individuum dazu bringt, diesen oder jenen Weg einzuschlagen.

Grimm gesteht, dass sie die toxische Beziehung zu ihrem Mann nur deshalb beenden konnte, weil sie bereit zu sterben war und nichts mehr zu verlieren hatte. Ihr Auslöser war der Tag, an dem ihr Mann ihren Sohn körperlich angriff. Danach, im Jahr 2019, hat Grimm den Verein «Parle Moi» gegründet. Kurz darauf nahm Steve Alban Tineo, der sich auf Krisenverhandlungen und Meditation spezialisiert hat, Kontakt zu ihr auf und bot ihr an, ihr bei der Selbstfindung zu helfen. Die beiden veröffentlichen ein Buch, «Par Le Moi», und organisierten eine Tournee mit Auftritten, um den Opfern zu helfen, ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Tineo sagt: «Die ganze Anstrengung besteht darin, die Opfer aus ihrem toxischen Umfeld herauszuholen. Es wird aber nicht daran gedacht, sie wieder aufzubauen.» Der Wiederaufbau ist für das Opfer jedoch von entscheidender Bedeutung, da es in der Beziehung innerlich zerbrochen, zerstört und isoliert ist. Grimm fügt hinzu: «Wenn das Opfer nicht versucht zu verstehen, was es dazu gebracht hat, eine solche Beziehung in seinem Leben zu vermeiden, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es immer wieder dieselben Muster verfolgt und sich erneut für eine:n Partner:in entscheidet, der oder die einen entwertet und herabsetzt. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es wichtig, die Liebe und das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen.»

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Ungewisse Zahlen

Manche schätzen die Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. In Wirklichkeit ist es ziemlich schwierig, zu einer Schätzung zu gelangen. Oft wird angenommen, dass Männer häufiger betroffen sind. Diese Annahme könnte darauf zurückzuführen sein, dass Frauen, wenn sie Opfer eines narzisstischen Perversen werden, eher einen ärztliche Hilfe aufsuchen als Männer in der gleichen Situation. Anna Assef-Vaziri fügt hinzu: «Narzisstische Perverse sind noch schwieriger zu erkennen, da sie nonverbale Mittel wie beispielsweise Seufzen, Gesten oder Schuldzuweisungen verwenden.» Um mehr darüber zu erfahren, sind weitere Studien erforderlich.

6 Antworten zu “Die Funktionsweise von narzisstischer Perversion verstehen”

  1. Brigitte Arambasic sagt:

    Vielen Dank für ihren sehr interessanten Artikel über den perversen Narzissmus. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist, dass der Arzt und Psychoanalytiker Paul Claude Racamier hauptsächlich zu den Ursachen der Psychosen, insbesondere der Schizophrenien publizierte. Sein Anliegen war es, die wechselwirkenden Strukturen pervers- narzisstischer Paarbeziehungen heraus zu arbeiten und als eine mögliche Ursache der Psychosen auszumachen.

  2. Danilo Servais sagt:

    Servus! Manchmal wünsche ich mir mehr solcher Artikel. Vielen Dank. Grüße aus Bayern

  3. SASKIA SCHRÖDER sagt:

    Ich bin von so einem Menschen vor einem Jahr, nur durch „Glück“ freigekommen.es ist sehr schwer für mich, zu lesen, dass es genau ihn beschreibt. Aber heilend, weil die Sicherheit da ist, dass der Fehler nicht bei mir lag.
    Danke für das veröffentlichen dieses Beitrags

  4. Vonny sagt:

    Mein Vater ist ein narzisstisch-Perverser, ich hatte davor noch nie von dieser Form des Narzissmus gehört. Für meine Psychotherapeutin, die ich mir jetzt endlich mal gesucht habe und der ich von meiner traurigen Jugend mit meinem tyrannischen Vater erzählt hatte, war dies ziemlich schnell klar. Dies hat sich bis heute durch mein Leben gezogen, da mein Vater mich letztendlich zum schwarzen Schaf der Famiie gemacht und alle Herkunftsfamilienmitglieder manipuliert und für sich und gegen mich eingenommen hat. Und ich werde bis heute nicht drüber fertig. Dieser Artikel beschreibt exakt meinen Erzeuger und ich bin froh, endlich von einer außenstehenden Expertin bestätigt bekommen zu haben, dass ich nicht schuld bin, was mein Vater mir mein halbes Leben eintrichtern wollte. Mein Selbstwertgefühl ist extrem im A…und ich hoffe, dass eine Psychotherapie helfen kann. Allen anderen Opfern mein Verständnis und Mitgefühl. Schlimm, wie Menschen es schaffen, einen so kaputtmachen und dann auch noch versuchen einzureden, dass man die Wurzel allen Übels und an allem ganz allein schuld wäre.

  5. Ronja Hübl sagt:

    21 Jahre habe ich einen solchen Partner gehabt. Ein Mann mit zwei Gesichtern. Das zweite sah man nicht, fühlte nur diese schleichenden Zerstörung ohne begreifen zu können was da geschieht. Aus mir einer einstig bunten, lebendigen, verrückten, starken, relativ sicheren Frau, wurde ein Wesen das schwermuetiger, depressiver, trauriger, launischer, wütender, körperlich immer kränker wurde, ständig an sich selbst zweifelte, an den eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen, immer mehr überfordert war, sich einsam fühlte, kaum mehr Kraft und Energie hatte, zum Sündenbock und einziges Problem deklariert wurde vombMann und den Kindern, von seiner Familie. Er zeigte stets dieses Unschuldsgesicht, einen Dackelblick, beteuernd „er würde mich doch lieben, ich wäre ihm doch wichtig, er würde sich doch sorgen“. Benahm sich äußerlich immer “ lieb“, meist fürsorglich, sanft. Verwehrte mir aber jegliche Beziehungs- Erziehungs- Familienzusammenarbeit, Veränderungen, Aktivität, überließ mir den Großteil sämtlicher Verantwortung, aber stellte nach außen immer den hilfsbereiten verantwortungsvollen Menschen da. Mich hat das so wahnsinnig gemacht, ich wusste nicht mehr wer oder was ich bin, ob dieses Leben real oder nur eine Wahnvorstellung war. Ich suchte ständig das Gespräch mit ihm, Klärung, aber erfuhr meistens Schweigen, Ignoranz oder ein abwerten meiner Gedanken und Gefühle mit dem Schluss “ ich brauche unbedingt Hilfe“ ( die ich mir jahrelang geholt hatte, weil ich dachte ich bin gestört). Einsicht gab es nie, Entschuldigungen nein, auf keinen Fall. Diese Messer stachen so unsichtbar U hart auf mich ein. Und dennoch glaubte ich, er würde mich lieben, es liegt alles wohl an mir. Mein Körper streikte immer mehr, soviele Symptome, soviele Erkrankungen schwächsten mich, bis hin zu sehr langem Muskelversagen. Und immer sagte er “ alles gut, du machst Probleme wo gar keine sind“. Und dann warf er mich weg von einem auf dem anderen Moment nach 21 Jahren, Hat sich kurz vorher ne neue klargemacht und das wars. Ein Satz mehr sagte er nicht. Und seine Familie ließ mich auch von eben auf gleich fallen. Bis “ ebend“ noch Nettigkeiten, Sympathie und dann grausame Verachtung, Abwertung, seelische Messer mit voller Wucht. Mein Leben vernichtet, meine Familie zerstört, ich kann nicht mehr arbeiten ( meine Arbeit hat mir viel bedeutet)meine Gesundheit im Eimer, meine Seele schwer traumatisert ( so furchtbare tägliche Flashbacks, Panik, Angst usw….und mich hat man zum Täter gemacht…bis heute ( weil er ja so ruhig war und ich doch wütend, negativ, traurig). Unsere Kinder ( erwachsen) denken ich hab mir alles eingebildet. Papa ist der Retter, der Gute, denn er war ja da, seit Mama zerbrochen am Boden liegt. Ich habe soviel Schmerz in mir, soviel Wut….denn dieser Mensch und seine Familie schaffen es weiter aus mir das Monster zu machen und ich kann rein garnichts tun, absolut nichts. Ich denke nur noch ans sterben.Wie soll man etwas nicht sichtbares beweisen?
    Seit Jahren ( nach der Trennung) spielt er das arme Opfer. Horror ist das, grausam so grausam

  6. Sara Dülge sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Es hat mir sehr viele Erkenntnisse und Erklärungen gebracht. Das war genau das was ich jetzt brauchte 🙂

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