Der renommierte HNO-Mediziner, Klinikmanager und KI-Pionier Prof. Dr. Jochen A. Werner verfügt über 40 Jahre Erfahrung im Gesundheitswesen. Er war Direktor der HNO-Klinik in Marburg, Geschäftsführer der Universitätskliniken Gießen und Marburg und war von 2015 bis 2025 Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. Im Interview plädiert Werner für radikale Reformen durch KI, Robotik und Nachhaltigkeit – immer mit Fokus auf Menschlichkeit und Effizienz.
Herr Prof. Werner, Sie sind Autor mehrerer Bücher, deren Titel die Anforderungen an ein modernes, besseres Gesundheitswesen auf den Punkt bringen: »Menschliche Medizin«, »Krankenhaus geht besser« und »Der smarte Patient«. Wo hakt es hierzulande denn am meisten?
Am meisten hakt es an der überfälligen Neuausrichtung unseres Gesundheitswesens hin zu einem wirklich patientenzentrierten, digitalen und vernetzten System. Noch immer denken viele Akteure in Silos – in Zuständigkeiten, Budgets und Hierarchien – statt im Sinne der Patientinnen und Patienten und einer modernen, effizienten Versorgung. Wir brauchen mehr Mut zur Veränderung, mehr Digitalisierung mit Sinn und vor allem mehr Menschlichkeit im täglichen Handeln. Und wenn wir schon neu denken, dann ganzheitlich – also auch ökologisch nachhaltig: Das Krankenhaus der Zukunft muss ein »Green Hospital« sein, das Gesundheit, Technologie und Klimaschutz miteinander verbindet.
Das Krankenhaus der Zukunft ist kein Ort des Mangels, sondern ein Ort des Aufbruchs.
Wie sehr sind Krankenhäuser denn bereits nachhaltig?
Leider stehen wir hier noch ganz am Anfang. Nachhaltigkeit wird in vielen Häusern bislang vor allem über Energieeffizienz oder Mülltrennung definiert – das greift zu kurz. Ein wirklich nachhaltiges Krankenhaus denkt ökologisch, ökonomisch und sozial zugleich: vom Bau über den Betrieb bis hin zur Unternehmenskultur. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass Gesundheit und Umwelt untrennbar verbunden sind – erst dann kann das Green Hospital zur gelebten Realität werden.
Keine Zukunft ohne Digitalisierung. Was bedeutet das für das Krankenhausmanagement und jeden einzelnen Mitarbeitenden dort?
Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um das Krankenhaus menschlicher, sicherer und effizienter zu machen. Für das Management bedeutet das: Führung neu zu denken – agil, datenbasiert und mit Fokus auf Zusammenarbeit statt Hierarchie. Für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter heißt es, offen zu sein für neue Prozesse, sich weiterzubilden und digitale Lösungen als Entlastung, nicht als Bedrohung zu begreifen. Wenn Technik und Mensch im Einklang agieren, entsteht echte »menschliche Digitalisierung«.
Sie wollen den Einsatz von KI zum Wohle der Patientinnen und Patienten möglichst schnell vorantreiben. Warum?
Künstliche Intelligenz kann helfen, Medizin präziser, sicherer und menschlicher zu machen. Wenn Algorithmen Routineaufgaben übernehmen und Diagnosen unterstützen, gewinnen Ärztinnen und Ärzte Zeit für das Wesentliche – den Menschen. Wir dürfen dabei nie vergessen: KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Empathie und Erfahrung. Entscheidend ist, dass wir sie verantwortungsvoll einsetzen – transparent, erklärbar und immer im Sinne der Patientinnen und Patienten.
Wird KI die alten »Machtstrukturen« im Krankenhausbetrieb umkrempeln? Was kann KI darüber hinaus für die Kranken bewirken?
Ja, KI wird die alten Machtstrukturen im Krankenhaus zwangsläufig aufbrechen – und das ist überfällig. Jahrzehntelang war Wissen an Positionen und Hierarchien gebunden. Mit KI und datenbasierter Transparenz verliert dieses Modell an Bedeutung. Führung muss künftig vor allem ermöglichen, vernetzen und Vertrauen schaffen – nicht kontrollieren. Für die Patientinnen und Patienten eröffnet das enorme Chancen: schnellere Diagnosen, personalisierte Therapien und mehr Sicherheit. KI kann dazu beitragen, ein neues Gleichgewicht zu schaffen – eines, in dem Technologie menschliche Fürsorge stärkt, nicht verdrängt.
Robotik wird im Krankenhausbetrieb eine zentrale Rolle spielen – am OP-Tisch und am Stationsbett. Auf was müssen wir uns einstellen? Welche Chancen sehen Sie?
Robotik wird unseren Krankenhausalltag grundlegend verändern – und zwar zum Positiven, wenn wir sie richtig einsetzen. Roboter können monotone, körperlich belastende oder hochpräzise Aufgaben übernehmen und damit das Personal entlasten. So bleibt mehr Zeit für die menschliche Zuwendung, die kein Algorithmus ersetzen kann. Entscheidend ist, dass wir Robotik nicht als technisches Experiment begreifen, sondern als Teil eines Gesamtsystems: digital, nachhaltig und auf das Patientenwohl ausgerichtet.
Werden Automatisierungen die Medizin tatsächlich präziser machen?
Ja, Automatisierungen werden die Medizin präziser machen – vor allem, weil sie menschliche Fehlerquellen reduzieren und standardisierte Abläufe ermöglichen. Maschinen ermüden nicht und können Datenmengen verarbeiten, die für uns unüberschaubar wären. Entscheidend ist jedoch, dass Präzision nicht Gleichgültigkeit bedeutet: Technik darf nicht den Blick für den einzelnen Menschen verdrängen. Die Zukunft liegt in der Verbindung aus maschineller Genauigkeit und menschlicher Empathie.
Sie plädieren auch für eine bessere Kommunikation auf Augenhöhe. Was bedeutet das?
Kommunikation auf Augenhöhe bedeutet, dass wir den anderen wirklich sehen – unabhängig von Hierarchie, Berufsgruppe oder Status. In einem modernen Krankenhaus zählt das gemeinsame Ziel mehr als Titel oder Macht. Wer ernsthaft Teamarbeit will, muss zuhören, Vertrauen schenken und Verantwortung teilen. Nur so entsteht eine Kultur, in der Innovation, Menschlichkeit und Qualität gleichermaßen gedeihen können.
Spricht man mit Krankenhauspersonal, hält sich das Bild der Überlastung weiter hartnäckig: Schichtbetrieb, Stress, Druck, Postengerangel. Wie muss und kann sich die Arbeitsseite verändern?
Wir müssen Arbeit im Krankenhaus neu denken – menschlicher, flexibler und sinnstiftender. Dauerhafte Überlastung ist kein individuelles Versagen, sondern ein Systemfehler. Digitale Unterstützung, bessere Prozessorganisation und eine offene Führungskultur können den Druck spürbar reduzieren. Entscheidend ist, dass wir Wertschätzung nicht nur fordern, sondern auch leben – durch Beteiligung, transparente Kommunikation und echte Entwicklungsperspektiven. Nur so wird das Krankenhaus wieder ein Ort, an dem Menschen gern arbeiten.
Müssen wir Krankenhäuser und die ärztliche Versorgung in Zukunft anders darstellen? Müssen wir auch andere Krankenhäuser bauen?
Unbedingt. Wir müssen Krankenhäuser und ärztliche Versorgung als das zeigen, was sie im besten Fall sind: hochprofessionelle, menschliche und zukunftsorientierte Orte. Weg von der Defizitkommunikation, hin zu einer positiven, authentischen Darstellung. Wer junge Menschen für Medizin und Pflege gewinnen will, muss Sinn, Innovation und Teamgeist sichtbar machen. Das Krankenhaus der Zukunft ist kein Ort des Mangels, sondern ein Ort des Aufbruchs – wenn wir den Mut haben, es so zu zeigen. Und ja, wir müssen auch anders bauen. So wie bisher kann es nicht weitergehen. Krankenhausneubauten werden allzu oft zu Verwirklichungsprojekten von Trägern – ob Stadt, Kommune, Kirche oder wem auch immer. Spezialisten im Krankenhausbau wissen heute genau, wie zukunftsorientierte Kliniken aussehen müssen: entlang einer Healing-Culture, funktional, ökologisch und modular – mit Blick auf die künftige Rolle von Robotik. Je nach Fläche und Versorgungsauftrag muss ein solcher Modulbau innerhalb weniger Jahre stehen. Es geht nicht um Denkmäler für Einzelne, sondern um den Menschen, der darin behandelt wird oder arbeitet.
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