Reflexion im Spiegel, Selbstwahrnehmung
Gesundheit

Wenn die Selbstwahrnehmung den eigenen Körper verzerrt

05.11.2021
von Akvile Arlauskaite

Zu schmale Lippen, zu wenig Muskeln, zu dicke Oberschenkel: Hinter den Unsicherheiten rund um die Selbstwahrnehmung unseres Äusseres steckt in manchen Fällen eine schwerwiegende psychische Erkrankung. Roland Müller und Ronia Schiftan der Fachstelle PEP geben Einblicke.

Wer unter Body Dysmorphic Disorder (BDD), auch körperdysmorphe Störung oder Dysmorphophobie, leidet, ist übermässig mit seinem Aussehen beschäftigt. Vermeintliche Makel nimmt man als schlimmer wahr, als sie tatsächlich sind. Das eigene Erscheinungsbild scheint im Verhältnis zum angestrebten Schönheitsideal stets ungenügend und nicht attraktiv genug.

BDD ist unisex

Betroffene hacken oft an einem konkreten Teil ihres Körpers herum. Bei Frauen sind dies unter anderem einzelne Gesichtspartien, die Oberweite, die Hüften oder die Beine. Immer mehr betrifft BDD aber auch Männer, so der Psychologe Roland Müller: «Ursprünglich war der Mann das funktionale, starke Gegenstück zur Frau. Durch gesellschaftliche Veränderung und die Erschliessung des Kosmetik- und Modemarktes der Männer steht der Männerkörper immer mehr im Fokus des Themas Schönheit. Heute muss er nicht mehr nur stark sein, sondern auch gut aussehen.» Zu den häufig beobachteten vermeintlichen Makeln bei Männern gehören etwa Muskeln, Geschlechtsorgane sowie Kopf- oder Körperbehaarung.

Das Leben mit BDD

Die körperdysmorphe Störung kann die Lebensqualität massiv mindern. Zwanghaft überprüfen Betroffene ihre vermeintlichen Schönheitsfehler im Spiegel und vergleichen sich mit anderen. «Für Jugendliche ist das Handy zum Spiegel geworden. Ständig nehmen sie sich auf oder machen Selfies, um zu kontrollieren, wie sie aussehen», so die Ernährungspsychologin Ronia Schiftan. Andere scheuen sich vor dem eigenen Spiegelbild und wagen sich aus Angst vor abwertenden Reaktionen auf ihr Äusseres sogar nicht mehr auf die Strasse.

Es wird versucht, die vermeintlichen Makel zu kaschieren oder mithilfe kosmetischer Eingriffe und Medikamenten zu korrigieren. Letzteres ist jedoch meist keine Lösung. Denn die Unsicherheiten rund um das Aussehen bleiben aufgrund des angestrebten, unrealistischen Idealbildes bestehen. Insofern wird BDD häufig von Scham, niedrigem Selbstwertgefühl, Isolation oder sogar sozialer Phobie, aber auch Zwangsstörungen, depressiven Symptomen und schlimmstenfalls Suizidgedanken begleitet.

Die Rolle der Medien

Ein entscheidender Faktor bei der Entstehung von BDD ist der hohe Stellenwert von Schönheit in unserer Gesellschaft. Social Media verstärken die Bedeutsamkeit umso mehr, indem sie den Anschein erwecken, dass Schönsein glücklich macht. «Fokus» hat eine Ernährungspsychologin gefragt, inwiefern.

Ronia Schiftan, welche Rolle spielen soziale Medien bei der Entstehung von BDD?

Vor allem Instagram ist hier gefährlich. Typisch für diese bildbasierte Plattform ist es, Perfektion – ideale Körper und Gesichter – und nicht die Realität zu zeigen. Dies wird mithilfe von Filtern, Bildbearbeitung sowie spezieller Selbstinszenierung erreicht. Konsumiert man den ganzen Tag solche Idealbilder, nimmt man sie irgendwann als echt wahr und verinnerlicht sie als ein Schönheitsideal, welches jedoch fern der Realität ist. Dies sorgt für Stress.

Bei Werbungen ist hingegen meist sofort erkennbar, was real ist und was nicht. Wo liegt hier der Unterschied?

Freund:innen, aber auch Influencer:innen, die sich auf Instagram perfekt inszenieren, wirken weniger weit weg. Diese vermeintliche Nähe trägt zu einem Realitätsverlust bei, der es noch schwieriger macht, zwischen echt und unecht zu unterscheiden. Im Gegensatz dazu ist es bei einer Werbung leichter, sich von künstlichen Idealbildern zu distanzieren.

Was kann helfen, BDD zu verhindern?

Man kann regelmässig Social-Media-Pausen einlegen oder ein «Wall-Cleaning» machen: Personen, deren Content einem nicht guttut, entfolgen und durch denjenigen von Menschen, die sich unverzerrt zeigen, ersetzen. Zudem soll man darauf achten, worüber man mit Freund:innen spricht. Kommen negativ geladene Gespräche über das eigene Körperbild zu häufig vor, sollte man das in der Gruppe ansprechen. Merkt man, dass das Thema einen überwältigt, man aber gerade niemanden zum Reden hat, kann professionelle Hilfe aufgesucht werden, etwa bei einer Beratungsstelle.

Text Akvile Arlauskaite

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Weitere Informationen

Bei der Beratungsstelle PEP (Prävention Essstörung Praxisnah) finden Betroffene Unterstützung.

Mehr Infos unter pepinfo.ch

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