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Wenn Arbeitgebende sich weigern, Covid-Massnahmen zu berücksichtigen

21.04.2021
von Fatima Di Pane

Den Arbeitsplatz verlieren, weil man die Covidbestimmungen einhalten möchte? Herr S. hat genau dies erlebt.

Herr S., Ihr früherer Arbeitgeber reagierte negativ auf die Covid-Massnahmen. Wie sah das aus?

Zu Beginn wusste eigentlich niemand genau, was zu tun war. Auch seitens des BAG gab es lediglich Empfehlungen. Für mich war jedoch klar, dass ein Grundmass an Hygienemassnahmen dazu beiträgt, eine Verbreitung einzudämmen. Damit meine ich konkret Abstandsregelungen sowie das regelmässige Desinfizieren von Arbeitsgeräten.

Sie haben sich daraufhin über die gefährlichen Arbeitsbedingungen beschwert. Wie lief das ab?

Gemeinsam mit meinen Mitarbeitenden erstellte ich eine Liste mit Punkten, welche meiner Meinung nach wichtig zu berücksichtigen sind. Kurz: Dass Berührungspunkte wie Liftknöpfe, die Kaffeemaschine und Toilettentüren desinfiziert werden sollen.

Der Fakt, dass meine Mitarbeitenden mir beim Verfassen der Liste halfen, zeigte mir, dass meine Forderungen nicht illusorisch waren. Mein Vorgesetzter schien jedoch mit der ganzen Situation überfordert, was ich zu einem gewissen Mass auch verstehen kann.

Nach zwei Tagen gab es noch immer keine klaren Anweisungen an das Team. Ich wurde etwas lauter, das Team stellte sich geschlossen zusammen und forderte eine Lösung. Die kurzfristige Lösung war, dass wir Ferientage verwenden sollen, wenn wir nicht unter diesen Bedingungen arbeiten möchten.

Kurz darauf wurde Ihnen gekündigt. Wie lautete die Begründung?

Meine Forderungen seien illusorisch, man könne nicht literweise Desinfektionsmittel einkaufen, nur weil das BAG dies gerade für eine gute Idee halte. Auch sei es zu aufwändig, gewisse Stellen regelmässig zu desinfizieren. Man habe schlicht keine Zeit für solche Dinge. Man warf mir auch vor, ich hätte mein Team gegen unseren Vorgesetzten aufgehetzt, was die Stimmung in dieser ungewissen Zeit zusätzlich belastet. Zudem hätte ich mich geweigert, Überzeit zu kompensieren oder Ferientage einzusetzen.

Sie sind rechtlich gegen die Kündigung vorgegangen. Was ist daraufhin passiert?

Nach dem ersten Schockmoment war für mich schnell klar, dass dies keinesfalls mit rechten Dingen zugegangen ist. Ich habe daraufhin einen Juristen aus meinem Bekanntenkreis gefragt, ob er mir sagen könne, ob diese Kündigung missbräuchlich sei oder nicht. Er fand die ganze Situation so spannend, dass er sich für mich einsetzte. Es gab ein monatelanges hin und her, weitere Anschuldigungen und Behauptungen, was schliesslich in einer Sitzung mit der Schlichtungsstelle endete. Mein früherer Arbeitgeber ist noch immer davon überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Dass man mir jedoch eine Abfindung ausstellte, zeigt klar, dass eben doch etwas nicht ganz so sauber lief. Damit war die Sache für mich dann erledigt.

Wer half Ihnen am meisten durch diesen Prozess?

Meine zwei engsten Freunde und mein Anwalt waren zu dieser Zeit meine wichtigsten Anlaufstellen. Zum einen, weil sie die Sache mit etwas Distanz und Vernunft betrachteten, zum anderen, weil ich so jederzeit das Gefühl hatte, dass ich in dieser ungewohnten Situation nicht auf mich alleine gestellt bin. Mein Anwalt sagte mir regelmässig, dass ich an dieser Geschichte wachsen werde und das Gute an der Sache sehen soll.

Was raten Sie Menschen, deren Arbeitgebende sich nicht an die Covid-Bestimmungen halten? Wie soll man sich wehren?

Auf jeden Fall sollte man zuerst das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen. Wenn dies nicht hilft, gibt es je nach Kanton Anlaufstellen oder man meldet sich beim SECO. Da wurde mir an der Hotline geraten, einen Anwalt einzuschalten.

Was nehmen Sie aus dieser Situation mit?

Ich bereue nichts, was ich gefordert und getan habe und würde es nochmals genauso machen. Keinen Monat nach meiner Kündigung verwendete mein früherer Arbeitgeber meine Liste intern, weil das BAG die Auflagen verschärfte. Das zeigt mir, dass ich das Richtige getan habe. Ich betrachte die Sache nun aber als Chance. Mittlerweile bin ich an einem Ort gelandet, an dem ich abends weiss, dass ich etwas Gutes geleistet habe.

Nun arbeiten Sie als Contact Tracer. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich lasse mir frühmorgens, sofern möglich, zuerst ältere Personen zuteilen. Ich muss zwar einen Fragenkatalog abarbeiten, aber nehme mir gerne auch einige Minuten Zeit, wenn eine ältere Person etwas plaudern möchte. Bei vielen bin ich der einzige Kontakt zur Aussenwelt, der sich etwas Zeit nimmt für sie, auch wenn es nur ums Wetter oder tagesaktuelle Nachrichten geht. Dieser Austausch, den man beim Einkaufen oder im Bus hatte, fehlt vielen, weil sie fast zwei Wochen isoliert werden. Da probiere ich, etwas zu helfen. Gerade zu Beginn war es schwierig für mich, das gesunde Mass zu finden, um die Balance zwischen professionellem Auftreten und einer gewissen Menschlichkeit zu halten.

Was haben Sie an Ihrem neuen Arbeitsplatz lernen können?

Es gibt viele Chefinnen und Chefs, die sich selbst zu wichtig nehmen und zu wenig auf die Bedürfnisse des Teams achten. Gerade in einer ungewissen, schwierigen Zeit hilft es jedoch sehr, wenn Vorgesetzte ihre Angestellten regelmässig nach deren Befinden fragen und deren Wünsche und Anregungen auch ernst nehmen.

An meinem neuen Arbeitsplatz habe ich jede Woche ein Telefonat mit meiner Chefin. Sie fragt mich, wie es mir geht, ob ich etwas brauche oder ob es Probleme gibt. So merkte ich, dass ich mich jederzeit an sie wenden kann, wenn ich ein Anliegen habe. Ich musste wirklich lernen, dieses Angebot auch zu nutzen. An meinem letzten Arbeitsort gab es so etwas gar nicht. Und jetzt weiss ich auch, dass ich offen reden kann. Ohne, dass ich direkt mit Konsequenzen rechnen muss.

Interview Fatima Di Pane

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