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Die Zukunft ist langsam

25.03.2021
von SMA

Fussgänger und Velos – sie bekommen in Zukunft mehr Platz in Städten und schönere Strecken ausserorts. Einige Projekte illustrieren anschaulich, wie die Zukunft des Langsamverkehrs aussehen wird. 

«Die Lawine kommt immer mehr in Fahrt», freut sich Lukas Stadtherr, wenn er von der Entwicklung des Langsamverkehrs in der Schweiz spricht. Darunter versteht man den nicht-motorisierten Verkehr, also Radfahrer und Fussgänger. Stadtherr ist Geschäftsleitungsmitglied der Stiftung SchweizMobil, dem Netzwerk für den Langsamverkehr in der Schweiz. Ganz besonders fortschrittlich ist die Schweiz in der Koordination und Kommunikation ihrer Angebote für Freizeit und Tourismus. Schon mehr als 15 Länder Europas und in Übersee habe man zu entsprechenden Themen beraten.

Bessere Infrastruktur gefordert

Handlungsbedarf besteht seiner Meinung nach dagegen bei der landeseigenen Infrastruktur für den Langsamverkehr, vor allem mit Blick auf Velostrecken. Da gebe es zwar durchaus ermutigende Projekte und im Vergleich zu vor fünf Jahren sei die Situation vielerorts deutlich besser. Im internationalen Vergleich mit Städten in den Niederlanden und Deutschland seien diese in der Entwicklung fahrradfreundlicher Stadtverkehrsinfrastrukturen aber deutlich weiter. 

Neuorientierung braucht Zeit

Stadtherr sieht die Politik gefragt, hier Impulse zu geben. In den heute als Paradebeispiel geltenden Niederlanden habe es erst die Ölkrise der 70er Jahre für ein Umdenken weg von der Automobilzentrierung gebraucht. Nun, 45 Jahre später, könne das Land mit den Ergebnissen der verkehrspolitischen Neuorientierung glänzen. Grosse Hoffnungen setzt Stadtherr deshalb auf das in der Vernehmlassung befindliche Velogesetz. 

Umweltschutz und Gesundheit

Allerdings hat auch die Bundesverwaltung das Potenzial des Langsamverkehrs erkannt. «Der Langsamverkehr weist ein erhebliches, derzeit noch ungenutztes Potenzial zur Verbesserung des Verkehrssystems, zur Entlastung der Umwelt und zur Förderung der Gesundheit auf», heisst es beim Bundesamt für Strassen ASTRA. Deshalb strebe die schweizerische Verkehrspolitik nach einer Erhöhung des Langsamverkehrsanteils, sowohl beim Alltags- als auch beim Freizeitverkehr. Dieser soll neben dem motorisierten Individualverkehr und dem öffentlichen Verkehr zu einem gleichberechtigten dritten Pfeiler des Personenverkehrs werden. 

Das Veloweggesetz werde bald Instrumente liefern, um Kantone und Gemeinden im Bereich der Velo-Infrastrukturen und der Daten besser als heute zu unterstützen. Weil die Zahl der schweren Velo- und E-Bike-Unfälle seit Jahren steige, spiele die Verbesserung der Sicherheit eine wichtige Rolle, teilt der Kommunikationsverantwortliche des ASTRA, Benno Schmid, auf Anfrage mit. 

Bern, die Velohauptstadt

Auf diesem Weg geht die Stadt Bern ein wenig voran. Sie hat schon 2014 beschlossen, die «Velohauptstadt» der Schweiz zu werden und das Fahrrad aus seinem Schattendasein im innerstädtischen Verkehr zu befreien. Ausgehend von den Daten des Mikrozensus 2010 – damals bewerteten elf Prozent der Befragten das Velo als ihr innerstädtisches Hauptverkehrsmittel – soll die Quote bis 2030 auf 20 Prozent etwa verdoppelt werden, sagt Michael Liebi von der Fachstelle Fuss- und Veloverkehr der Stadt Bern. 

Integration schafft Konsens

Das Projekt bindet alle vom Veloverkehr betroffenen Verwaltungsstellen ein, von der Verkehrsplanung bis zum Schul- und Sportamt. Das soll das relevante Wissen breit streuen und eine solide Abstützung der Massnahmen erlauben. Darauf aufbauend erzielte man rasch sichtbare Veränderungen im Stadtbild. Das geschah teils bei ohnehin vorgesehenen Baumassnahmen, aber auch separat mit einfachen Dingen wie breiteren oder besser abgetrennten Velostreifen. «Für die Bevölkerung waren dadurch jedes Jahr Veränderungen sichtbar», sagt Liebi. 

Velos immer beliebter

Im Vergleich zum planerischen Ausgangsjahr 2015 habe man mittlerweile zwischen 10 und 20 Prozent des Hauptroutennetzes velofreundlich gestalten können. Der Anteil der Berner, die bevorzugt mit dem Velo in der Stadt unterwegs sind, beträgt nun mehr als 15 Prozent, konstatiert Liebi, gestützt auf den letzten durchgeführten Mikrozensus von 2015. Die Zahlen zeigen seitdem weiter nach oben. Messungen im Strassenverkehr ergaben in den vergangenen Jahren ein stetes Plus von rund zehn Prozent jährlich. Liebi schätzt, dass die Zahl der Velofahrenden in Bern zwischen 2014 und 2020 rund 50 Prozent gestiegen ist. Der aktuelle Mikrozensus, der diese Angaben genauer belegt hätte, musste wegen der Coronapandemie verschoben werden. Liebi ist aber zuversichtlich, dass Bern seine Ziele bei der Velonutzung rascher als geplant erreicht. 

Zu Fuss ins Grüne

Andere Modellprojekte befassen sich mit der Situation der Fussgänger*innen. Die Metropolitankonferenz Zürich verbindet in Form eines Vereins acht Kantone und 110 Städte und Gemeinden, um sich gemeinsamen Entwicklungsaufgaben aus verschiedenen Bereichen zu stellen. Ein Projekt für den Langsamverkehr untersuchte die Schnittstelle zwischen städtischer Agglomeration und ländlichem Naherholungsgebiet in zwei Regionen. Genau dort gebe es häufig Lücken, welche unsichere Situationen für Fussgänger*innen wie Velofahrer*innen schaffen würden. «Die Pilotprojekte verliefen gut, die Ergebnisse flossen in übergeordnete Verkehrskonzepte ein», konstatiert Walter Schenkel von der Geschäftsstelle der Metropolitankonferenz. Sie seien Best-Practice-
Beispiele, von denen alle Gemeinden etwas lernen könnten. Zu den Ergebnissen durchgeführte Veranstaltungen und eine vom ASTRA publizierte Broschüre hätten grossen Anklang gefunden, weil sie einfach zu erschliessende Optimierungspotenziale aufzeigten. 

Schönheit der Natur erschliessen 

Eins der Projekte befasste sich mit der Entwicklung des Rontals östlich von Luzern, wo in den nächsten 30 Jahren mit einem starken Bevölkerungs- und Arbeitsplatzwachstum zu rechnen ist. Die Verlagerung der Mobilität auf den Langsamverkehr hat dort für die Gesamtverkehrsplanung hohes Gewicht. Deshalb wurden in dem Tal die Längs- und Querverbindungen für den Fuss- und Veloverkehr optimiert. Es wurden diverse neue Wege, aber auch Längsverbindungen entlang des Flusses Ron gebaut. Die Einbettung der Langsamverkehrswege in attraktive Landschaftsbereiche steigert nun den Erlebniswerts der Gegend. Ausserdem können Fussgänger*innen und Velofahrer*innen die Naherholungsgebiete an Reuss, Ron und Rotsee leichter erreichen.

Text SMA

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