Der Mann, den alle «Spartacus» nennen, ist längst mehr als ein ehemaliger Radprofi: Er baut mit Tudor Pro Cycling ein Team auf, schickt Hobbyfahrer:innen auf seine Lieblingsrouten und bringt Kindern bei, warum zwei Räder die Welt verändern können. Im Gespräch spricht er über den Schweizer Sommer, die verbindende Kraft des Velos und die Frage, warum Freude nicht im Widerspruch zu Leistung steht, sondern ihre Grundlage bildet.
Fabian Cancellara, wenn es im Sommer nicht um Leistung oder Resultate geht: Was macht diese Jahreszeit für Sie aus?
Der Sommer ist für mich stark mit Sonne, Wärme und einer gewissen Leichtigkeit verbunden. Die Tage sind länger, man ist mehr draussen und nimmt die Natur intensiver wahr. Man kann abends noch draussen sitzen, Menschen treffen und etwas unternehmen, ohne dass Dunkelheit oder Kälte den Tag begrenzen. Das klingt vielleicht simpel, aber genau darin liegt für mich der Reiz. Ich mag auch den Winter, er gehört zur Schweiz dazu, doch der Sommer hat eine besondere Energie – nicht, weil immer alles perfekt ist, sondern weil diese Jahreszeit viel Positives mit sich bringt.
Sie haben als Kind mit einem alten Velo aus der Garage Ihres Vaters begonnen. Was hat sich an dieser ursprünglichen Begeisterung bis heute erhalten?
Das Material hat sich natürlich komplett verändert. Die Velos sind heute leichter, schneller, technischer. Aber das, was mich von Anfang an fasziniert hat, ist gleich geblieben: die Freude an der Bewegung, an der Natur und am Gefühl, unterwegs zu sein. Auf dem Velo entsteht ein eigener Rhythmus. Man fährt durch eine Stadt und plötzlich ist man draussen. Dann kommt vielleicht ein See, ein Hügel, eine Strasse, die man noch nicht kennt. Dieses Gefühl, im Flow zu sein und Neues zu entdecken, ist für mich bis heute zentral geblieben. Am Anfang war es ein altes Velo aus dem Keller, heute ist vieles professioneller. Aber die Grundfreude? Die hat sich nicht verändert.
Was braucht es für eine gute Ausfahrt?
Eigentlich gar nicht so viel (lacht). Ich mag es, wenn eine Ausfahrt etwas Spontanes hat. Wenn man eine neue Strasse findet und plötzlich an einem Ort landet, an dem man noch nie war. Es muss nicht immer ein grosser Plan dahinterstehen. Manchmal reicht es, loszufahren und zu schauen, wohin einen die Strasse bringt. Gerade in der Schweiz ist das ein grosses Privileg. Man ist sehr schnell in den verschiedensten Umgebungen. Aus der Stadt heraus kommt man in die Natur, an einen See, in ein Tal. Entscheidend ist für mich nicht nur das Ziel, sondern das Erlebnis dazwischen: der Moment, die Landschaft und das Gefühl, für eine gewisse Zeit ganz bei sich zu sein.
Sie sind in Bern verwurzelt und haben die Schweiz während Ihrer Karriere oft aus der Perspektive der Rennen erlebt. Gibt es eine Route oder Region, die für Sie im Sommer nie ihren Reiz verliert?
Es ist schwierig, eine einzige zu nennen. Ich fahre rund um Bern sehr gerne, weil man schnell verschiedene Landschaften erreicht. Richtung Seen und über kleinere Strassen, in ruhigere Gegenden. Für mich geht es dabei weniger darum, eine Route als die schönste zu bezeichnen. Wichtig ist, dass sie Freude bringt. Wenn ich draussen bin, die Natur sehe, Wasser, Berge oder einfach eine ruhige Strasse vor mir habe, dann reicht das oft schon aus. In der Schweiz kann man fast überall schöne Ausfahrten finden – das ist ein grosser Luxus, den man schätzen sollte.
Mit «Chasing Cancellara» ermöglichen Sie Hobbyfahrer:innen, ikonische Routen selbst unter die Räder zu nehmen. Was fasziniert Sie daran, Menschen auf diese Weise für den Radsport und die Schweizer Landschaft zu begeistern?
Mich fasziniert, dass Menschen dadurch ein eigenes Abenteuer erleben. Für viele ist so ein Anlass ein Fixpunkt im Jahr, etwas, worauf sie hinarbeiten. Es geht um eine persönliche Challenge, aber auch um ein Erlebnis, das man mit anderen teilt. Wer startet und das Ziel erreicht, hat etwas geschafft. Das ist für mich sehr wichtig: Am Schluss ist jede Person, die diese Strecke macht, eine Gewinnerin oder ein Gewinner. Gleichzeitig erlebt man die Schweiz auf eine Art, die kaum zu beschreiben ist. Man fährt nicht einfach durch eine Landschaft, man nimmt sie mit dem ganzen Körper wahr. Man spürt den Anstieg, den Wind, die Kälte am Morgen, die Wärme am Tag. Bei gewissen Formaten startet man früh, manchmal noch im Dunkeln, und erlebt dann, wie der Tag langsam anbricht. Diese Momente begleiten einen oft noch lange nach der Ziellinie.
Wer auf höchstem Niveau bestehen will, muss bereit sein, viel zu investieren. Disziplin, Willenskraft, Opfer – das gehört alles dazu.– Fabian Cancellara
Heute gestalten Sie den Profiradsport zusätzlich mit Tudor Pro Cycling mit. Was möchten Sie jungen Fahrer:innen mitgeben, wenn es um die Balance zwischen Ehrgeiz, Erholung und Freude am Sport geht?
Zuerst muss man ehrlich sein: Spitzensport ist kein Zuckerschlecken. Wer auf höchstem Niveau bestehen will, muss bereit sein, viel zu investieren. Disziplin, Willenskraft, Opfer – das gehört alles dazu. Profisport ist ein klassischer Beruf und kein einfaches Hobby. Das muss man wissen, wenn man diesen Weg geht. Trotzdem bleibt die Freude immer die Basis. Ohne Passion und ohne inneren Antrieb wird es sehr schwierig, jeden Tag die nötige Energie aufzubringen. Ehrgeiz allein reicht nicht. Man muss wissen, wofür man trainiert und warum man bereit ist, auch schwierige Phasen durchzustehen. Der Wille zum Erfolg muss aus etwas kommen, das tiefer liegt als nur Resultate.
Daten, Ernährung, mentale Belastung – der Radsport ist heute hochkomplex. Wie wichtig ist es, Räume zu schaffen, in denen Bewegung wieder einfach Freude machen darf?
Sehr wichtig. Eine professionelle Organisation ist leistungsorientiert und das muss sie auch sein. Aber man darf nicht vergessen, dass am Ende ein Mensch auf dem Velo sitzt und keine Maschine. Wenn man nur auf Zahlen und Daten schaut, verliert man irgendwann das Entscheidende. Bei Tudor Pro Cycling versuchen wir deshalb, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht nicht darum, Leistung auszublenden. Leistung gehört dazu. Aber man braucht einen Rahmen, in dem Fahrerinnen und Fahrer nicht nur Druck verspüren, sondern auch wachsen können. Freude ist kein Gegensatz zu Professionalität – im Gegenteil. Ohne Freude fehlt auf Dauer die Grundlage, um Belastung, Druck und Rückschläge auszuhalten. Das gilt im Radsport genauso wie in jedem anderen Bereich des Lebens.
Mit «Kids on Wheels» führen Sie Kinder spielerisch ans Velofahren heran. Was kann ein Sommer auf dem Velo einem Kind vermitteln, das über Sport hinausgeht?
Zuerst einmal: Spass, Bewegung und das Gefühl, draussen zu sein. Es geht nicht darum, dass jedes Kind später Rennen fahren soll. Viel wichtiger ist es, dass Kinder merken: Ich kann mich bewegen, ich kann etwas ausprobieren, ich kann mit anderen etwas erleben. Das gibt Selbstvertrauen. Gleichzeitig geht es auch um Zugang. Nicht alle Familien haben dieselben Möglichkeiten und nicht jedes Kind hat ein eigenes Velo. Wenn man ihnen trotzdem eine Plattform gibt, auf der sie mitmachen können, öffnet man ihnen neue Türen. Genau das ist der Gedanke von «Kids on Wheels». Zusätzlich passiert auf dem Velo etwas, das ich sehr schön finde: Auf dem Velo sind alle gleich. Es spielt keine Rolle, aus welcher sozialen Schicht jemand kommt oder welche Sprache jemand spricht. Auf dem Velo zählt der gemeinsame Moment. Für Kinder wie für Erwachsene ist das unglaublich wertvoll, weil sie erleben, wie Bewegung Menschen verbindet.
Wenn Sie an einen perfekten Sommertag in der Schweiz denken – wie sähe der aus?
(Überlegt kurz) Er muss nicht kompliziert sein. Berge, kurze Hosen, Sonnencreme, lange Tage und gute Gesellschaft – und das mit Menschen, mit denen man gerne Zeit verbringt. Vielleicht beginnt der Tag irgendwo draussen in der Natur, mit etwas Bewegung und gutem Wetter, doch am Ende geht es darum, zufrieden zu sein, zur Ruhe zu kommen und den Moment zu geniessen. Ein schöner Sommertag ist für mich gelungen, wenn man am Abend denkt: Das war ein guter Tag. Mehr braucht es nicht.
Coverbild © Tudor Pro Cycling

Schreibe einen Kommentar