Yann Sommer hat im Schweizer Fussball Spuren hinterlassen, die weit über einzelne Spiele hinausreichen. Im Gespräch erzählt der Torhüter von seinem idealen Sommertag, der besonderen Nähe zur Schweiz, prägenden Turnierabenden und davon, welche Erinnerungen er seinen Töchtern mitgeben möchte.
Yann Sommer, Ihr Name passt fast zu gut zu dieser Ausgabe. Wenn Sie Ihren idealen Sommertag beschreiben müssten, wie würde dieser aussehen?
Ich würde den Tag früh beginnen, in Ruhe ein gutes Frühstück geniessen und die ersten Sonnenstrahlen auf mich wirken lassen. Danach ginge es gemeinsam mit Freunden und der Familie an einen See in der Schweiz. Dort würde ich schwimmen, Zeit am Wasser verbringen und den Tag ganz entspannt auf mich zukommen lassen. Am Abend dürfte ein Grillabend in guter Gesellschaft natürlich nicht fehlen. Es wäre ein Sommertag ohne grosses Programm, aber mit allem, was für mich zählt: Natur, gutes Essen, vertraute Menschen und genügend Zeit, den Augenblick zu geniessen.
Sie leben und arbeiten seit vielen Jahren im Ausland. Was verändert sich am Blick auf die Schweiz, wenn man sie nicht jeden Tag vor der Haustür hat?
Wer lange im Ausland lebt, entdeckt nicht nur viele neue Orte, Kulturen und Lebensweisen, sondern erkennt auch deutlicher, was die eigene Heimat ausmacht. Ich vermisse die Natur, die klare Luft, die Seen und die Berge, aber auch die Schweizer Kultur und das Lebensgefühl. Wenn man nicht ständig hier ist, nimmt man vieles bewusster wahr. Die Freude auf die Rückkehr wächst und vermeintlich selbstverständliche Dinge bekommen einen neuen Wert. Sobald ich wieder in der Schweiz bin, stellt sich dieses vertraute Gefühl fast augenblicklich ein.
Viele verbinden den Schweizer Sommer mit Grillabenden und Auszeiten in der Natur. Gibt es für Sie einen Ort oder ein Ritual, das sich sofort nach Heimat anfühlt?
Seen und Flüsse werden für mich immer eng mit Heimat verbunden sein. Viele dieser Orte habe ich schon als Kind entdeckt und mit besonderen Erinnerungen verknüpft. Wenn ich heute dorthin zurückkehre, fühlt sich vieles sofort wieder vertraut an. Im See baden, durch den Wald spazieren oder in den Bergen wandern – oft sind es gerade diese einfachen Erlebnisse, die mich der Schweiz besonders nahebringen. Ein festes Ritual braucht es dafür nicht. Manchmal genügen bereits die klare Luft, die vertraute Landschaft oder der Blick aufs Wasser, damit dieses Heimatgefühl zurückkehrt.
Im Profifussball fällt genau diese Jahreszeit oft mit Vorbereitung, Training und Turnieren zusammen. Was bedeutet Sommer für Sie, eher Erholung und Abstand oder Arbeit an der nächsten Saison?
Für mich vereint der Sommer beide Seiten. Einerseits ist er eine Zeit der Erholung, in der ich die Ferien, gemeinsame Momente mit Familie und Freunden sowie die warmen Tage in der Natur geniesse. Andererseits richtet sich der Blick bereits auf die nächste Saison. Training, körperlicher Aufbau und die Vorbereitung auf die kommenden Aufgaben gewinnen dann zunehmend an Bedeutung. Ich empfinde diese Mischung aber nicht als Widerspruch. Im Gegenteil: Der Sommer gibt mir die Möglichkeit, neue Energie zu sammeln und zugleich Schritt für Schritt wieder in den sportlichen Alltag zurückzufinden.
Legendäre Momente wie das EM-Spiel gegen Frankreich 2021 oder der Sieg gegen Italien 2024 haben die gesamte Schweiz mitfiebern lassen und vielen Menschen besondere Erinnerungen geschenkt. Wenn Sie heute auf diese Sommerabende zurückblicken: Was nehmen Sie aus solchen Momenten besonders mit?
Ich nehme vor allem sehr viele Emotionen mit. Ich empfinde Stolz, wenn ich an diese Abende zurückdenke, und erinnere mich an grossartige Momente mit der Mannschaft und mit der Schweiz als Nationalteam. Solche Erlebnisse geben einem etwas fürs ganze Leben mit. Besonders schön ist es, zu sehen, dass diese Spiele die Menschen auch Jahre später noch berühren. Man wird darauf angesprochen, hört persönliche Geschichten und merkt, welche Bedeutung diese Abende für viele haben.
Für mich ist der Schweizer Sommer warm, lebendig und eng mit der Natur verbunden. Seen, Flüsse und die vielen Möglichkeiten, Zeit im Freien zu verbringen, prägen die Jahreszeit.– Yann Sommer
Gleichzeitig erinnert man sich daran, welche Herausforderungen man als Team gemeistert hat. In solchen Momenten steckt unglaublich viel Arbeit, Anspannung und Zusammenhalt. Dass ich mit der Schweiz solche Spiele erleben durfte, ist für mich eine riesige Freude und Ehre. Diese Erinnerungen bleiben nicht nur wegen der Resultate, sondern wegen all der Gefühle, die damit verbunden sind – innerhalb der Mannschaft und im ganzen Land.
2026 steht wieder ein grosser Fussballsommer im Zeichen der Weltmeisterschaft bevor – zum ersten Mal ohne Sie im Schweizer Tor. Wie fiebern Sie aus der Distanz mit der Mannschaft mit?
Ich fiebere sehr intensiv mit der Mannschaft mit. Natürlich werde ich die Spiele verfolgen und dem Team die Daumen drücken. Es ist schön, die Perspektive zu wechseln und die Nationalmannschaft nun aus der Ferne anzufeuern zu dürfen. Nach all den Jahren, in denen ich selbst auf dem Platz stand, ist das eine neue Erfahrung. Ich kann die Spiele anders betrachten, bleibe dem Team aber emotional sehr verbunden. Ich freue mich darauf, zuzuschauen, mitzufiebern und viele erfolgreiche Momente mitzuerleben.
Was würden Sie jungen Sportlerinnen und Sportlern für den Sommer mitgeben: Wie findet man die richtige Balance zwischen harter Arbeit, bewusster Erholung und der Fähigkeit, diese besondere Zeit auch einfach zu geniessen?
Das ist keine einfache Frage. Jede Person geht anders mit Belastung und Erholung um. Was mir persönlich guttut, ist, dem Kopf nach einer langen Saison, in der viel Druck und viele Aufgaben zusammenkommen, bewusst eine Pause zu geben. Das empfinde ich als sehr wichtig. Man muss sich erlauben, Energie zu tanken und für eine gewisse Zeit Abstand zu gewinnen. Nur so kann man später wieder bereit für neue Herausforderungen sein.
Erholung bedeutet dabei nicht zwingend, gar nichts zu tun. Es kann genauso guttun, Sport zu treiben, neue Aktivitäten auszuprobieren oder sich auf eine andere Weise zu bewegen. Entscheidend ist, einen gesunden Ausgleich zu finden. Dazu gehört für mich auch, Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Ferien, Freizeit und Regeneration sind genauso wichtig wie Leistung und harte Arbeit. Wer langfristig Freude an seinem Sport haben möchte, muss lernen, den Kopf freizubekommen und die schönen Seiten bewusst wahrzunehmen.
Neben dem Fussball nehmen auch Kochen, Musik, Fotografie und Architektur einen wichtigen Platz in Ihrem Leben ein. Wie schaffen Sie es, diese unterschiedlichen Welten miteinander zu balancieren und was bedeutet Ihnen eine kreative Seite im Alltag?
Eine kreative Seite bedeutet mir sehr viel und gibt mir entsprechend viel zurück. Fussball und Leistungssport sind immer auch mit Druck verbunden. Man ist häufig unterwegs, muss viele Aufgaben bewältigen und wird körperlich wie mental stark gefordert. Natürlich geraten manche Interessen phasenweise in den Hintergrund. Trotzdem versuche ich, Musik, Kochen, Fotografie und andere Aktivitäten bewusst in meinen Alltag einzubauen. Auch Projekte mit Partnern ausserhalb des Fussballs helfen mir dabei, verschiedene Seiten von mir auszuleben. Das schafft eine gute Balance zwischen Beruf und Privatleben, erweitert meinen Horizont und eröffnet mir neue Perspektiven. Gerade die Beschäftigung mit ganz anderen Themen sehe ich als besonders bereichernd, weil sie neue Gedanken anstösst und Fähigkeiten fordert, die im Fussball vielleicht weniger im Vordergrund stehen.
Als Vater von zwei Töchtern erleben Sie den Sommer auch als Familienzeit. Wenn Sie an die gemeinsame Zeit denken: Welche Erinnerungen sollen Ihren Kindern aus der warmen Jahreszeit bleiben?
Ich wünsche mir vor allem, dass ihnen das Gefühl von Freiheit in Erinnerung bleibt. Im Sommer kann man viel draussen sein, die Sonne spüren, neue Orte entdecken und einfach Kind sein. Man darf spielen, lachen und den Tag geniessen, ohne sich um allzu viel kümmern zu müssen. Genau solche unbeschwerten Momente gehören auch zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen an diese Jahreszeit.
Oft sind es dabei gar nicht die grossen Erlebnisse, sondern die ganz einfachen Augenblicke. Wenn wir gemeinsam an einem neuen Ort sind, auf einem Bänkchen sitzen und einfach die Zeit miteinander geniessen, hoffe ich, dass sie später gern an solche Sommertage zurückdenken. Ihnen diesen Raum für ein freies und unbeschwertes Kindsein zu geben, ist für uns als Eltern sehr wichtig.
Wenn Sie den Schweizer Sommer jemandem beschreiben müssten, der ihn noch nie erlebt hat: Was macht ihn so besonders?
Für mich ist der Schweizer Sommer warm, lebendig und eng mit der Natur verbunden. Seen, Flüsse und die vielen Möglichkeiten, Zeit im Freien zu verbringen, prägen die Jahreszeit. Die Menschen zieht es nach draussen, die Stimmung wird leichter und der Alltag fühlt sich für einen Moment unbeschwerter an. Genau diese Verbindung aus Wasser, Wärme, Natur und Lebensfreude macht den Schweizer Sommer für mich so besonders.
Coverbild © Steindy, Wikimedia Commons CC-BY 3.0

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