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Zürich
30 März 2020

Von der Titanic und dem digitalen Paralleluniversum.

Hoch über uns schreitet sie in grossen Schritten einher: die Digitalisierung. Ein verharmlosender Begriff, der in aller Munde ist, ohne dass sich die meisten der Tiefe seiner Auswirkungen auf unsere Gesellschaft bewusst sind. Begonnen hat alles ziemlich unauffällig mit Digitaluhren, deren Digitalanzeigen die klassischen Zeiger (Digits) und ihre durch feinmechanische Kunstwerke kontinuierlich gesteuerten Bewegungen auf einen Schlag überholt haben. Was dann folgte, war nichts Geringeres als die Entstehung eines digitalen Paralleluniversums. Alimentiert durch den Computer und der zugehörigen Wissenschaft, die Informatik.

Die Liegestühle der Titanic

Worin liegt nun aber die Bedeutung der Digitalisierung für die Zielgruppe dieses Editorials, die KMUs? Um dies metaphorisch zu erklären, kommt mir ein Zitat des Philosophen Richard David Precht äusserst gelegen. In einem kürzlichen Interview hat er den Entscheidungsträgern unserer Geschäftswelt zum Vorwurf gemacht, dass sie immer noch damit beschäftigt seien, «die Liegestühle auf der Titanic umzudekorieren». Sprich mit Verbesserungen in der klassischen Welt, statt den Schritt in die digitale Welt zu tun.

Vor 50 Jahren half ich als Mitarbeiter der damaligen Swissair bei der Entwicklung eines Systems mit. Ein System, welches die weltweite Flugreservation «computerisieren» sollte. Die manuelle Methode mit Hunderten von Einträgen auf riesigen Anzeigetafeln und Agenten, die mit Ferngläsern darauf starrten, war an ihre Grenzen gestossen.

So innovativ dieses und ähnliche Computerprojekte in der Pionierzeit auch gewesen sein mögen. So klar sei gesagt, dass die wahre Innovation der digitalen Revolution nicht in der noch so raffinierten Verwendung des Computers zur Unterstützung des klassischen Geschäfts liegt. Sondern in der Zentralisierung seiner Bedeutung für das Geschäft selbst. Innovative Produkte sind solche, die ohne Computer unmöglich, wenn nicht sogar undenkbar wären.

Innovative Produkte sind solche, die ohne Computer unmöglich, wenn nicht sogar undenkbar wären.

Information ist alles

Der oft Paul Getty zugeschriebene Aphorismus «Information is the Oil of the New Century» trifft diesbezüglich den berühmten Nagel auf den Kopf. Güter des digitalen Zeitalters sind häufig immateriell. Sie beruhen auf «Soft Factors» wie Information, Funktionalität oder Vertrauen. Paradebeispiel ist Google’s Suchmaschine.

Eine Hierarchiestufe höher stehen die Geschäftsmodelle. Startups sind ein prominentes Beispiel innovativer Geschäftsformen. Beispiele anderer Art betreffen die Vermarktung von Medienprodukten wie Songs und Filme via Streaming statt via CD und DVD. Aber auch allgemein die qualitativen Verbesserungen im so genannten «B2C» (Business to Client) in Form von «Produkteapps», «Elektronischen Assistenten» und «Chatbots». Noch weitgehend unausgeschöpft ist ferner das Potenzial der «Personalisierung» von Produkten.

Für bestehende Firmen stellt sich die Frage, ob und wie sie ihr Geschäft weiterführen sollen. Als das Unternehmen Xerox Anfang der 1970er Jahre den Patentschutz für Fotokopierer verlor und fürchtete, Marktanteile an japanische Hersteller zu verlieren, gründete ein weitsichtiges Management das berühmte Palo Alto Research Center. Zum Verdruss der Firma entwickelte dieses in der Folge jedoch keine besseren Kopiergeräte, sondern nichts Geringeres als den Personal Computer in seiner heutigen Form.

Kein Licht ohne Schatten. Ein heikles Thema ist der Datenschutz. Über den Verlockungen für Unternehmen, Kundendaten zu sammeln, auszuwerten und geschäftlich zu nutzen, schwebt ab dem 28. Mai dieses Jahres das Damoklesschwert eines neuen Datenschutzgesetz (DSGVO) der EU, welches die Transparentmachung der Weitergabe persönlicher Daten verlangt.

Licht oder Schatten. Die metaphorische Quintessenz der Herausforderung für Unternehmen im digitalen Zeitalter bleibt der Schritt von der Titanic in die digitale Welt.

Text: Jürg Gutknecht, Präsident Schweizer Informatik Gesellschaft SI

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